laren einst auf den Weg mitgab: „Mancher, der tote Du als eilt Springer aus dem Kloster in die tolle Welt hinein--' fuhr — schlich mit gebeugtem Sinn, unter der schweren Bürde eigener Schuld itt das Kloster zurück. Gedenke, daß am Altäre eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer Last!"
Müde, gar todmüde, war auch dies leichtlebige Weltkind geworden, das einst so unbedacht nach der Rose der Liebe gegriffen, ohne die Dornen zu beachtens Und nun von diesen verwundet, von eigener Schuld gedrückt eine Ruhestätte suchte bei der Freundin aus ‘ der Kindheit, die das beste Teil erwählt.
Gar verschieden waren die Lebenswege der beiden Mädchen, die int Kloster zu Marseille miteinander gespielt, und sich treue Freundschaft versprochen hatten. Zeit und Verhältnisse hatten sie bald weit, weit auseinander geführt. Stefanie Hohberg war in ihre Heimat nach Deutschland zurückgekehrt, von dort aber mir Clarita noch in brieflichem Verkehr geblieben, bis sie die Welt verließ, und zu Wien den Schleier nahm. Diesen Entschluß hatte sie Der Freundin mitgeteilt so ziemlich zu derselben Zeit, als jene das Haus Donna FraAquittäs verließ, um sich in Santa-Cruce heimlich trauen zu lassen.
In den Tagen sonnigen Glückes und leidenschaftlicher Liebe vergaß dann die sorglose, junge Fran der Freundin, pder gedachte höchstens mit mitleidigem Bedauern der jungen Nonne, die aus dem lachenden Leben sich hinter düstere Klostermauern geflüchtet, um dort selber eine jener stillen Ordensftauen zu werden, die sie einst beide als Kinder zwar geliebt, zugleich jedoch beklagt hatten wegen des eintönigen, traurigen Daseins, das jene — der Kindermeinung nach —; führen mußten.
Unter solch' zurückschweifenden Gedanken war Clarita der voranschreitenden Führerin nach dem Sprechzimmer gefolgt, wo letztere sie verließ, um die Oberin von dem Besuche zu benachrichtigen.
Clarita hatte nicht lauge zu warten, ihre Bitte stieß jaUf keine Schwierigkeit. Binnen weniger Minuten betrat eine junge Ordensfrau das Gemach, und trotz der wenig Kleidsamen Kopfbedeckung erkannte Clarita darunter augenblicklich das frische Gesichtchen ihrer sanften Stefanie.^
Dieser hingegen kostete es Mühe, in der bleichen Fremden die einstige fröhliche Mitschülerin wiederzufinden: nur deren Augen mit ihrem tiefen Strahl übten die alte Macht. Sowie der Blick voll dem ihrigen begegnete, da wußte Schwester Stefanie — wer vor ihr stand und int ändern Momente hielten ihre Arme die geliebte Freundin umfangen. „Clarita, meine liebe Clarita, welche Freude, daß Du mich besuchst!" rief sie herzlich, vollständig die peinliche Ueberraschung beherrschend, welche das Aussehen Der Leidenden ihr verursachte.
Ihr Ton, ihr GrnA ihr ganzes Sein und Wesen war voll solch schwesterlicher Güte, daß die arme Clarita sich Willenlos deren freundlicher Macht überließ.
„Ja, Stefanie", sagte sie sanft, gewaltsam die auf- steigenden Thränen zurückdämmend, „ich komme zu Dir r— eine Ruhelose zu einer, die den Frieden gefunden —"
„Mein liebes Herz, Du bist offenbar sehr ermüdet, ja ganz erschöpft" — unterbrach die ändere sie rasch — „laß mich vor allen Dingen ein wenig für Dich sorgen. Dir einige Erquickungen verschaffen; nachher erzählst Du mir, tote Du von Teneriffa hierher gekommen bist!"
„O Stefanie — verlaß mich noch nicht!" ries Clarita, das Gewand der Nonne festhaltend, „höre zunächst meine Bitte; darf ich bei Dir bleiben? ich meine ein paar Tage — ich bedarf so sehr der Ruhe, das Geräusch in den Gasthöfen betäubt mich — zudem bin ich ganz allein so erschrecklich einsam!"
Sie hatte rasch gesprochen, als wolle sie jede Rede äb sch neid en. Stefanie's gute Augen blickten sie innig an. -„Meine Clarita — Du bist ganz allein, ist Donna Fras- quitta —"
„Still, Stefanie — Donna Frasquittas trautes Heim habe ich längst verlassen. Mehr als zwei Jahre schon bin ich verheiratet und" — ihre Stimme brach, ihre Kraft Ijcrfocjtc iljr.
Stefanie's Blick glitt über Clarita's Trauerkleidung hin — jäh durchzuckte sie der Gedanke: „So jung noch, und schon den Gatten verloren — nur Gott kann sie trösten!" So meinte sie leise für sich, aber Clarita sing die Worte aus.
