Ausgabe 
10.11.1902
 
Einzelbild herunterladen

666

Sie sich erboten I)<i6ert, mir diesen suchen W helfen, be­rühren Sie diesen Punkt mit keiner Silbe mehr."

Wir sind eben dabei angelangt. Wir mußten zuerst alles aus dem Wege schaffen, was Sie auch nur irgendwie in Ihren Nachforschungen hätte behindern können. Dieser Schuldige also existiert nicht mehr. Sie haben also mo­mentan nichts mehr als einen falschen Schuldigen in Hän- den. Suchen wir den eigentlichen. Vor allem andern wollen Sie bemerken, daß Sie es nicht mehr mit einem bloßen Totschläger, sondern mit einem ganz gewöhnlichen Raub­mörder zu thun haben."

Ah! Sie glauben, also an einen Raub?"

Entschieden. Sie haben sich geweigert, anzunehmen, daß Herr von. Sempach Frau von Sanden eine Summe von 20 000 Mark übergeben habe. Ich bin sogar fest überzeugt davon. Ich habe von den Beziehungen Herrn von Sem­pachs Kenntnis gehabt, denen dann ein Bruch gefolgt war, dessen Ursache Sie wohl erraten können. Dieser Bruch konnte aber nur geschehen, wenn gewisse Fragen des In­teresses und der Existenz geregelt waren; und daß sie ge­regelt wurden, weiß ich, und ich werde es im Not­fälle bekräftigen. Diese Summe von 20 000 Mark ist verschwunden. Wer kann sie entwendet haben, oder vielmehr, wer konnte wissen, daß Frau von Sanden im Besitze einer solchen ©umme war? Nur eine Person, und zwar ihr Kammermädchen."

Wie? Sie beschuldigen diese Zeugin?"

Bitte, bitte! Sie ist nicht mehr Zeugin. Die alte Angelegenheit existiert nicht mehr. Sie haben mir dies­bezüglich Ihr Versprechen gegeben. Wir sind jetzt in Gegenwart einer Angeklagten, und zwar einer sehr ver­dächtigen Person."

'Wie rasch Sie vorgehen, Gräfin!"

Ich scheine Ihnen rasch vorzugehen, weil Ihnen die unschuldige Minna noch niemals in einem verdächtigen Lichte erschienen war. Wir aber, die Freunde Herrn von' Sempachs, haben sie schon lange im Verdacht und über­wachen und beobachten sie aufs strengste." '

Nun, und was haben Sie entdeckt?"

Bis jetzt noch nichts. Wir waren bisher genötigt, uns mit unbekannten, bezahlten Agenten abzugeben, uns mit einer größeren oder geringeren Gewissenhaftigkeit zufriedenzustellen; Sie aber haben ernste, tüchtige Beamte von Fachkenntnis an der Hand."

Dieses Mädchen, das ich überdies kaum gesehen habe, wurde von dem Polizeikommissar verhört; aber sie hätte nie die Kraft gehabt, einen Mord zu vollbringen."

Warum sollte sie nicht einen Gehilfen gehabt haben? Suchen Sie, Herr Untersuchungsrichter und jetzt, da Sie auf einer anderen Fährte, auf der einzig richtigen Fährte sind, habe ich auch die Ueberzeugung, daß Sie finden werden. Ich verlasse Sie jetzt, denn ich sehe es Ihnen an, daß Ihr Geist bereits sucht. Ich habe Ihre Zeit schon über die Gebühr mißbraucht. Ich bleibe natür­lich stets zu Ihrer vollen Verfügung, doch bleibe ich dabei, zu behaupten, daß mein Zeugnis vollkommen über­flüssig ist. In jedem Fall habe ich das Vergnügen, Sie wiederzusehen, entweder in Ihrem Bureau oder in meinen Salons, die für Sie jederzeit weit offen stehen."

62. Kapitel-

Paul Querzewski und Julie Farkas, die sich, nach­dem sie unter dem Namen Keßler und Minna vor dem Gerichtshof und den Geschworenen ihre Aussagen gemacht hatten, wie gewöhnlich auf ihre Plätze in der Zeugenbank zurückbegeben hatten, waren durch den von Fräulein Rakenius hervorgerufenen Zwischenfall und die Ver­schiebung der Verhandlung auf einen neuen Termin leb­haft getroffen worden. Sie sahen sofort die diotwendig- reit ein, sich zu sehen, zu benachrichtigen und zu einem raschen Entschluß zu kommen.

