Nr. 53.
1902.
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Freitag den 11. April- A
*
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he man tadelt, sollte man immer erst versuchen, ob man nicht
Lichtenberg.
entschuldigen kann.
(Nachdruck verboten.)
• Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen
von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
Vetter Thomas war inzwischen leider ein ziemlich lockerer Bursche geworden. Bollblütig, gesund, durchströmt von unbändiger Naturkraft, hatte er sich in der Stadt und auf dem Lande umhergetrieben, hatte Kegel und Billard gespielt, Champagner getrunken, Scherz mit den Kellnerinnen getrieben und Händel mit kampflustigen Nebenbuhlern gesucht; aber trotz aller seiner Wildheit war der Kern in ihm gesund geblieben, das sah Helene an dem reinen, herzlichen Blick seiner Augen, als er um sie warb, und sie glaubte auch zu erkennen, daß auf dem Grunde seiner ungehobelten Natur ein schimmerndes Gefühlsleben liege, das unter günstigen Bedingungen sich mit starken Atemzügen heben und die Decke der Roheit sprengen würde.
Eine Zeitlang hing die Angelegenheit in der Schwebe, denn sie wollte ihm unter keiner Bedingung ihre Hand reichen, bevor sie mit den Eltern Rat gepflogen hätte. Sie befand sich in großer Bedrängnis. Sie hatte Thomas von Herzen lieb und sie wußte, daß sie es auf dem Mühlenhofe gut haben würde, aber trotzdem--In ihrer Ratlosig
keit reiste sie schließlich nacy Haufe und legte den Eltern die Sache vor. „Dabei ist nichts zu denken", hieß es sofort mit dem festen Klang väterlicher Autorität, „einen solchen Antrag lehnt man nicht ab." So gab sie sich denn Thomas mit ihrem zwanzigjährigen Kinderherzen hin, und da ja zu einer Verlobung nun einmal Träume von Sonnenschein und Rosenduft gehören, ließ sie dem Lichten in ihrer Natur die Oberhand und schaute freudigen Herzens der Zukunft entgegen.
Es war auch alles gut gegangen. Freilich hatte er nach einige schlimme burschikose Angewohnheiten, die ärgsten aber hatte sie mit sorgsamer Hand zu entfernen gewußt und seine Lebenslust in neue Bahnen gelenkt.
Ihrem Wunsch gemäß hatte er sich während des letzten Jahres in Kopenhagen aufgehalten,, um sich aur die landwirtschaftliche Hochschule vorzubereiten, aber zu iyter großen Ueberraschung hatte er ihr jetzt gemeldet, daß er das Studieren an den Nagel gehängt habe, „sintemalen er eine Dampfmühl« in Malmö gepachtet hätte".
Ihr Kopf schmerzte von dem Druck gegen die Mauer. Sie erhob den Kopf und sah Lum Fenster hinaus; im selben Augenblick strömte ihr das Blut in die Wangen, sie stand auf und nickte.
Tie Thür wurde aufgerisseu, ein großer, roter Bursche strömte herein und öffnete seine Arme drei Ellen weit. Im nächsten Augenblick verschwand rhr Gesicht in einem Wald zigarrenduftender Haare und ein paar dicke, warme Lippen wurden aus ihren Mund gepreßt.
„Ach Thomas!" bat sie. ,
Aber wieder und wieder preßte er sre gegen seinen Mund. „Tu süßes — schönes — geliebtes Mädchen! Ich wußte ja nicht, daß Du schon nach Hause gekommen
seiest!"
Glücklicherweise trat ihre Mutter ein, so daß sie für diesmal von dem gualvollen Tode befreit wurde.
„Guten Tag, Schwiegermutter!"
„Ach, nein, nein, nein, Thomas, ich habe Kopfschmerzen." _
„Ja, ich wollte nur--Guten Tag! Na, wie
geht's? Ihr habt wohl eben erst meinen Brief erhalten? Ich konnte es wahrhaftig nicht länger bei den Büchern aushalten. Ihr habt keinen Begriff davon, was eS heißt, sich so tagaus, tagein mit der Grammatik herumzuschlagen und Wurzeln auszuziehen. Weiß Gott, ich, mußt's verlaufen!" . „,r ...
„Ja, aber was ist denn das mrt der Dampsrnuhle?" fragte Helene.
Ach, das ist die drolligste Geschichte, die mir jemals vorgekommen ist." Er schlang die Arme um ihre Taille, und wollte sich mit ihr setzen. „Komm her, dann will ich —" * , , ,,
„Nein, ich will Vater rufen". Sre entwand srch rhm und lief hinaus. , ...
„Hm!" Er erhob sich wreder. „Ich frnde, sre rst nicht so recht bei Laune!"
„Sie gehört zu den ernsten Menschen, Thomas, das tücifot Du i ex \u
Tie kleine Frau sah selber sehr ernsthaft aus, wre sie so in ihrem engen. Ligengemachten Klerde oastand, den kleinen eingebündelten Kopf gegen eure unsrchtbare Mauer von Geduld gestützt.
Er hatte so viel Mitgefühl mrt dreser kleinen, demütigen Frau, die ein Menschenalter hindurch ihren stillen Pflichtgang irr diesen Zimmern gegangen, war, bis zum äußersten mit ihrer immer mehr entsäMrndcn- den Kraft kämpfend, um alles rn demselben festen Tritt $ Ter Redakteur trat ein. Indern er Thomas begrüßte, klärten sich seine strengen Züge so vrel auf, als es sich nach seiner Ansicht mrt einem für em „offizielles Antlitz passenden kleinen Lächeln vertrug.
„9hm", begann er, den Kopf rn den .iackeW


