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jagte und wahrnahm, daß die Leute mit Wohlgefallen aus das prächtige Gespann sahen, dann strahlte sein Gesicht, und es verlor in solchen Augenblicken etwas von dem harten und pfiffigen Zuge, das ihm eigentümlich war.
Ten Kindern eine Erziehung geben zu lassen, die sie über seine eigene Sphäre erhob, hatte Jefim anfänglich gar nicht beabsichtigt. Wer schließlich hatte er sich eingestehen müssen, daß junge Mädchen, die nicht Klavier spielten und französisch sprachen, trotz der großen Mitgift schwer zu verheiraten war. Tie Zeiten Ivaren vorüber, da man von der jungen Heiratskandidatin nichts anderes, als möglichst viel Geld verlangte. Selbst feine Frau Alexandra, die eine zwei- oder dreisaitige Balaleika noch immer für das Ideal aller Musikinstrumente hielt, und deren Gleichgiltigkeit gegen das Klavierspiel soweit ging, daß sie sogar bei einem Stubinstein-Konzert sanft eingenickt war, hatte gedrungen, den Kindern zur Steigerung ihres Heiratswertes eine höhere Bildung zu gewähren.
So waren es Erwägungen sehr praktischer Art gewesen, die vor Jahren dazu geführt hatten, die jungen Damen Godunow für einige Zeit in einem vielgerühmten Moskauer Pensionat unterzubringen. Als beide wieder in das Elternhaus zurückkehrten, erklärte Jefim diesen Tag für den schönsten seines Lebens.
Eigentlich lebte Jefim. wenn er auch in seinem Hause streng auf Ehrbarkeit hielt, nur für sein Geschäft und für die Hundertrubelnoten, die er mit ihm in stattlicher Menge erwarb. Dieses Geschäft erstreckte sich vorzugsweise auf Konservierungsmittel für Pelze, sowie auf Thee, gewisse chinesische Trvguen und Konserven. In seinem Warenlager nahmen den breitesten Raum Chinawurzel und echter Galgant ein. Beiden Artikeln maß er eine solche Bedeutung bei, daß er sogar ihre lateinischen Namen wußte — „radix Ehlnae" und „radix Galangae minoris". Mit ersichtlichem Stolz führte er die Einführung der Galgantwurzel in Ruß- land auf seinen Vater zurück; er schätzte dessen Verdienst um so hoher, als Galgant im Lande des Väterchens nicht nur als Medizin und Gewürz, sondern auch als Aroma für den fehr trinkbaren Liqueur „Naftoika" in außerordentlicher Gunst steht. Leider drohte dem Absatz in letzter Zeit insofern em fchwerer Schlag, als die Unruhen in China der Be- schaffung von Galgant große Schwierigkeiten bereiteten. Seufzend sah Jefim den fürchterlichen Moment herannahen, da er beit Kunden erklären mußte, keinen Galgant mehr liefern zu können. Es machte ihn diese häßliche Perspektive mit dem Verhalten der verbündeten Mächte im Reiche der Mitte sehr unzufrieden. Gewiß, die Missionare unb die anderen Christen mußten gegen die heimtückischen Angriffe und Barbareien der bezopften Anhänger des Buddha und Confueius geschützt werden, aber nicht minder wichtig war es, die Ausfuhr einer genügenden Menge Galgant zu ermöglichen, und so lange die Mächte das nicht erreichten, schien ihm der chinesische Feldzug der rechten Erfolge zu ermangeln.
Jetzig saß Jefim Godunow wohl verpackt zwischen atlerlei Seelen und Kissen im Familienzimmer. Professor Saretzki hatte für notwendig erklärt, daß bet' Rekon- baleäjent allen Geschäften fern bleibe. Jeden Tag überzeugte UG oer Professor, ob seinen Anordnungen Folge geleistet werde, und jeden Tag rechnete Jefim ingrimmig nach, bis zu welcher Summe sich das Honorar des gewissenhaften Arztes gesteigert habe.
Vornehmlich beschäftigte sich aber Jefim mit dem sonderbaren Erlebnis, das er jüngst gehabt hatte. Tie Geschichte mit Tattana und Kalnssoff wollte seinem Gedächtnis nicht entschwinden.
Daß seine Tochter ihm die Unwahrheit gesagt habe, htelt er für unmöglich, denn sie benahm sich so frei und schuldlos, wie er es eben uur bei einem völlig unbelasteten Gewissen für möglich hielt. Und doch hatte er Tatiana nnt greifbarer Deutlichkeit neben Kalusfoff im Wagen gesehen, und er erinnerte sich noch sehr genau, daß sie nicht ihren gewöhnlichen Marder-, sondern ihren kostbaren Zobelpelz mit dem zugehörigen Barett getragen hatte.
Er kam immer wieder auf seine frühere Erklärung zurück, daß er wahrscheinlich von einer plötzlichen Wahnvorstellung befallen gewesen sei. Zahllose Male faßte er besorgt nach seinem Schädel, aber er fand nichts an diesem würdigen Objekt auszusetzen.
