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geworrenen Namen "Segler quietschvergnügt nach Berlin. Der Name paßte mir wie ein Handschuh, und ich habe ihn einfach behalten."
„Wer hat man denn nicht seit Beginn derUntersuchung", warf Minna ein, „in Frankfurt, wo jener Keßler gebürtig war, wie Du sagtest, Erkundigungen eingezogen^
„Na, und wenn auch die Polizei welche eingezogen hatte, so muffte sie erfahren, daß er in seiner Vaterstadt ein vor- treffliches Andenken hinterlassen hat — daß er vor einigen Jahren dieselbe verlassen hatte, um irgendwo in Rußland sein Glück zu versuchten."
„Und man bekümmert sich weiter nicht darum, was er seit der Zeit "unternommen hat, was aus ihm geworden ist?"
„Sollte nian sich darum bekümmern, dann beweisen seine Briefe, Certifikate und Papiere, daß er, nachdem er dort genügend gute iitnb anständige Geschäfte gemacht hatte, sich entschlossen hatte, wieder nach Deutschland zurückzu- kehren. Genügt das nicht? Na, dann bin ich denn eben an seiner Stelle, in seiner Person zurückgekehrt. Ist das nicht genau dasselbe? llebrigens, mein Schwatz, machst Du Dir geivaltige Illusionen über die Justiz hier, wenn Du Dir einbildest, daß man die Vergangenheit derer, die berufen sind, als Zeugen zu fungieren, so genau studiert und durchstöbert! Ja, das Gericht dringt tief in das Leben des Angeklagten — das stimmt; aber um die Zeugen, die oft durch ein Wort, einen Ausspruch, oft mit Hilfe der kleinsten Lüge den Angeklagten verurteilen lassen, ihn ins Zuchthaus oder sonst wohin oder gar aufs Schaffott bringen können — um die kümmert man sich nicht so eingehend wie Du glaubst. Noch weniger kümmert man sich um den Zeugen, wenn seine Aussagen, zufällig mit den Ansichten des Untersuchungsrichters übereinstimmend, die ihm selbst und auch später der öffentlichen Verhandlung nützen. Er wird vorgeladen, er sagt aus, oft lügt er. Und aus welche Weise wird er vorgeladen? Wenn Du wüßtest, wie das oft geschieht! Der Gerichts^ diener begnügt sich nicht, die Vorladung beim Portier die längste Zeit ganz offen liegen zu lassen. Irgend ein geschickter Kerl kann sich leicht dieses Stückes Papier bemächtigen und den wahren Zeugen ersetzen. Der Beweis der Bgen ist ost so unglaubwürdig, so gefährlich, daß man
beim Civrlverfahren einfach zurückweist. Hat man eine uldforderung von mehr als .50 Mk., und wissen selbst 20 Zeugen davon, dann wird kein einziger vernommen. Handelt es sich hingegen um einen Kbps kürzer zu machen, dann genügt oft ein Zeuge.Und was für ein Zeuge oft!"
„Tu denkst wohl dabei an Dich, nichts'
„Ja, wenn Du willst. Paß auf, ob irgend ein Mensch än meinem Worte zweifelt, wenn ich mit UeberzeuMng, die Hand aufs Herz, bekräftige, daß ich in Sempach den erkenne, der am Mordabend, um 10 Uhr, eben als ich hinausging, in das Haus hineinschlüpfte."
„Und Du bist immer noch entschlossen, diese Erklärung ab'zugeben?"
„Pschakrefs! Wenn ich jetzt widerrufen und so das Verfahren einstellen lassen sollte, so käme ich doch sofort in Verdacht. Und da gewöhnlich ein Verdacht einen zweiten gleich in der Gesellschaft hat, so könnte man schließlich doch
noch den wahren Schuldigen herausfinden und mit ihm seine Mitschuldige, meine kleine Viper!"
„Sprich doch keine Dummheiten, ja! Ich bitte Dich!" sagte Minna, die ein leichter Schauer überkam.
„Ich spreche absolut keine Dummheiten", sagte Quer- zewski sehr ernst. „Wenn man mich, verhaftet, dann bekommt man sofort meinen wahren Namen, meine Titel und Eigenschaften heraus und mit ihnen auch meine Lebensgefährtin, die mir außer im Zuchthaus, in das man sie — leider — nicht htnemgelassen hätte, überall hin gefolgt war, die nie aufgehört hatte, für mich die vollendetste Hingabe an den Dag zu legen, mit einem Wort: Julie Farkas, die sich jetzt hinter dem Namen Minna verbirgt. Die müßte dann mit mir tanzen."
