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hatte, daß niemand die Treppe heraufkam, Und das TreMn- haus leer war, ging sie nach der Thür des Herrn Keßler, pochte dreimal, indem sie nach jedem Pochen einen gewissen, gleichen Zeitraum verstreichen ließ. Gedämpfte Schritte, jedenfalls durch Filzpantoffeln oder dichte Ueberschuhe erstickt, schlurften nach und nach näher. Man vernahm das Geräusch eines weggeschobenen Riegels, das Knirschen des Schlüssels und dann öffnete sich die Thür zur Hälfte. Sie stieß sie mit der Schulter auf, eilte in die Wohnung und rief dem entgegen, der ihr geöffnet hatte:
„Fürchte man nichts, Schnuteken!" Dabei warf sie sich in seine Arme. ,>Ja, ja, ich bin es ja. Deine Seine Piper."
Er gab ihr rasch einen Teil ihrer Küsse zurück, die sie jbm gegeben hatte, um daraus mit größter Sorgfalt die Thür zu verschließen.
Dann kehrte er um und folgte Minna, die bereits das Vorzimmer verlassen und in einen Keinen, anständig möblierten Salon getreten war, der von einer Lampe erhellt und durch Fenstervorhänge ganz dicht verhängt war. Im Ofen brannte ein behagliches Feuer. Auf einem kleinen, runden Tisch war für zwei Personen gedeckt, und aus einem tragbaren Anrichtetisch standen eine Gänseleberpastete, kalte Rebhühner, russischer Salat, einige schöne Früchte, zwei Maschen Sekt und eine Karaffe mit Kognak.
Diesmal warf Minna einen äußerst lüsternen Blick auf ti-Ce diese Eßwaren, roch an der Pastete und leckte sich Mit der Zunge die frischen Lippen.
„Zu Tisch!" rief sie. „Ich sterbe noch vor Hunger!"
Ohne viel Vorbereitung setzte sie sich mit ihrem Ge- uvssen, der wahrscheinlich gleichen Appetit hatte wie sie, WTIch.
Sie hatte ein Rebhuhn ergriffen und zerschnitt es gerade.
„'s gießt Neuigkeiten!" ; '
Mas denn?" I ; " f
„Zwei Damen haben mich heute besucht Und wollten, Unter dem Worivand, mich zu unterstützen, mich aushvrchen."
„And Du hast ihnen was vorgequasselt?"
„gefte, um Vertrauen zu erwecken."
„Wer waren die Weiber?" '
„Die Portiersfrau hält sie für Schauspielerinnen. IFawohl! So dumm! Die haben nie auch nur einen Fuß Vuf die Bretter gesetzt. Die eine muß ein junges ganz wohlerzogenes Ding seich sv etwas Künstlerin, aber nur Künstlerin fürs Haus, Die andere ist 'ne Nulpe; das war nur der Elephant.^ '
„Was wollten sie denn Von Dir?"
„Mich von der Unschuld vom Sempach überzeugen und Wr überreden, zu seinen Gunsten zu sprechen.'"
„Pschakreff, das ist wichtig! Es gießt doch, noch Freunde, die such rühren! Ich chatte doch gleich meine Bange davor!"
,/Ünd o b die sich rühren! Die Kleine ist von einer jEöergie, einem Feuer, die muß in ihn verschossen sein! g Aus Liebe —- — Na, ich kenne das !"
„Man muß ihr also im Ernst mißtrauen?"
„Und feste, sag' ich Dir! — Schenk mir ’n Sekt ein! Ich hab' einen wahnsinnigen Durst! Sie haben mich ja fo unmenschlich viel reden lassen, die zwei beiden."
,Mas hast Du gesagt?"
„Alles, was sie gerade haben wollten. Sie rechnen jtoS bauen aber auch auf meine unbedingte Ergebenheit."
„Dvbsche! — Aber wenn sie den Sempach für unschuldig Salten, dann suchen sie ohne Zweifel den Schuldigen."
,/©ie werden ihn jetzt suchen gehen."
„Wo? MM welcher Seite? Haben sie denn einen Mngerzeig?" t ,
/Hetzt, durch mich." Sie zeigte mit dem Zeigefinger Uns ihre Brust und lachte schelmisch.
„Aha! Du hast sie---"
„Aus eine ganz falsche Fährte gebracht. — Jawohl, mein Engelchen — Donnerwetter! . Schenk doch ein! Ich Sefcmme immer mehr Durst!"
Sie trank mit vollem Schluck, machte flch über die Gänseleberpastete her und fuhr weiter fort: „Mir ist plötz- 8ch die Idee gekommen, meiner einstigen Herrin und Ge- küeterin einen verkommenen Vetter anzuhängen, einen elenden Halunken, der schon einmal versucht hatte, ihr Geld fit erpressen. Ich sagte, daß er dem Sempach etwas ähnlich ist, Münser heißt und in Straßburg wohnt, und ich will Betten, daß die Kleine sofort ihn aufsuchen geht. Mchrend
sie dort versucht, sich dNrch alle Münsers aus dem Elsaß durchzufragen, geht hier die Untersuchung ohne Zwischen- fall zu Ende."