In der Dämmerungsstunde fiel ihm ein peinlicher Vorfall aus früherer Zeit ein. Am einem Spätnachmittage
hatte er oben im zweiten Stockwerk des Hauses eine Zimmerthür geöffnet und sick plötzlich einem entfernt wohnenden Onkel gegenüber gesehen. Erfreut war er auf die frisch und gesund dastehende Gestalt zugeeilt, aber in demselben Moment war sie zu feinem Entsetzen wie ein Phantom verschwunden gewesen. Schleunigst wurde der Pope gerufen, um das Wunder zu erklären. Iwan Sarkissow hatte das Zimmer im zweiten Stockwerk und dann das ganze Haus mit geschwungenem Räucherbecken und unter Gebeten feierlichst durchschritten; nach Beendigung dieser eindrucksvollen Handlung hatte er mit geheimnisvoller Miene ge- K: „Unser Wissen, meine Lieben, ist Stückwerk, und
tber umgeben uns; wohin Sie auch blicken, überall begegnen Sie Mtselhaftem, Unfaßbarem; Sie können überzeugt sein, daß ein Ereignis eintritt, in dem der Onkel eine Rolle spielt." Und richtig, nach vierundzwanzig Stunden traf die Nachricht von dem Tode des Onkels ein: er war gestorben — gerade in dem Augenblicke seines Erscheinens --.
Jefim schüttelte sich. Wenn jetzt nur nichts ähnliches mit seiner Tochter passierte.
Daß er die Geschichte nicht vergessen konnte, machte ihn unruhig und nervös. Er hielt es für das Beste, Professor Saretzki zu fragen, wie man solche Erscheinungen zu erklären habe. Als der Professor kam, trug er ihm unter Verschweigung der Namen sein sonderbares Abenteuer vor.
Der Arzt schaute ihn so merkwürdig an, als ob er einen Menschen vor sich habe, dessen Denkvermögen nickt normal sei.
„Und Sie behaupten", fragte der Professor, „daß die beiden Personen unmöglich in Fleisch und Blut im Wagen sitzen konnten?"
„Ja, ich habe Grund, die Unmöglichkeit anzunehmen", erwiderte Jefim mit furchtbarem Ernst.
„Dann, lieber Jefim Fedorowitsch", sagte Professor Saretzki nach einer Weile in sehr wissenschaftlichem Ton, „hat es sich um eine momentane Trübung des Beivnßt- feins gehandelt, an der wahrscheinlich Ihre angegriffenen Nerven die Schuld tragen. Mir scheint, Sie leiden an funktionellen Nervenstörungen, und ich werde bei Ihnen wesentlich darauf hinzuarbeiten haben, Ihre auf einen Punkt irregeleitete und dort festgehaltene Vorstellung abzulenken, die psychischen Hemmungen zu beseitigen und Ihre geschwächte Willensinnervation zu heben und wieder herzustellen."
Große Belehrung hatte Jefim aus diesen Worten nicht geschöpft, wohl aber die unangenehme Vermutung, daß es in seinem Hirn doch nicht so ganz richtig sein müsse. In dieser Voraussetzung that er im Stillen seiner Tochter Tatiana für den falschen Verdacht, hinter dem Rücken der Eltern Liebesabenteuern nachzugehen, tausendmal Abbitte. Zärtlich schaute er zu ihr herüber. Sie saß am Tisch und las üt einem Buche. Früher hatte er niemals Zeit gehabt, sich um die Lektüre seiner Töchter zu kümmern, aber jetzt betrachtete er es als eine willkommene Zerstreuung.
„Was liest Du da?" fragte er wohlwollend.
Ueberrascht blickte Tatiana auf. „Ein Buch über die Fortschritte der Elektrotechnik", gab sie zögernd zur Antwort.
„Was?" rief Jefim erstaunt. „Fortschritte der Elektrotechnik? Verstehst Du denn etwas davon?"
„Nichts, Papa", gestand sie freimütig, „aber ich will etwas verstehen lernen."
Unwillig schüttelte Jefim den Kopf. „Solche Dinge brauchen junge Mädchen nicht zu wissen. Lies lieber etwas, das Dir nützlich ist. Elektrotechnik! Ich bin alt geworden und habe mich ohne irgend welchen Nachteil niemals mit solchen Geschichten befaßt."
(Fortsetzung folgt.)
WeihnachLsbücher.
„Psyche", so erzählten sich die Griechen, schwang zuerst einen Fächer. Ihr diente als solcher ein Flügel, den Eros dem Gott der südlichen Winde Aeolns in wilder Eifersucht entrissen hatte. So berückend wußte sie den Fächer zu führen, daß Eros bald seinen Zorn vergaß und in seligem Entzücken auf die Geliebte blickte. Seitdem ist der Kicher zum Gegenstand weiblicher Anmut geworden und die Künstler aller Zeiten haben sich beeilt, ihn entsprechend