Jetzt mit einem Male sprang er auf, lies im Zimmer auf und nieder und fuhr mit erregter Stimme und lebhaften Bewegungen fort:
„Und ich will es nicht. Du hast schon einmal um meinetwillen drei Jahre Kerker gehabt, als ich toegen Fälschung verurteilt worden war. — Damit ist's genug. Wenn ich wieder einmal verhaftet werden sollte, dann will ich es in der Eigenschaft als Sträfling sein, der seine Haft gebrochen hat. — Ich will nicht, daß dieses Verbrechen mit im Spiel sein soll. Ich ergreife jedes mögliche Mittel, um nur zu verhindern, daß jemand darauf verfällt, mich anzuklagen. Um so schlimmer für Sempach, Ich schaue lieber auf unsere Häut als cutt die seinige. Wird er verurteilt, so kommt er mit ein paar Jahren Kerker davon; denn der überlegte Mord "und der Raub — an den toerben sie ja doch nicht endgiltig glauben. Bei Uns ist es bestimmter, was wir bekommen werden: ich das Schaffott, und Du Strafhaus bis ans Ende Deiner Tage."
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
Etwas anderes. „Komm her, Hänschen, du mußt di« Buchstaben kennen lernen. Siehst du den runden Buchstabe« hier? Das ist ein „o", und der da mit dem Punkt darüber ist ein „i".
Hänschen gähnte und sah nach der entgegengesetzten Richtung. Dann sagte er: „Ach, wir wollen lieber waff anderes spielen." (Tit-Bits.)
Zahlenrätsel.
(Nachdruck verboten.)
12345878498 Land in Amerika
2 7 4 6 8 Griechischer Sänger
3 4 2 8 9 Schlingpflanze
4 7 9 8 9 weiblicher Vorname
5 9 4 3 9 Werkzeug
6 7 1 2 8 Lufterregung
7 2 8 1 9 Pflanzenteil
8 9 3 1 9 Blume
4 3 12 weiblicher Vorname
9 3 5 9 8 Märchenwesen
8 6 8 8 9 Gottgeweihte.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Worträtsels in Nr. 148: Totengräber.
Aerichl üöer winterlichs AeZerNeider.
Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur Dresden-N. Reichhaltiges Modenalbum und Schnittmusterbuch zu 50 Pfg. daselbst erhältlich.
Wer die jetzige Mode launisch schelten will, der thut ihp bitter Unrecht, das beweisen die diesjährigen Winter- überkleider deutliche denn trotz aller Vielseitigkeit der Form, trotz der Mannigfaltigkeit der Garnierung btingt sie mit seltener Ausdauer immer wieder „Sackpaletots", wenn auch, in veränderter und verbesserter Auflage. Oder sollte es vielleicht das Publikum selbst sein, welchem die Ausdauer zuzuschreiben ist, indem es immer tvieder „Sack- Paletots verlangt, weil es an ihnen Geaflleir fand? Sei dem, wie ihm wolle; Thatsache ist jedenfalls, daß die Sack- Paletots auf der ganzen Linie toieber gesiegt haben; denn neben ihnen spielen die anliegenden und Blusenjackets Und die noch kürzeren Bolerojäckchen nur eine bescheidene Rolle; sie sind gewissermaßen nur Nebenerscheinungen. Eie aber als' unmodern zu bezeichnen, wäre wiederum Unrecht, denn dazu Hat sich die Mode zu viel Mi Men
beschäftigt, indem sie ihnen die breiten über die Schultern fallenden Kragen, die nach unten weitert Aermel und die Bündchenärmel, fotoie die hochmodernen Applikationsstickereien von Tafftseide zudiktierte. Auch der allgemein beliebte Pelzbesatz wird viel dazu beitragen, ihnen ein mode- gerechtes Aussehen zu geben. Am beliebtesten sind alle diese Formen jedoch immer noch als Kostümjacken; denn in dieser Zusammenstellung hört die Macht der Sackformen arrs, da sie für ein fesches, jugendliches Jackenkostüm wenig geeignet erscheinen.
Sehr viel werden zu Jackenkostüme!: auch die modernen Blusenjackets verarbeitet, welche besonders die Jugend vorteilhaft kleiden. Ein- und zweireihig, mit und ohne Schößchen pnd dazu meist mit den breiten Schulterkragen, welche in diesem Winter fast jedes Ueberkleid schmücken.
Auch an den modernen Sackpaletots sind sie die weit*