„Famos ausgedacht, meine kleine Viper! Prosit! Dein Wohl!"
„Prosit! Deins, mein Dicker!"
Nachdem sie sich gegenseitig zugetrunken hatten, aßen sie eine Zeit lang stillschweigend in sich hinein mit all der Sinnlichkeit jener Menschen, die es verstehen, ihr Fleischs zu mästen. Dann sagte Minna, zu ihrem Spießgesellen gewendet:
„Und Du, was hast denn Du heute gemacht?"
,Hch war wieder in Moabit. Ich hatte schon wieder eine neue Vorladung erhalten."
„Der Kerl, der Richter, wird' doch nie damit aufhören. Was hat er denn schon wieder gewollt?"
„Mich um genaue Auskünfte beftagen."
„Ueßer wen?"
„Ueßer meine hohe, werte Persönlichkeit."
„Und Du hast sie ihm natürlich gegeßen?"
„Natürlich. Ich sagte ihm mit allem Respekt: „Hochwohllöblicher Herr Richter, die Stunde ßat geschlagen, da Sie über mich Aufklärung haben sollen. Sie glauben- daß ich beinahe 50 .bin, daß meine Haare und Bart schon anfangen grau zu werden, daß meine Gestalt durch chronisches Rheuma gekrümmt ist Md mich meinen Fuß nach-- schleifen läßt, daß mich meine schwachen Augen zwingen, blaue Brillen zu tragen. Kolossaler Irrtum, mein gutester Herr Richter! Ich bin noch nicht 35 Jahre alt, meine Perrücke birgt unter sich, Haare von tiefstem Schwarz, und die Geschmeidigkeit meines Körpers ist noch ganz vortrefflich Unter meinen Brillen funkeln noch große, sammetne Augen, die schon manche Weiber verrückt gemacht haben. Anstatt, wie Euer Liebden glauben, Keßler zu heißen, heiße ich Paul Querzewski. Soziale Stellung: einstiger Graveur in Stahlplatten, verurteilt zu Zuchthaus von zehn Jahren wegen Herstellung und Verbreitung von falschem Papiergeld. Sollte es Ihnen gefällig sein, einen kurzen Ueßer» blick über mein Leben seit dieser Verurteilung zu haben? Bitte, ganz zu Ihren Diensten. Kaum in Eydtnchnen an» gekommen, entwischte ich kurz daraus über die Grenze, Ich komme Nach' Deutschland zurück, wo mich Prinz Tschi- gorin zu seinem Sekretär — die Prinzessin zu ihrem Geliebten gemacht hat. Man verhaftet mich in ihrem Palais, und ich werde nochmals ins Zuchthaus geschafft. Ich verlebe dort — v ! — drei sehr, sehr schlechte Jahre und brenne von neuem durch. — Jetzt habe ich mich in Berlin nieder» een, wohne in der Augsburger Straße, gelte als acht-, Privatier, habe meine eigenen Möbel, zahle meine Steuern und spiele Zeuge vor Gericht, sobald Sie, mein bester Herr Rwhter, mir die Ehre geben, mich, holen zu lassen." Siehst Du, meine kleine, süße Viper", lachte er, „im Geiste das Gesicht des Untersuchungsrichters, wenn ich ihm dies alles gesagt hätte?"
„Der ist im stände und glaubt Dir keine Silbe von der ganzen Geschichte", sagte sie und nahm den russischen Salat in Angriff.
32. Kapitel.
Keßler, oder vielmehr Paul Lluerzewski — der eßen in dieser scherzhaften Form eines Bekenntnisses fein Leben treu entrollt und beschrieben hatte — schenkte sich nach beendeter Mahlzeit noch ein Mas Kognak ein, steckte sich eine Cigarre an und warfsich in ein Fauteuil. Minna, ihm gegenüber, die Ellbogen aus den Tisch gestemmt, ihren Teint durch das gute Essen und infolge des Sektes belebt/ sagte ihm nach einem Augenblick:
„Scherz beiseite! Was hast Du denn dem Richter über Dein früheres Leben gesagt?"
„Das denkbar Beste, liebes Mnd, das Einzige, was Herr Keßler, den ich doch vorstelle, geben könnte — jener Keßler, in dessen Haut ich mich nun völlig hineingelebt habe. Du vergißt immer, Kindchen, daß der Name thatsäch- lich existiert hat. Er ist im letzten Jahre in Riga in ein ent Hotel, tu dem ich mich, auf meiner zweiten Flucht befand', am Typhus gestorben. Ich machte mir die durch die Epi» demie entstandene allgemeine Verwirrung und den Schrecken der Hotelbediensteten zu nutze, mich, in dessen Zimmer zu schleichen und mir fein Geld und seine Papiere anzueignen. Und indes man ihn wie einen Verpesteten, tote einen Hund, ohne seinen Namen zu wissen, beerdigt hatte, machte ich mir nach ihm eine Maske und sandelte unter dem herrenlos


