Mittwoch den 11. Juni.
Nr. 85.
1902
WMMW
DMSÄM
W
E^rN
W adeln ist leicht; deshalb »ersuchen sich so viele darin. Mit Ver- M stand loben, ist schwer; darum thun cs so wenige.
V Feuerbach.
(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Später als Armin und Traute zusammen eine große Kiste mit Arinins Steinsammlungen und anderen Schützen packten, lief Hulde allein hinaus in den Park.
Es war, als erwarte sie etwas oder jemand, denn sie spähte immer wieder die große Allee hinunter, die auf die Landstraße führte, und achtete nicht des seinen, durchdringenden Regens, der ihr ins Gesicht sprühte.
Sie zog den Regenmantel sester um die schlanke Gestalt Und ging rastlos in den Parkwegen auf und ab. Das tote Laub rauschte unter ihren Füßen und welke, verwaschene Rosen auf den Blumenbeeten sahen sie traurig an. Hulde schauerte zusammen, ein Frösteln ging ihr durchs Herz. Sie lehnte an einem Baumstamm unter dem schützenden ilvch vollen Blätterdach! und große Thränen liefen über ihre blasseli Wangen.
Ach, wie that das Scheiden so weh und wie bang blickte sie plötzlich in die Zukunst mit einer ungelösten Frage im
Plötzlich, horch! Was war das? Ein freudiges Aufleuchten ging über ihre Züge, ein Wagen rollte in die Einfahrt des Parkes.
Er war es! Gewiß, ihre Ahnung hatte sie nicht betrogen.
Ein Mietswagen kam die Allee herunter, Hulde eilte ihm entgegen. Der Wagen hielt und ein junger Offizier in Leutnantsuniform sprang heraus.
„Hulde!" weiter war er keines Wortes mächtig. Er sah das blasse, verweinte Gesicht und eine starke Erregung zuckte über seine hübschen, gutherzigen Züge. Der Wagen suhr langsam dem Hof zu und das junge Paar schritt ihm auf einem Umweg durch den Park nach. Der Leutnant, Egon von Lodenstein, ein Neffe von Frau Velten, war fast wie ein Bruder mit seinen Cousinen ausgewachsen und hatte stets eine starke Vorliebe sür Hulde gezeigt, die nur sechs Jahre jünger war als er. Doch war der Verkehr zwischen Vetter und Cousine bisher stets streng in den Schranken der Konvenienz geblieben, denn Frau Velten erlaubte ihren Töchtern auch, nicht die harmloseste Intimität mit jungen Männern. W war als ob das Leid, das über Huldes junges Leben hereingebrochen war, diese Schranke zum ersten Male niederreißen sollte.
schrie fast entsetzt auf, ? Bist Du verrückt?"
um Eure Einwilligung bitten."
Sie vergast, den Vater über die Person chres Verlobten aufzuMren, und Herr Velten " "" 0 2 m' ' „Wa—«—as? Wer hat sich verlobt. ..... ...
Egon hielt Huldes Hand fest in der seinen und streichelte sie unaufhörlich.' Tie ganze, tiefe Teilnahme seines warmen, übervollen Herzens lag in dieser zarten Liebkosung, die er sich noch nie bisher erlaubt hatte. Und Hulde, die sonst das Muster vornehmer Zurückhaltung war, die Egon noch nie ihre wahren Gefühle verraten hatte, in echt mädchenhaftem keuschen Stolz, der erobert sein will, ließ ihm heute ohne Widerstand 'die kleine, zitternde, kalte Hand.
Ach> das Leid war zu groß, zu neu in ihrem Leben, sie brauchte den Trost eines Glücksjgefühls zu nötig und sie wußte, dcH sie an einer Krisis stand, die ihr entweder jede Hoffnung ihrer heimlichen Wünsche rauben oder dieselben erfüllen mußte.
Ein leises Beben, ein Aufschluchzen ging durch ihren Körper. Sie hatte das Köpfchen gesenkt und sprach kein Wort, während der Regen über ihre Wangen und an den Falten ihres Mantels herniederfloß und ihr die blonden Haare naß in die Stirn hingen. Sie bot einen traurigen, rührenden Anblick, und das war zuviel für das liebeheiste Herz des jungen Mannes. In dem alten Lindengang war's, unter einer durch einen Blitzstrahl mitten entzwei geborstenen Linde, einem Lieblingsspielplatz ihrer Kinderjahre, wo er sie plötzlich fest an seinem Herzen hielt.
Wie war es nur gekommen? Sie wußten es beide nicht und die Schauer der ersten Liebeswonne schlossen ihnen den Mund. Sie hatten nur den unaussprechlichen Blick der Liebe sür einander und ihre Lippen fanden sich bebend in dem ersten, scheuen Kuß, mit dem sie sich, wie sie wußten, auf Leben und Tod vereinten. Es bedurfte auch weiter keiner Worte zwischen ihnen, sie wußten genau, was nun geschehen mußte. Sie gingen geradenwegs in das Haus, die Eltern zu suchen. Und so geschah es, daß Herr und Frau Velten im dunklen Weinkeller bei einer qualmenden Oellampe, mitten in dem; prosaischen Geschäft, die Weinsorten zum Verpacken zu sondern, darum angegangen wurden, dem jungen Paare ihren Segen zu geben. Das Außergewöhnliche wurde jedoch nicht sofort von ihnen begriffen und bei der mangelhaften Beleuchtung erkannten sie Egon nicht gleich.
„Lieber Papa", begann Hulde feierlich,
„Ach!, Kind, gut, daß. Äu kommst, zähle doch mal schnell/ wie viel Flaschen Medoc dort in der Ecke stehen!"
„Papa, ich komme nicht allein —"
„Um so besser. Wer ist denn da noch? Ah, Fritz Krüger" (Herr Velten hielt Egons Uniform im Dunkel für die Livree° des Leibrutsch ers), „schnell, Fritz, Tu kannst hier die Kiste zunageln, und dann nimm doch mal den Besen —" er drückte Egon den Besen in die Hand, da lachte Hulda laut auf: t
„Wer Papa, wir haben uns ja verlobt und wollten Euch


