(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
Ter Dampfer legte sich nochmals scharf auf die Seite, sodaß sie mit aller Kraft in. die Reeling greifen mußte, um nicht in den eisigen, Ivild tobenden Strudel hinabzustürzen. Aber in wenigen Augenblicken war die kritische Situation vorüber: in seine normale Lage zurückkehreud, zog der Rnrik aus der donnernden peitschenden Strömung in ruhiges und sicheres Fahrwasser ein.
„Gott sei Tank, daß wir durch sind!" klang es freudig Von oben. „Und nun alle Mann zum Gebet."
Sie wußte, daß es bei den Schiffern auf dem Tnjepr alter, geheiligter Brauch ist, nach dem glücklichen Passieren der Stromschnellen, deren furchtbarer Gewalt schon manches stattliche Fahrzeug zum Opfer gefallen ist, einige fromme Worte zu sprechen.
Tas Schneetreiben hatte aufgehört. Aus den Wolken war wieder der Mond zum Vorschein gekommen, während hier und da ein einsamer Stern silbern leuchtete.
Als jetzt die trotzigen, wetterfesten Gestalten der Männer, die gewohnt waren, furchtlos dem Tode ins Angesicht zu schauen, sich demütig vor Gott beugten und feierlich ihre Tankesworte in die geheimnisvoll schweigende Nacht sandten, mußte auch sie in tiefer Bewegung ihr Haupt neigen. So weich und wehe wurde ihr ums Herz, daß sie aus die Kniee sank, das Haupt gegen die Reeling lehnte und, die ganze Umgebung vergessend, bitterlich weinte. Es ist so menschlich, in Augenblicken der Trübsal gute Vorsätze zu fassen und den Beginn eines vorwurfsfreien Lebens zu geloben. Auch aus ihrem Herzen stieg ein solches Gelöbnis empor, sie mit Mut und Vertrauen auf die Zukunft erfüllend.
„Stehen Sie auf, Fräulein", hörte sie plötzlich die Stimme des Kapitäns neben sich, „wir haben festgemacht, und Sie können das Schiff verlassen."
Langsam erhob sie sich und reichte dem Alten wortlos die Hand, während ihre thränenumslorten Augen dankend zu ihm ausschauten.
„Keine Ursache!" sagte er freundlich. „Gebe Ihnen Gott Gesundheit und langes Leben!"
Sie zögerte einen Moment, bevor sie den Tampfer verließ, denn ihre Micke suchten jemanden, dem sie trotz aller Abneigung glaubte Lebewohl sagen zu müssen: Boris Mitrofanowitsch. Aber er war nirgends zu finden. Still wandte sie sich, und eilig schritt sie über die Landungsbrücke zum Ufer, von dem ihr eine Flut von Licht und der betäubende Lärm der Großstadt entgegendrangen, während hinter ihr aus den Kesseln des Rnrik heulend und fischend der Tampf strömte.
Mittwoch den 10, Dezember.
Nr. 183.
1902
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Tie Zeiger der Uhr, die über dem Quai leuchtete, waren schon weit vorgeschritten. Schnell suchte sie vorwärts zu kommen. Taß ihr jemand folgte, bemerkte sie nicht. Um so größer war ihre Ueberraschung, als sie beim Einbiegen in die Alexandrowskaja neben sich einen Herrn auftauchen sah — Boris Mitrofanowitsch!
„Taß eine junge Dame in vorgerückter Stunde allein über die Straße wandert, ist gefährlich", sagte er höflich- „und so werde ich mir erlauben, Sie zu begleiten."
Ter Zorn stieg in ihr auf. Sein Benehmen schien ihr aufdringlich. „Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich kann meinen Weg allein finden!" gab sie schroff zur Antwort.
Aber er beachtete diese Ablehnung nicht, sondern setzte den Weg zu ihrer Rechten unbekümmert fort, während er, als sei jeder Einwand ausgeschlossen, in aller Ruhe fortfuhr: „Sie wollten, wenn ich nicht irre, zur Ecke der Bol- schaja und Kusnetschaja. Wir müssen einen Schlitten nehmen, denn der Weg ist für Fußgänger viel zu weit und bei dem hochliegeuden Schnee doppelt mühsam."
Als sie bei ihrem Widerstande beharrte, fügte er kalt lächelnd hinzu: „Uebrigens begleite ich nicht aus Galanterie, sondern jn Erfüllung einer einfachen Menschenpflicht gegen eine Schutzlose."
Er winkte einen Jswostschik heran, und sie nahmen im Schlitten Platz, sie auf dem Vordersitz, er auf dem Rücksitz.
Wortlos saßen sie einander gegenüber, während das Fahrzeug sanft über den frischen, lockeren Schnee dahinglitt.
Sie vermied es, seinen Augen, die ausdrucksvoll auf ihr ruhten, und deren bannende Kraft sie fürchtete, zu begegnen. Nur zuweilen, wenn er gerade zur Seite schaute, streifte ihn ihr Blick, und sie bemerkte, daß seine Züge fest geformt waren und den unbeugsamen Wrllen eines zu kühnem Handeln entschlossenen Menschen wiederspiegelten. Zögernd und ungern gestand sie sich, daß seine Physiognomie ein außergewöhnliches Gepräge trug und besonders die breite, hochgewölbte Stirn, die aus Granit gemkäßelt zu sein schien, einen bedeutenden Eindruck machte. Aber sein Gesicht angenehm und gar schön zu finden, lehnte sie ab, denn ein derartiges Zugeständnis erschien ihr ein Verbrechen gegen Timitry zu sein.
Sie senkte ihren Blick auf seine Hände, die er ungeschützt gegen die Kälte auf die Kniee gestützt hatte; sie waren groß und derb, tote sie sich unter harter Arbeit zu formen pflegen, und die Linke wies eine erhebliche Verstümmelung auf. Taß die Hand entstellt war, erweckte ihr Mit- gefühl, und sie dachte darüber nach, tote wohl die Verletzung entstanden sei. Jedenfalls mußte er große Schmerzen ertragen haben, und das that ihr leib, obwohl sie glaubte, ihn hassen zu müssen.
Merkwürdig, daß ihm eine Unterhaltung überflüssig erschien. Tas stumme Gegenübersitzen machte sie nervös, sodaß sie den Augenblick herbeisehnte, der sie von iuesern hartnämgen Schweigen befreien würde.


