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„Es geht nicht weiter, Euer Wohlgeboren", rief plötzlich der Kutscher, indem er sich umwandte.
Ter Weg war versperrt, und der Schlitten mußte halten. Ein elektrift bener Straßenbahnwagen war im Schnee stecken geb!------, und eine große Menschenmenge hatte sich
angesammelt, um dem Flottmachen des gewaltigen Kolosses zuzuschauen.
„Tas ganze System taugt nichts", hörte sie unvermutet Boris Mitrofanowitsch sagen. „Tie Akkumulatoren sind zu schwach, um bei solchem Wetter zu genügen. Bis letzt ist das System der elektrischen Stromzuführung durch Oberleitung noch immer das beste. Zwar werden die Aktumula- toren mit vielen Redensarten und schön klingenden Phrasen allenthalben angepriesen, aber für Straßenbahnen find sie noch viel zu schwer, zu empfindlich und zu wenig auf- nahmefähig. In Wahrheit stecken wir auf dem Gebiete der Akkumulatoren noch in den Kinderschuhen."
Sie sah ihn mit einem Ausdruck an, der ihm wohl sagen mochte, daß sie von diesen Dingen nichts verstehe.
Ueber sein Gesicht flog ein kaum merkliches Lächeln, das etwas Geringschützendes an sich hatte und sie ärgerte.
„Was ein Akkumulator ist, wissen Sie wohl nicht?" fragte er in einem Tone, der geradezu mitleidig war/
„Offen gestanden, ich habe keine Ahnung davon", gab sre mit verlegenem Zögern zur Antwort, während sich der Schlitten wieder in Bewegung fetzte."
„Ein Akkumulator ist ein Sammler für elektrische Energie. Denken Sie sich ihn als eine große Sparbüchse, & welcher der Straßenbahnwagen die elektrische Kraft, : er zur Fortbewegung bedarf, entnimmt. Aber solch' erne Sparbüchse vermag bis jetzt nicht so viele Kraft aufzunehmen und abzugeben, daß der Wagen vierundzwanzig Stunden ungestört im Betriebe bleiben kann. Auch besitzt die Sparbüchse, da sie aus Blei gefertigt ist, ein viel zu großes Gewicht — etwa fünfundachtzig Pud —, sodaß der Wogen unter der toten Last, die er mitschleppen muß, nur schwer vorwärts kommt. Wer eine Sparbüchse erfände, die pur zehn oder fünfzehn Pud schwer wäre, sich Jahre hindurch nicht abnützte und elektrische Kraft zum Betriebe eines Straßenbahnwagens auf die Dauer von vierundzwanzig oder gar achtundvierzig ausnehmen könnte, der wäre ein Mann so groß wie Watt und Stephenson."
Er schwieg und sah nachdenklich vor sich hin.
„Haben Sie sich auch mit dem Erfinden einer solchen Sparbüchse beschäftigt?" fragte sie.
„Gewiß", gab er hastig zurück, „länger als zehn Jahre schon seit meiner Studienzeit in Petersburg und Berlin. Aber etwas Brauchbares haben meine bisherigen Versuche »och nicht ergeben. Zur Lösung einer solchen Aufgabe mag, wenn nicht gerade ein glücklicher Zufall hilft, mehr noch als die Dauer eines arbeitsreichen Menschenlebens erforderlich sein."
Wieder versank er in sein früheres Schtveigen, lvührend sie daran dachte, daß Dimitry die Erfindung eines leistungsfähigen^Akkumulators für wesentlich leichter gehalten hatte. Freilich, er hatte offenherzig betont, von solchen Dingen nichts zu verstehen und sich in ihrer Beurteilung wesentlich auf andere Leute verlassen zu müssen. Aber es verdroß sie, daß er nichts davon verstand, und daß er gegen einen Manu wie Boris Mitrofanowitsch zurücktreten mußte. Sie nahm sich vor, ihn im nächsten Briefe zu bitten, nur mit höchster Vorsicht an das Akkumnlatorcn- geschäft heranzugehen.
„Ecke der Bolschaja und Kusnetschaja — halt!" tönte kräftch die Stimme Boris Mitvofanowitschs.
Sie schaute auf — ihr Fahrziel war erreicht.
„Die Dame wird aussteigen, mich fahre zurück zur -cmdimgsb rücke", wies Boris Mitrofanowitsch den Kutscher an.
Einen Moment stutzte sie — daß er schon hier um- tehren werde, hatte sie nicht vermutet. Sie war besorgt gewesen, daß er sie, um ihren Namen zu erfahren, bis zum Hause begleiten oder heimlich verfolgen werde. Nun hatte er sie in zartfühlender Weise dieser Angst enthoben.
Er mochte wohl die Befriedigung in ihren Zügen lesen, denn über sein Gesicht flog ein feines Lächeln, das zu fapeit schien „Ihre Sorge, Ssudarinja, war völlig über-
Beim Abschied standen sie sich einige Sekunden gegenüber.
