Ausgabe 
11.4.1902
 
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werfend,Tu hast es also für gut befunden, das Studium aufzugeben?"

Ja, hm! Tie Sache war nämlich die, daß! t wollen wir uns nicht setzen, Schwiegervater?"

Und nun kam seine drollige Geschichte, wie er vor ein paar Tagen einen kleinen Ausflug nach Malmö semacht hatte, imt> dort durch ein merkwürdiges Zu- ammentreffen von Umständen an einer Tampfmühle hängen geblieben war, deren Pächter sich aus dem Staube gemacht hatte. Es war dies ein Geschäft, das einen so kolossalen Ertrag versprach, daß er auf den Kopf gefallen sein müßte, wenn er nicht darauf einginge.

Ja", sagte der Redakteur, den Unterkiefer nach der einen Serie hinschiebend, und die fünf Finger der rechten Hand ausspreizend,wenn Dein Gewissen Dich W diesem Schritt treibt, so ist nichts gegen die Sache zu sagen".

Thomas wußte sehr wohl, daß es etwas gab, was Gewissen hieß, er hatte selber eins; aber offen gestanden fand er, daß er nur selten Verwendung für diese Einrichtung hatte.

Wie geht es Dir denn sonst, Schwiegervater?" Sragte er, nachdem er die Gewissensfrage in einen glück- ichen Wust von wirrem Gerede hineingetrieben hatte, wo sie schließlich selbst ihrem Urheber abhanden feint.

Wie kann es einem gehen, wenn man in einem steten Regen von Unannehmlichkeiten lebt?" erwiderte der Redakteur, sich über das dünne, graue Haar fahrend, das ihm flach auf dem Scheitel lag, als sei es von heftigen Hagelschauern niedergeschlagen.

Du solltest das dumtne Blatt aufgeben, Schwieger­vater, und nach Ostholmstrup hinausziehen. Das Baden in der Köger Bucht würde Dir gut thun."

Ter Schwiegervater sagte nichts, sondern stieß nur das höhnische WortUnsinn!" hervor, worauf sich Thomas veranlaßt sah, einen etwas weniger kamerad­schaftlichen Ton anzuschlagen.

Ter Redakteur ging in sein Arbeitszimmer hinüber, wo ein angefangener Artikel über den Leichtsinn der Zeit feiner Vollendung harrte.

Thomas nahm Helenens Hände, und schwenkte sie nach rechts und links; durchströmt von Liebesdrang, erfüllt von einem glücklichen Wohlsein, stand er eine Weile da, und sah sie mit strahlenden Augen an. Daß dies kleine, süße, treue Mädchen in kurzer Zeit zu ihm in die Fremde ziehen, und seine kleine, süße, treue Gattin werden sollte!

Was meinst Du, Helene? Wir bauen uns so ein nichtig warmes, gemütliches Nest für uns selber, wo wir fitzen, und glücklich sein können."

Du vergißt die Mutter!" sagte sie, und machte eine Bewegung mit dem Kopfe nach dem Schlafzimmer hin, wo Frau Rabe verschwunden war.

Thomas zuckte die Achseln, und seufzte.Ja, ja, mein Schatz, unsere Zeit kommt wohl auch einmal. Ich glaube nicht, daß Du Dich so sehr nach mir sehnst, wie ich mich nach Dir, wenn wir voneinander getrennt sind."

Weswegen glaubst Du das nicht?"

Ich weiß nicht so recht. Aber manchmal bin ich nahe daran, den Verstand zu verlieren vor lauter Sehnsucht."

Sie drückte ihm die Hand.Du guter, lieber Thomas."

Als Helene des Abends in ihre Kammer gekommen war, setzte sie das Licht auf die Kommode und zog eine Schublade heraus, nm ein Tuch zu suchen. Alles lag noch bunt durcheinander nach der Reise.

Plötzlich zuckte sie zusammen. Ein kleiner dürrer Buchenzweig war ans dem Buch herausgefallen, das sie beiseite legen wollte. Sie wußte gar nicht, daß sie diesen Zweig noch besaß, sie hatte das Buch seit langer Zeit nicht in Händen gehabt.

Ein leichter würziger Duft entstieg den trockenen Blättern.

In stillem Hingleiten zwischen den vielfarbigen Bildern der Erinnerung und der Einbildungskraft stand fie da, den Zweig in der Hand, den geflochtenen Docht anstarrend, der sich rotglühend in der Flamme krümmte.

