Ausgabe 
11.1.1902
 
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ein Tier lag da zähnefletschend ja, er hatte ganz deutlich die großen, spitzen Zähne gefühlt. Und da da leuchteten wohl die blutunterlaufenen Augen, starr auf ihn gerichtet? Und spürte er nicht den heißen Atem, den feuchten Geifer? Und die Bestie lag still, um ihr Opfer zu quälen- Er wollte schreien, aber nein, das durfte er nicht- So lange er sich ruhig verhielt, starr in die Unheil drohenden Augen blickend, konnte er die Bestie in Schach halten. Und nicht rühren, nur nicht mehr rühren. Aber denken konnte er, denken und das Denken mußte ihn wahnsinnig machen. Voller Hoffnung war er hierhergeeilt, und nun nun? Ein Wort von ihr würde ihm den Himmel oder die Hölle öffnen! Ja, die Hölle, die hatte sich ihm geöffnet die Hölle mit all ihren Schrecken. Unerträglich, immer nur nach der einen Richtung zu blicken unerträg­lich- Und es mußte doch ausgehalten werden einmal mußte doch der Tag wieder kommen, der herrliche, lebens­volle Tag mit seinem Sonnenschein, Blumenduft und Vogel­sang. Ach daran zu denken, hier, in der finsteren Gruft, neben dem toten Mann und der toddräuenden Bestie, beim Rauschen des Flusses und Klirren der Schwerter. Gab es denn überhaupt einen Tag? Nein er hätte ja sonst hineinleuchten müssen in die Gruft der Lebendigen. Und sie war nicht mehr zu ertragen, die Regungslosigkeit er fühlte, wie etwas zitterte zu seinen Füßen, es kroch empor kalt feucht entsetzt fuhr er mit der Hand empor er schlug an etwas Kaltes, es fiel klirrend herab auf seine Brust es rieselte an ihm herab sein Blut sein Blut er fühlte es deutlich auf seiner Hand. So war es also aus aus sein Blut floß dahin und die Bestie würde sich nun auf shn stürzen- Wie ein Taumel überkam es ihn er wurde matter und matter- Er wollte rufen aber kein Ton rang sich aus seiner Kehle und dann hörte er ein Klingen und Singen die Todeselfen waren es sie lockten und winkten wie das schöne Weib gelockt und gewinkt hatte, das ihn hier dem Tode geweiht- Aber nein, er wollte ihnen nicht folgen wollte nicht wollte nicht gewaltsam riß er sich empor- Aber da, die Bestie an seiner Seite wollte sie sich nicht auf ihn stürzen? Mit Aufgebot all' seiner Kräfte packte er sie er fühlte, wie sie sich aufrichtete dicht vor seinem Gesicht spürte er die Schnauze, die Zähne kraftlos sank er zusammen sein Kopf fiel auf den Toten. Er fühlte nichts mehr nichts aber da, wurde nicht der Tote lebendig und er er, der Lebende, starb, jawohl der Tote lebendig und sein eigenes Blut rieselte, rieselte, rieselte schlaff sanken seine Arme herab er würde matter, matter und die Bestie über ihm Und das Rauschen des Flusses und aus weiter weiter Ferne ein Schrei, den er selbst ausgestoßen. Er selbst? Nein, er selbst nicht; denn er war ja tot, tot oder doch nicht tot? Denn da ha auf einmal Licht um ihn, Helles, flutendes Licht war das das Jenseits, oder war es das Diesseits? Ilonas Lachen- Er blickte sich um es war Ilonas Boudoir, neben ihm die Statue des sterbenden Fechters, auf ihm ein Eisbärenfell und eine zerbrochene Blumenvase der Zimmerspringbrunnen plätscherte in der Ecke, und über sich sah er die Klappthür zum Aufzuge, durch die er hinab kaum vermochte er zu sagen, gefallen gesunken war- Die Einbildung hatte seine Phantasie übberretzt welchen Streich sie ihm gespielt, das sah er jetzt- Verwirrt, fassungslos, sprang er ans- Und er hörte ihre Stimme:

Nun, mein Freund, bist Du nun geheilt von Deinem Märchenglauben, von Deinem Zweifel an mir, der Strafe verlangte?" Mer dann stieß sie einen Schrei aus- Mein Gott!"

Er wußte nicht, was das heißen sollte; als er sein Bild im Spiegel sah, wußte er es sein Haar war weih geworden- Sie eilte auf ihn zu.

Für Deinen Zweifel wollte ich Dich strafen, aber das wollte ich nicht, das nicht."

Er richtete sich hoch aus.

Madame daß Sie eine Mörderin sind, glaube ich mehr denn je- Wenn Sie auch nicht Menschen morden, so morden Sie doch Gefühle."

Sandor!"

Was ich in den Stunden ertragen" Stunden? Nicht eine Viertelstunde." =

Was ich durchlebt das waren viele, viele Stunden, wenn es nach der Uhr vielleicht auch nur eine Viertelstunde itrar. Sie haben mit mein ein Leben gespielt; denn eine Gefahr, die man nicht erkennt, die man sich einzubilden gezwungen ist, ist viel schlimmer, wie eine wirkliche Ge­fahr, davor man sich verwahren kann- Sie fragten, ob ich geheilt bin! Ja, Madame gründlich sogar von meiner Liebe zu Ihnen!"

Sandor sage das nicht, sage das nicht ich liebe Dich ja liebe Dich ja."

Sie wollen lieben? Nein, Madame ein Weib, das liebt, spielt nicht mit dem Geliebten-"

Und-ein Mann, der liebt, glaubt an die Geliebte und weil Du das nicht thatest, wollte ich Dich strafen-^

Sie haben es gethan, Madame vielleicht mit Recht- Ich war ein Thor jetzt bin ich es nicht mehrl und darmn scheide ich von Ihnen, Madame-"

Sandor Guglai!"

Leben Sie wohl-"

Erhobenen Hauptes ging er-

Sandor" klagend, schmerzerfüllt tönte es hinter ihm her er wollte sich umwenden; denn er liebte sie ja doch noch doch noch aber nein, er raffte seinen Stolz zusammen und ging hinaus einsam in die schweigende Nacht-

Ein Jahr darauf traf Sandor Guglai Gräfin Ilona in Rom- Sie sah elend aus; durch ihr blondes Haar zogen sich weiße Strähnen- Er wußte warum, der Gram! war es, ihn verloren zu haben- An der Fontana Trevi war es, wo sie sich trafen- Sie lächelte ihn wehmütig an' er ergriff ihre Hand küßte sie-

Das Schicksal sührt uns hier zusammen zwei weiß­haarige Menschen wollen diese beiden Menschen den Mut haben, es noch mitsammen zu versuchen?"

Sie drückte ihm plötzlich lächelnd die Hand-

Ja denn unsere Liebe ist noch jung-"

Und stark genug, das Vergangene zu vergessen."

Kurze Zeit nachdem das junge Paar in das alte Kastell zürückgekehrt war, wagte niemand mehr, von derSge^e" zu reden nur der junge Ehegatte- Und dann lächelten! beide sie wußten wohl, warum!?

Schachaufgabe.

Von F. Beckers in Demmin. (Nachdruck verboten.)

abcdef g h

a b c d e f g h

8

8

6

6

5

5

4

3

3

2

Weiß. (8 + 8)

Matt in drei Zügen.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Ergänzungsrätsels in vor, Nr.: Der Thaler ist nichts wert, So lang er bleibt zu Haus; Doch geht er auf den Markt, So holt er dir den Schmaus.

IM-- wohlfeiles Schachfxiel "W für 20 Pfennige

zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter.

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.