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Arie. Diesmal schrie aber mein Landsmann in seiner Sprache, ohne sich zu genieren, aber auch ohne verstanden zu werden: „Der Teufel hole Dich, Engländer, zusammen mit Deinem Berg! Wenn ich die Schweizer nicht fürchtete, so würde ich Dich anstatt Kalbfleisch zu Mittag verspeisen!"
Der Engländer wandte ihm sehr höflich sein bleiches Gesicht zu und schlug den Takt mit der Hand.
Da . . . hörten wir plötzlich eine Stimme von unten. Der Engländer sprang auf und lief dorthin, von wo der Deutsche abgestürzt war.
„Hop! hop!" rief man von unten.
„Hop! hop!" antworteten wir im Chor.
Die beiden Damen küßten sich vor Freude.
„Ich bin nicht tot!" rief die Stimme. „Steigen Sie hier herunter!! Ern famoser Weg!"
Erstaunt erkannten wir die Stimme unseres Deutschen.
„Von dieser Stelle können die Herren herunterspringen, es ist kaum einige Meter hoch ... Die Damen muß man aber auf die Schulter nehmen!" schrie der Deutsche.
„Gott sei Dank!" ries mein Landsmann; „wenigstens komme ich heute noch zu meinem Wendbrot!"
Und er sprang in den Nebel hinein.
Wieder hörten wir die Steine rollen und die Stimme t>eS' Landsmannes schimpfen:
„Der Kuckuck hole ihn mit solchem Weg . . . Wahrscheinlich habe ich mir den Fuß verstaucht!"-
Dann hörten wir unten eine Unterhaltung. Die Beiden mußten einander schon gefunden haben.
Wir gingen alle der Reihe nach hinunter, trotz des Widerspruches der Damen, die aus keinen Fall auf die Schultern des Engländers Keltern wollten. Schließlich besannen sie sich jedoch. Der Felsen bildete nämlich an dieser Stelle eine Art Schwelle, die drei bis vier Meter hoch war; man mußte entweder hinunterspringen oder mit Hilfe einer untenstehenden Person hinuntergehen. Nachdem wer den fatalen Felsblock verlassen hatten, befanden wir uns auf einem steilen Whang, der von oben bis unten mit Steinen beschüttet war. So gingen wir nicht, sondern liefen in größter Hast und lärmend, alle vier an die Hände gefaßt: die Damen in der Mitte, der Engländer und ich zu beiden Seiten. Vor unsi ein wenig zur Seite, sahen wir im Nebel zwei Schatten sich vorwärts bewegen: meinen Landsmann und den mißratenen Selbstmörder. Trotz der bedeutenden Geschwindigkeit liefen wir mehrere Minuten den stellen Whang hinunter. Je tiefer wir jedoch kamen, desto durchsichtiger wurde der Nebel; endlich sahen wir das Thal.' ' ~
Als wir eine Viertelstunde später alle auf der Wiese zusammentrafen, faßte der Engländer den Deutschen unter und sagte zu den Damen:
„Wissen Sie, daß dieser Mensch sich 'vor einer Stunde töten wolltet
Der Selbstmörder ging beschämt zur Seite, und als die Französinnen sahen, mit welchem Ernst der Engländer sprach, begannen sie zu lachen. Selbst mein Landsmann hielt es für einen guten Witz. Als wir aber den Fall erzählten, begann eine der Damen zu weinen, und die andere bekam einen Weinkrampf.
Thatsächlich verdankten wir dem augenblicklichen Wahnsinn unseres Kameraden unser Leben. Denn der Felsblock hing über einem Abgrund, und nur von dort aus, wo der Deutsche hinuntersprang, konnte man ins Thal steigen, ohne sich der Todesgefahr auszusetzen.
Uebrigens verlief sein Abenteuer ziemlich einfach. Als er sich vom Felsen hinabstürzte, traf er auf eine Schicht Steine; um seinen unerträglichen Kopfschwindel schneller ein Ende zu machen, lief er blindlings vor sich hin. Nach einigen Minuten hatte er die Zone des Nebels hinter sich und er sah — den gefahrlosen Weg. Sobald er sich von der Erschütterung erholt hatte, Kelterte er nicht ohne Mühe wieder hinaus, um uns den Weg zu weisen."
„Wollen Sie glauben", schloß mein Freund, „daß der Deutsche seit diesem Vorfall nicht mehr an Kopfschwindel leidet! ... Er ist sogar Mitglied des Alpenklubs geworden, und heute finde ich seinen Namen in den Listen der Touristen, Hitz die höchsten Berge besteigen , z."
vermischtes.