Ter ernste, forschende Blick, der sie unsicher machte,
drang wieder aus seinen Augen. Verlegen schaute sie zu Boden. Kaum daß sie zu danken vermochte. Als er ihre dargereichte Rechte herzhaft drückte, fühlte sie, wie brennende Röte in ihrem Gesicht aufstieg.
„Leben Sie wohl, mein Fräulein!" rief er lächelnd. „In den Sternen steht geschrieben, daß wir uns niemals Wiedersehen!"
Tann sprang er in den Schlitten und fuhr davon.
Sie wandte nach einer Weile das Haupt zurück, aber von Boris Mitrofanowitsch war nichts mehr zu sehen.
„Ein eigentümlicher Mensch, bei dem man nicht weiß, ob das Abstoßende oder das Anziehende überwiegt", dachte sie. „Er ist höchstens zehn Jahre älter als ich, ttotzdem hat er mich behandelt wie ein Kind, das sich der Autorität eines Erwachsenen beugen muß. Sich immer beugen — entsetzlich! Ich würde Dimitry nicht lieben können, wenn er mir eine solche Sklavenvolle zumuten wollte. Das Sklavenleben verdirbt den Charakter — es macht feige, man duckt sich und wird falsch"
Tie Furcht, daß man zu Hause ihr langes Fernbleiben bemerkt habe, gab ihren Gedanken eine andere Richtung. Es würde niemand bei dem häßlichen Auftritt für sie eintreten. Seltsam, bis eben, da sie dem Schlitten entstiegen war, hatte sie sich nicht gefürchtet, sogar nicht während der gefährlichen Dampferfahrt, im Gegenteil, sie hatte ein Gefühl ruhiger Sicherheit empfunden, jetzt wurde sie von blasser Furcht geradezu überwältigt. Unwillkürlich suchte sie nach einem Beistände, der zu ihren Gunsten reden und handeln würde. Die Gestalt, die schützend vor ihr auf- tauchte, war Boris Mitrofanowitsch. „Lächerlich", wehrte sie unwillig ab, „was hat ein wildfremder Mensch mit mir zu schaffen!"
Endlich stand sie am Hause. Atemlos und bange spähte sie nach der Pforte. Ja, sie öffnete sich! Behend schlüpfte Tatiana, vorbei an ihrer vor Frost zitternden Njanuschka, in den Flur.
Ein Ausruf der Erleichterung entfuhr ihr, als sie glück-- lich ins Zimmer gelangt war.
„Ich habe Todesängste ausgestanden", klagte die Alte. „Stundenlang habe ich gewartet, daß mir die Zähne vor Kälte geklappert und meine Beine geschwankt haben. Ach, Täubchen, wie schlecht tvarst Tu!"
„Schweig' still mit Deinen Klagen", herrschte sie. „Sag' lieber, ob jemand meine Abwesenheit bemerkt hat."
„Keiner hat was gemerkt! Ter gnädige Herr hat geschlafen, und die Herrin hat ihm Gesellschaft geleistet!"
„Und Wera?"
„Ist noch zum Besuch bei der Frau von Iwan Sarkissow, dem Popen, von wo sie der Wagen eben abholt!"
„Hier hast Tu", sagte Tatiana, indem sie der Alten eine Rubelnote hinreichte. „Geh' jetzt und laß mich allein!"
5.
Als Kaufmann alten Schlages spazierte Jesim Godunow am liebsten in hohen, blanken Stieseln, weiten Sammet- beinkleidern und einem Kaftan umher. Nur mit Mühe hatten seine Töchter vermocht, ihn zum Anlegen eines langen Ueberrockes von seinem Tuch zu bewege». Aber in dem Ueberrock fühlte er sich entsetzlich unbehaglich; wenn er unbeachtet war und es sich so recht gemütlich machen wollte, zog er ihn aus, um schleunigst in den bequemen Kaftan zu schlüpfen. Auch feine Gattin Alexandra Michailowua trug sich int Schnitt noch nach alter Mode, alfo kaum anders als die Frauen kleiner Handwerker und Bauern. Selbst das Kopftuch, das unter dem Kinn zusammenge- knüpft wird, fand in ihr noch eine warme Verehrerin. Von der Kleidung der gewöhnlichen Klasse unterschied sich die ihrige nur durch die kostbaren Stoffe, Seide und Sammet, wie denn überhaupt das Solide in ihrer Toilette erfreulich zur Geltung gelangte.
Ten Entschluß, sich ein neues Haus zu bauen, hatte Jefim Godunow in vollkommener Uebereinstimmung mit feiner Fran erst in jenem kritischen Augenblick gefaßt, da das alte einzustürzen drohte, und noch größere Ueberwin- dung hatte es beiden gekostet, die neuen Räume im modernen Geschmack einzurichten.
Nur einen Luxus gönnte sich Jefim schon seit geraumer Zeit, nämlich schöne Pferde. Tie drei schwarzen Hengste seiner Troika waren sein Stolz und seine Freude. Wenn er mit ihnen unter der sicheren Leitung seines alten Kutschers Gerassirn durch die Straßen der Stadt dahin-