Querzewski, sich die allgemeine Aufregung zu nutze machend, schlich an seine Genossin heran, von der er sich während der Verhandlung aus übertriebener Vor­sicht ferngehalten hatte, und gab ihr für diesen Abend ein Rendezvous in seiner Wohnung.' Er hätte sich ja am liebsten unverzüglich mit ihr besprochen, sobald sie >en Sitzungssaal verlassen würden. Aber Hesekiel, der ich auch in den Saal gedrängt hatte, beabsichtigte ent- chieden, Minna nach der Sitzung abzuholen, um ihr ede Handelnsfreiheit zu rauben. Es war ja seine Pflicht, ie auch weiterhin zu beobachten, da er doch dafür be­

zahlt wurde, trotzdem seine Aufmerksamkeit vollkommen überflüssig war und dann bedeutete es für ihn gleich­zeitig ein Vergnügen, mit einem so hübschen, jungen Geschöpf gemeinsamen Weg zu machen. Sie hatte ihn durch ihre schlauen Koketterieen vollends gefangen, und seitdem er an ihrer vollkommenen Unschuld nicht mehr zweifelte, nahmen die bereits einmal gehegten Heirats­gedanken von Tag zu Tag eine festere Form an, denn sie war entschieden ein anständiges Mädchen. Des Abends schloß sie sich aus Vorsicht und Angst wie immer ab, und sein Vertrauen in sie war ein so vollkommenes^ daß er jetzt nur noch höchst selten aufstand, um zu horchen, und sich zu überzeugen, daß sie in ihrem Bett in tiefem und gesundem Schlaf lag.

Der Abend aber, den sie nach der Sitzung int Gerichts- saale miteinander zubrachten, verlief etwas lebhafter als gewöhnlich. Um vor dem Gerichtshöfe und den Ge­schworenen zu erscheinen, dort den Eid zu leisten und vor der Oeffentlichkeit zu sprechen, hatte Minna geglaubt, etwas Toilette machen zu müssen und Hesekiel, der! sie bis dahin nur im Hauskleide gesehen hatte, fühlte; sich ganz begeistert. Er versuchte auch nach dem Essen, ihr mehr den Hof zu machen als sonst. Zerstreut, in! Gedanken vertieft und an ganz etwas anderes denkend, ließ sie ihn gewähren, und that ihm nur dann Einhalt, als seine Küsse etwas zu feurig wurden. Aber die von ihr abgewehrten Liebkosungen hatten ihn auf den Ge­schmack gebracht, und nachdem sich Minna um zehn Uhr abends in die ihr zur Schlafkammer gewordene Kabuse zurückgezogen, und die Thür, die sie von ihm trennte, von innen zugeriegelt hatte, befand er sich in einem Zustande solcher Erregung, daß er sich nicht zu Bette legen konnte. Sie hörte ihn noch lange im Salon auf- und niedergehen und wagte sich' nicht heraus, trotzdem sie Paul versprochen hatte, ihn aufzusuchen.

Erst gegen 1 Uhr morgens konnte sie sich durch die Ruhe, die in der ganzen Wohnung herrschte, überzeugen, daß sich das Fieber Hesekiels gelegt und er selbst den sehr löblichen Entschluß gefaßt hatte, sich niederzulegem Darauf erhob sie sich noch viel leiser als gewöhnlich, schlich sich zur Eingangsthür, öffnete dieselbe, schloß sie wieder geräuschlos, und kratzte leise an der Thüre Quer- zewskis.

Er erwartete sie bereits im Flur, zog sie sofort in ein anstoßendes Zimmer, das sie für ihre Unterred­ungen auserwählt hatten, und sagte ihr ohne Einleitung in rauhem und heiserem Tone:

Tie Lage hat sich jetzt geändert. Die Geschichte steht jetzt nicht mehr so günstig für uns. Alles geht wieder von vorn an."

Ja, das habe ich auch so verstanden."

Der verdammte Zwischenfall, den kein Schwein vor­aussehen konnte, erfordert unbedingt eine neue Unter­suchung. Sie wird die Unschuld des Angeklagten an den Tag bringen. Man beruft sich jetzt auf ein Alibi, das ihn, sobald es bewiesen ist, retten muß. Dann natürlich wird sich die Justiz rächen wollen, und wird den wahrhaft Schuldigen suchen. Gegen wen und auf wen wird sich der Verdacht lenken? Auf Dich."

Ah! Du teilst also meine Furcht?" fragte sie er­schauernd.

Donnerwetter, das springt doch in die Augen! -5 Von wem kommt im letzten Augenblick noch die Sem­pach gebrachte Hilfe? Wer hat ihm das Rettungsseil! zugeworfen, als er, wie es allen Anschein hatte, gerade! so schön dran war, zu fallen und zerschmettert zu wer­den? Dieses Aas, die Bertha Rakenius, die zweifellos seine Geliebte ist. Seit ihrem Besuch, seit ihrem Spazier­gang, den Du sie hast nach dem Esiaß machen lassen, mißtraut sie Dir dermaßen, daß sie Dich streng überwachen und beobachten läßt. Dein Spion, der Esel, der neben­an schläft, hat nichts entdecken können, und da Sem­pachs Freunde keine Beweise bringen konnten, so haben sie einfach lieber geschwiegen. Sie glaubten, nur sich und Sempach zu schaden, wenn sie einen sympathischen Zeugen angegriffen hätten. Tie Dummköpfe glauben vielleicht, ich hätte sie nicht durchschaut! Heute haben sie keinen Grund mehr, auch in Zukunft zu schweigen. Man wird die Rakenius verhören, und nachdem sie von sich und ihrem Geliebten gesprochen, und das Alibi bewiesen haben wird, wird sie von Dir sprechen."