Der Herzensroma« einer österreichischen Erz. Herzogin. Aus München schreibt man: Die Verlobung Herzog Siegfried in Bayern mit der Erzherf zogin Maria Annunziata von Oesterreich wurde mit beiderseitigem Einverständnis gelöst. Diese in lakonischer Kürze abgefaßte Nachricht wurde vor kurzem durch den offiziellen Draht den Redaktionen übermittelt, während die Blätter vor acht Wochen gelegentlich der Verlobung des lebenslustigen in München nicht unbeliebten Herzogs Siegfried mit der österreichischen Erzherzogin zu erzählen wußten, daß mit dieser Verlobung ein wahres HerzenK- bünduis nur offiziell bestätigt wird. Ein Herzensbündnis! Nicht doch. Ein solches bestand zwischen'den Verlobten nie, denn es war den Eingeweihten bekannt, daß die Erzherzogin nur dem Drängen ihrer Verwandten, namentlich ihres Stiefbruders, dem österreichischen Thronfolger, nachgab, als sie dem um sie werbenden Herzog Siegfried das Jawort gab. Richtig war also nur, daß den Herzog Siegfried gerade die kalte Ruhe seiner Braut anzog, und nur von dieser Seite von einer Neigung die Rede fein konnte. Erzherzogin Maria Annunziata ist eine ernste Natur, die, wie am Wiener Hofe bekannt ist, seit Jahren ihr Ideal im Herzen trägt. Bor acht Jahren lernte die Erzherzogin einen jungen deutschen Fürsten, der vorübergehend am Hofe zu Wien weilte, kennen tmd — lieben. Dem Range nach hätte kein Hindernis bei der Ehe zwischen der Erzherzogin und dem jungen Fürsten, der zu den Lieblingen Kaiser Wilhelms II. gehört, obgewaltet; allein der Fürst ist — Protestant und die Erzherzogin strenggläubige Katholikin. Ta aber das Herz der Erzherzogin mit allen Fasern ihrem Ideale nachstrebte, so hatte diese nach erlangter Majorität die Absicht, dennoch dem Zuge des Herzens zu folgen. Bei gewöhnlichen Menschenkindern wäre dies leicht ntög> lich gewesen, nicht über bei der Nichte des österreichischen Kaisers, der sonst auch in Herzensfragen in seiner bekannten Ritterlichkeit und Mite tolerant ist. Ter Kaiser schlug aber die Bitte seiner Nichte aus GewissenHkruPeln ab. Man hoffte, daß die Zeit die Herzenswunde der Erzherzogin hellen werde, und der Kaiser verlieh feiner Nichte die Würde einer Aebtissin des adeligen Tamenstifteo auf dem Hradschin in Prag. — Still, ergeben ging die junge Erzherzogin ihren Pflichten nach, bis man im Februar d. I. die Erzherzogin aus Gründen der Vernunft mit Herzog Siegfried verbinden wollte. Die Prinzessin setzte dieser beabsichtigten Ehe ein entschiedenes Nein entgegen, und nach und nach erst gelang es, die Erzherzogin zu überreden, daß sie Herzoge Siegfried spreche. Das Resultat einer mehrmaliger: Aussprache war die offizielle Verlobung und es schien anfangs, als hätte die Liebenswürdigkeit des Herzogs über die kühle Ruhe der Braut einen Sieg davongetragen. Die Verlobung fand Mitte Juni statt, aber schon Ende desselben Monats erklärte die Braut, daß sie nach eingehender Prüfung mit sich selbst den Herzog bitten werde, ihr das Jawort zurückzugeben. Wieder gelang es, die Braut zu überreden, den beabsichttgten Schritt nicht auszuführen. Für die Eingeweihten stand aber eine bevorstehende Katastrophe fest, als die sechsundzwanzigjährige Braut des Herzogs Siegfried sich in Begleitung der Ihren nach München begeben sollte, um sich dem Prinzregeuten und den Verwandten des Bräutigams als Braut vorzustellen. Damals mußte ein außerordentlicher Druck angewandt werden, um die herzogliche Braut zu veranlassen, nach München zu reisen, um diese gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen. Dieser Besuch wurde aber von Woche zu Woche aufgeschoben, da die Braut plötzlich von einer Art „Agv- raghobie" — Platzfurcht vor der schönen Residenz an der Isar befallen wurde. Die Erzherzogin bildete sich ein, es geschehe in München ein Unglück. Als auch diese Erregung endlich durch Zureden überwunden ward — man nannte sie in der Umgebung der Erzherzogin umschreibend jungfräuliche Scheu — erschien die herzogliche Braut in München und wurde mit herzlicher Freude sowohl von Seite des greisen Prinzregenten, als! auch von beit Mitgliedern des Hofes Und der herzoglichen Familie empfangen. Die Braut blieb all diesen Liebesbezeugungen gegenüber kalt. Wieder in Wien eingetroffen, erKärte die Erzherzogin, daß es nicht christlich sei, Herzog Siegfried zu verschweigen, daß sie sich an seiner Seite unglücklich fühlen würde. Sie wolle nicht die uualücklichen @5eit int