Ein leichter Nebel stieg vor ihren Augen auf und schuf einen schwachen Regenbogenglanz um den kleinen,

schläfrigen Feuerpunkt; im selben Augenblick aber begann der Lichtglanz zu flackern und zu beben, wie durch Zauber­hauch er nahm zu an Stärke, verbreitete sich über einen großen Saal mit goldenen Spiegeln und Leisten, über ein Gewimmel von jungen, frohen Menschen, die sich in lustigem Spiel tummelten.

Ein Faden wurde hingehalten, zwei Gesichter näherten sich einander, kauend, lachend, das eine mit weißen Zähnen und schwarzem, weichem Barthaar, ein ganzer Kranz von Köpfen und unzähligen Locken, Blumen, blitzenden Pin- cenezgläsern versammelte sich um sie, dichter näherten sich die beiden Münder einander, die Luft zwischen ihnen wurde warm, ein eigentümliches Kitzeln machte sich an den Lippen bemerkbar; endlich zog sich das eine Gesicht errötend zurück unter einer Salve von Händeklatschen und Gelächter.

Helene richtete sich auf, und schöpfte mehrmals lang­sam und tief Atem. Aber der Lichtglanz verbreitete sich weiter über Feld und Wald, den ganzen Himmelsraum mit einem zitternden, weißlichgelben Licht erfüllend, das sich in einem braunen Wasserspiegel brach und zwischen Schilf und Wasserrosen spielte. Auf einer Rasenbank unter einer Hagebuche saßen zwei junge Menschenkinder. Die­selben zwei. Vom Walde her ertönte Lachen und Rufen, aber die Töne drangen zu ihnen nur mit jenem un­bestimmten Wohllaut, den ein Rufen im Walde an einem warmen Sommertage haben kann. Sie saßen und sprachen so freundlich miteinander, wie ein paar Geschwister, bald ernsthaft, bald scherzend. Hin und wieder zog ein Luft­hauch über das Moor, bildete lange streifige Schatten über der Wasserfläche, huschte durch das Schilf, und nahte zu ihnen mit einem Duft von Moorbalsam und Sumpf­pflanzen. Da kam einer von jenen Einfällen, mit denen sich ein paar große Kinder belustigen können.Ist es nicht sonderbar", fragte er,daß man fortwährend mit den Augen blinzelt? Man weiß es nicht, aber man kann es nicht lassen."

Tas kann man doch sicher, wenn man nur will", meinte sie.

Nein, man kann es nicht. Versuchen Sie es ein­mal, mir in die Augen zu sehen." Er beugte sich vor, und sie begannen, einander fest anzusehen.Ja, jetzt müssen Sie mich auch ordentlich ansehen, so ganz fest", kommandierte er, und ließ seine kohlschwarzen Augen­brauen den tiefen, ruhigen Blick beschatten. Lange hielt sie aus, ohne zu blinzeln; nach und nach aber empfand sie eine wunderliche Hitze, die ihr in den Kopf stieg, es war ihr, als schaue sie in eine bräunliche Tiefe hinab, auf deren Grund es glänzte und flammte, und wohin ein Zauber sie mit unsichtbaren Fangarmen zog. Plötz­lich fing alles an, sich vor ihren Blicken zu drehen, das Blut sauste ihr vor den Ohren, sie hatte ein Gefühl, als wenn sie sänke sänke.--Ta mußte sie die Augen

niederschlagen, und den Kopf in ihrem Taschentuch ver­bergen.

Ach,, ich bin so schrecklich nervös nicht alle können so etwas aushalten."

Er lachte, und warf ihr einen kleinen Zweig, den er vom Baume gebrochen hatte, in den Schoß das Ganze wurde ins Lächerliche gezogen.

Durch die Wand hörte sie Thomas im Fremden­zimmer husten, und im selben Augenblick verschwanden Lichtglanz und Traumbilder, etwas Nüchterues, Leeres hinterlassend sie wußte selber nicht was. Sie griff nach der Stirne, setzte sich aufs Bett und stützte den Kopf auf die Tischkante; plötzlich aber richtete sie sich aus, nahm den Zweig, den sie hingelegt hatte, zerrieb ihn zwischen den Händen,, und warf die Ueberreste in den Ofen

Thomas klopfte an die Bretterwand.Geht es Tir gut?"

Ja, danke!"

Gute Nacht, mein teures, süßes Herz!"

Gute Nacht!"

Träum' auch von Deinem Schatz!" .

Sie setzte sich wieder aufs Bett, bohrte den Kops in die Kissen, und brach in Thränen aus.

Ter Morgenzug begrüßte den kleinen Halteplatz mit einer zischenden Dampfentleerung, die sich unter die Bretter des Bahnsteiges drängte, und aus den Oesf-