Nr. 6.
1902
Samstag den 11. Januar.
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Nachdruck verboten.
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
as soll die stete Klage
Um den verlornen Traum?
Es schwinden deine Tage
Wie Blatt um Blatt am Banm.
Laß hell dein Auge glänzen.
Und lerne es versteh'»,
Mit Blumen dich zu kränzen,
Die auf den Gräbern steh'n. Heinrich Seidel.
(Fortsetzung.)
IV.
Ein friedlicher Hafen.
Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich hier; Ich hab' es rein und hab es ganz zu Dir. Goethe's Tafso.
Etwa zur selben Zeit, da auf dem weltverlornen Fleckchen Erde dessen redselige Bewohner Clarita in die Wogen des See's versenkten, steuerte diese einem sichern Hafen entgegen. Rettend winkte derselbe ihrem bedrängten Ebiste, da alles sich von ihr zu wenden schien, und ihr .Geist slch zu umnachten drohte vor der neuen Enttäusch- Mig, dre mitsamt ihren bittern Folgen gerade in dem Momente chr entgegentrat, wo sie gehofft, den Leitfaden zu erhaschen, der sie durch den Strudel eines wirrnisvollen Lebens geleiten könne. Dieser dritten tiefgehenden Gemutserschutterung binnen weniger Wochen war die zarte Frau nahe daran zu erliegen, und der Schaffner, welcher der bleichen Dame zu Breslau das Abteil erster Klasse u£e?«- Wischer Eilzug aufriß, schüttelte bedenklich den Kopf über dre Kranke, die so mutterseelenallein die weite Fahrt unternahm.
Clarita selbst, welche die letzten Tage und Nächte fast nur auf der Eisenbahn verbracht, und die Strecke von Werona bis Breslau ohne Aufenthalt wie im Fluge durch- Aogen hatte, sah in der Tour nach Wien nur eine notwendige Abweichung von ihrem ursprünglichen Plane, die ^,-Achehmeude Kraftlosigkeit forderte. Sie mußte einen
™ der ihr half, eine Seele, der sie ihr er- ^ecendes Geheimnis Mitteilen, ein Freundesherz, an dem r ,ounte, ehe sie die Riesenaufgabe unternahm, fckreckeu Ä Enttäuschung und keine Gefahr sie zurück- ichrecken sollte. Mit intensiver Gewalt hatte sie dies Ver- W,» empsilnden und all' ihr Denkvermögen durch die der Welt?^s^W ' K sie denn ganz allein sei' auf Wels? ob alle, alle ihre Liehen ihr unerreichbar ge
worden? Und während sie dies gedacht, winkte schüchtern aus holder Kinderzeit in ihre Seelenpein hinein eine liebe Erinnerung. Diese hielt die Aermste fest; bei dieser suchte sie auch jetzt Trost, während der Bahnzug durch daA ihr völlig unbekannte Land Oesterreichs Hauptstadt entgegenbrauste. Clarita sah wenig von der Umgebung, die sie durchfuhr, äußere Dinge hatten für ihren "nach Innen gerichteten Blick alle Anziehungskraft verloren, bis endlich aus der Ferne der hohe, pyramidenartige Turm des Stephans-Domes in der lichten Luft majestätisch hervortrat.
Das lustige Wien, die alte Kaiserstadt voll neuen, heißblütigen Lebens, die Freudenstadt, in der dem ankommenden Fremdling auf Schritt uud Tritt Glanz und Pracht, und Jauchzen, Witz und schwellender Lebensgenuß in einem Maße begegnet, als könne dort niemand elend sein, lachte nun auch mit seinem bestrickenden Reiz unsere müde Reisende an. Himmel! wie würde diese bunte Menschenmenge, diese blühende, leuchtende, tönende Gegenwart voll Farbe, Glanz und Rauschen Clarita's junges Herz noch vor Jahresfrist entzückt, ihr ganzes Wesen elektrisiert haben, heute wandte sie todmüde das Auge davon ab, emzig darauf bedacht, sich eines Fiakers zu versichern, der ,te möglichst schnell durch das Menschengetriebe nach ihrem ersehnten Asyl bringe. Die ihr eigene Energie, sobald sie handeln mußte, half ihr schnell sich zu orientieren, und das Gewünschte zu finden, so daß alsbald ein leichtes Fuhrwerk mit ihr den Nordbahnhof verließ, der erhaltenen Direktion folgend.
, Dieselbe wies nach einer der still vornehmen Vorstädte. Dort an der Pforte eines von dem Weltgetriebe abgelegenen Klosters, fand die lange Reife ihr Ziel.
„Ich wünsche Schwester Stefanie Hohberg zu sprechen!" erklärte Clarisia, sobald die geöffnete Pforte sich hinter ihr wieder geschlossen. Sie sprach französisch, und ihre Stimme klang so sicher, als könne gar keine andere Antwort, wie eine bejahende ihr werden. Dennoch klopfte ihr das Herz in heißen Schlägen aus Furcht und Angst vor neuer Enttäuschung. Solche ward ihr indes nicht. Die ältliche Pförtnerin führte mit wohlthuender Freundlichkeit dre Fremde durch die hohen, luftigen Korridore dem Sprechzimmer zu.
Ein eigentümliches Gefühl beschlich Clarita während dieses Ganges, niemals hatte ihr Fuß diese Stätte betreten, und doch kam sie ihr bekannt vor, es wehte sie ein unbestimmbares Etwas daraus heimatlich an. Sie fühlte sich eben in jene Zeit zurückversetzt, wo sie zu Marserlle ein übermütiger, fröhlicher Zögling gewesen. Freilich, Marseille und Wien lagen weit auseinander, aber das Kloster dort, wie das Kloster hier, durchwehte ein Geist, der die Aehnlichkeit hervorrief, welche das müde, vereinsamte Menschenkind anheimelte. Dieses selbst aber erinnerte unwillkürlich an jenen Denkspruch, welchen ein alter Mönch seinem übermütig ins Leben stürmenden Scho-


