Ausgabe 
10.11.1902
 
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Nr. 167.

Montag den 10. November.

1902.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-

(Fortsetzung.)

Sie öffttete ihren Pelzmantel, den sie bis jetzt ge­schlossen umhatte, und zeigte ihm ihre Brosche:

Ich bitte Sie, sehen Sie nur her, richten Sie selbst, Sehen Sie, wie kräftig und stark diese Nadel ist. Man möchte beinahe sagen: ein kleiner Dolch. O, Sie dürfen schon näher treten, ich bin für Sie nichts anderes als ein Zeuge, von dem Sie das Recht haben, den Beweis zu verlangen, den ich Ihnen vorlege/'

Er machte von dieser Aufforderung Gebrauch, erhob sich, näherte sich der Gräfin und untersuchte trotz einer kleinen Verwirrung, sich in solcher Nähe von ihr zu be­finden, die Brosche, die sie nicht abgenommen hatte und die die Federkrause ihres Pelzjaqnets abschloß.

Jawohl", konstatierte er nach einer gewissenhaften, sogar zu gewissenhaften Untersuchung.Diese Nadel kann entschieden wohl die Verwundung an Herrn von Sempachs Finger verursacht haben."

Und sie hat sie auch einzig und allein verursacht", schloß sie, indem sie sich weit in den Stuhl zürücklehnte.

Er glaubte auf seinen Platz zurückkehren zu müssen, und die Gräfin versuchte sofort einen neuen Sieg über ihn zu erfechten:

Ein dem Angeklagten gehörendes Juwel wurde neben dem Opfer in dessen Blute vorgefunden. Dieses Juwel, diese Perle hatte jedoch Herr von Sempach bereits einige Tage vorher verloren, sodaß er mich ersucht hatte, ein ähnliches von gleicher Größe und gleichem Farbenspiel bei meinem Juwelier nachzubestellen. Ich bin bereit, diese Aus­sage mit einem Eide zu bekräftigen, wenn Sie, Herr Unter­suchungsrichter, mich morgen nötigen, in Ihrem Bureau zu erscheinen, und ich will hoffen, daß meine Zeugenaus­sage von gleicher Kraft ist wie die Aussage, die dem Kammer­mädchen der Frau von Sanden entlockt wurde. Sie hat Ihnen gesagt, daß ihr Herr von Sempach keinen Auftrag gegeben habe, dies verlorene Juwel zu suchen; nun, und ich bestätige, und werde immer bestätigen, daß er mich zwar nicht gebeten hatte, es zu suchen, was ich, füglich nicht hätte thun können daß er mich aber ersucht hatte, es durch ein gleiches zu ersetzen, was schließlich, auf das­selbe hinausläuft."

Sie blickte verstohlen nach ihm, um sich über den er­zielten Eindruck Rechenschaft zu geben und als sie be­merkte, daß dieser ganz vorzüglich war, beeilte sie sich, unter stetem Lächeln und immer so liebenswürdig wie möglich hinzuzufügen:

Sie sehen jetzt selbst, daß Ihr Tempel, den Sie so sorgfältig und mühselig errichtet haben, nach und nach

in sich zusammengestürzt ist. Es bleiben nur mehr sein« Trümmerreste übrig. Und wenn es Ihnen recht ist, wollen wir jetzt über diesen Trümmern ein neues, solideres Ge-i bäude aufbauen. Slber vorerst, ich bitte Sie, noch eins kleine Bemerkung. Sie haben zu viel Geist, um sich infolge einer solchen Kleinigkeit verletzt zu fühlen."

Er verbeugte sich wortlos, immer noch etwas verwirrt über die direkte Nähe, in der er sich bei der Besichtigung der Brosche mit jener verführerischen Frau befunden hatte.

Ich habe das Bergnilgen, den Justizminister zu kennen, und habe mir deshalb erlaubt, ihn über Ihre Per­sönlichkeit zu befragen imb ausznforschen. Tas ist wohl sehr natürlich. Ich mochte jenen Mann, von dem nament­lich das Schicksal des Herrn von Sempach abhängt, so genau wie möglich kennen lernen; und er sagte zu mirr Herr Landgerichtsrat Klinger ist der tüchtigste aller unserer Untersuchungsrichter. Er ist der Einzige, dem das Gericht sämtliche wichtige und delikate Angelegenheiten anvertraut. Aber, kein Mensch ist vollkommen/nnd er sündigt in einem Punkte."

Bloß in einem?" fragte er lächelnd.

Es werden vielleicht auch mehrere andere vorhanden sein", antwortete sie, ihm ebenfalls zulächelnd,aber man hatte mir nur diesen einen bezeichnet."

Also, Frau Gräfin, darf ich bitten, welchen Punkt?^

Sobald Sie einmal eine Idee gefaßt haben, soll sie Ihnen nicht mehr auszutreiben sein, sollen Sie nicht mehr von ihr lassen wollen."

Mit anderen Worten: Ich bin dickfellig?"

Wenn Sie dieser Ausdruck nicht verletzt! Ja, man hat sich erlaubt, sich also auszudrücken. Nun, ich an Ihrer Stelle möchte gerade das Gegenteil davon beweisen und zeigen, daß dieser Fehler, so gering er auch sei, nicht zu den Ihrigen gehört. Und das ist furchtbar leicht. Wenn Sie morgen Ihre neue Untersuchung beginnen, geben Sie sich selbst das Versprechen, die erste, ältere, total zu ver­gessen. Sie legen Ihr altes Protokoll vollkommen ad acta« Sie machen sich frei von all Ihren früheren Vermutungen und Gedanken und scheuen sich nicht, in ganz entgegen- gesetztem Sinne zu urteilen, falls sich dies aus der neuen Untersuchung folgerichtig ergeben würde. Tann wirb man sich sagen:Er ist doch nicht so starrköpfig; ja, er ist absolut kein Tickkopf."

Er begann bei dieser Folgerung herzlich "zu lachen und erwiderte:

Ich muß gestehen, daß mich dieser Gedanke geradezu verlockt. Ich fange sogar an, an die Art und Weise, tote Sie die Sachlage beleuchten, zu glauben dank Ihrer Redekunst, Frau Gräfin, und meine ich jetzt selbst, daß ich den Fall heute von einer anderen Seite zu betrachten habe. Aber wenn ich diesmal zu dem Resultat gelange, daß Herr von Sempach unschnldrg ist, wird man von mir den anderen, wirklich Schuldigen, verlangen, und trotzdem!