„Jä, Stefanie" — rief sie in plötzlich auflodernder Heftigkeit — „ich habe meinen Gatten verloren, doch nicht wie Du wähnst durch den Tod. Nicht Gott hat mir meinen Alexis genommen, nein, die Menschen thaten's! O, diese grausamen Menschen! Ein furchtbares Geschick trennt mich und meinen Gatten. O, Stefanie, Stefanie — ich unterliege diesem, ich gehe zu Grunde an der Last jenes Geschicks und — meiner eigenen Schuld", ergänzte sie dumpf.
Die junge Klosterfrau umschlang fester die bebende Gestalt. Milde, besänftigend redete sie Der Erregten zu, doch hütete sie sich wohl durch eine Frage deren Erregung zu steigern. An Selbstüberwindung gewohnt, hielt sie ihre Neugierde in der Gewalt- Vorab mußte diese nebst aller mitfühlenden Teilnahme schweigen. Tröstende Worte konnten der Leidenden erst später Helsen, zunächst mußte diese sich schonen und folgen. Clarita erwies sich auch willig dazu, und liebreich führte die Freundin sie nach eilig eingeholter Erlaubnis bei der Oberin in ein freundliches Gaststübchen, wo dieselbe sich alsbald unter dem geräuschlosen Walten werkthätiger Liebe und hingebender Freundessorgfalt so wohl zu fühlen begann, wie ein verirrtes Kind, das eine linde Hand unter ein schützendes! Obdach gebettet hat.
(Fortsetzung folgt.)
Die Hexe.
Von Hans von Basedow-
(Nachdruck verboten.)
Sie war als exzentrisch bekannt, die blonde Gräfin-! Ihre tollen Ritte bei Nacht in die Wälder, das Gebirge hinaus, hatten die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt- Seit sie das alte Kastell mit seinen unterirdischen Verließen, Fallthüren und seiner Folterkammer bewohnte — schon das war unheimlich, daß der Gebirgsfluß int Burgberg! verschwand, um erst viel später wieder an das Tageslicht zu treten — war sie sogar als Hefxe verschrieen, obgleich ihr übermodernes, raffiniert-luxuriöses Boudoir so gar nichts Hexenhaftes an sich hatte- Man munkelte sogar, daß einige Freier, — bereit gab es zahlreiche, trotz des Hexenrufes; denn Gräfin Ilona war nicht nur schön, sondern auch reich — in den unterirdischen Verließen auf Nimmerwiedersehen verschwunden seien, obgleich die Möglichkeit, einen Menschen verschwinden zu lassen, im 19- Jahrhundert ebenso zur Seltenheit gehörte, tote sie häufig war zur Zeit der Erbauung des Kastells. Heber dies Verschwinden plauderte! eben Sandor Gnglai, der zarte Dichter und Günstling der schönen Schloßherrin, mit dieser-
„Und, Teuerster, halten Sie es thatsächlich für möglich, daß ich — ich ein Menschenleben opfern würde?"
„O, schönste Ilona, Sie sind so unergründlich, quälen mich, der Sie liebt, bis aufs Blut — so daß ich alles, alles glaube —"
„Und Sie wollen mich lieben?"
„Fühlen Sie denn nicht, wie tief meine Liebe fein muß, wenn ich trotzdem nicht von Ihnen lassen kann?"
Sie sprang heftig auf, durchmaß nervös das Zimmer^ blieb vor ihm stehen mit spöttischer Miene-
„IN der That, Sie sind von einer nicht zu unter schätzenden Ehrlichkeit- Sie halten mich also für eine Mörderin?"
„Aber, teuerste Ilona, Mörderin — das ist ein zu hartes Wort."
„Das einzige, das sich für ein Wesen gebührt, welches ein Menschenleben vernichtet-"
„Nein, nein — Ihre Handlung war einem Duelle zu vergleichen-"
„Gleichviel. Auch ein Duell ist ein Mord. Fordert ein Mann den anderen, thut er es, weil er sich als der Stärkere fühlt, nicht, weil er weiß, daß das Recht auf seiner Seite! ist- Nicht der Ehrliche, der gute Schütze, der gute Schläge« wird siegen — das Recht des Stärkeren tritt das innere! Recht nieder- — Hebrigens, — was hat das Duell mit dem zu thün, was Sie mir ansinnen?" —
„Nun — der Kampf, den Mann und Weib um Siebe kämpft, ist ein Duell - der Sieger ist Herrscher über den Unterlegenen, dessen Leben in seiner Hand liegt- Um nicht — wir wollen bei der Duellsprache bleiben — neuen Belästigungen, neuen Forderungen ausgesetzt zu sein, vep>i Nichten Sie den Unterlegenen-"


