Ausgabe 
10.9.1902
 
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. Wir sind auf dem Gipfel", sagte der Engländer, sich vor den Damen verneigend, und steckte eine Zigarre an.

Welch' prächtige Aussicht!" riefen beide Damen.

Sie nahmen kleine Spiegel aus der Tasche heraus und brachten das ein wenig verwirrte Haar in Ordnung.

Zwei Uhr!" bemerkte mein Landsmann.Zum Teufel ist das Mittag- und vielleicht auch das Abendbrot. ..

Der Deutsche setzte sich; das Gesicht zur Erde gebückt, begann er Virgil zu deklamieren._

Sehen Sie Thusis?" fragte ich ihn.Es steht ans, wie ein paar Erbsen."

Ich sehe nichts und will nichts sehen", entgegnete er. Vor ollem weiß ich nicht, ob ich von hier heruntevwmme.

Der Engländer bemerkte, wie bleich er war, schüttelte den Kopf und reichte ihm eine Flasche Kognak. Der Kranke trank davon, ruhte ein wenig, und es wurde ihm besser.

Wir blieben eine Viertelstunde ruhig sitzen, doch plötz­lich erhob sich ein ziemlich starker Wind. Ich blickte nach der Richtung von Thusis und sah eine sonderbare Erschei­nung. In der tiefen Schlucht, die zu unseren Füßen lag, hatte der bläuliche Nebel eine hellere Farbe angenommen. Allmählich ging er in zartestes Blaii über und wurde schließlich ganz weiß. Dann begann er schnell alle Thaler auszusüllen, sodaß es schien, als ob wir von einem Milch­meer umgeben wären, auf dessen Oberfläche Berggipfel schwömmen. Allmählich drangen diese tiefer hinein und versanken im Meer. Ich sah ganz deutlich eine Bewegung zwischen dem Nebel und den Bergen, aber ich erschrak, als ich bemerkte, daß der Gipfel, auf dem wir standen, hinunterzusallen begann .... Ich hätte schwören können, daß wir auf eine sich vor uns ausbreitende Wolke in rasendem Sturz hinunterfielen.

Was bedeutet das?" fragte eine der Damen den Eng­länder. ! r . , _

Der Nebel steigt", sagte er etwas verstimmt.Wir müssen hinunter", fügte er hinzu.

>,Also nicht wir fallen, sondern der Nebel steigt zu uns auf!" dachte ich sehr beruhigt.

Wer die Wolken fliegen schnell. Kaum hatten wir Uns von unseren Plätzen erhoben, als der Nebel uns bereits von allen Seiten umgab. Es wurde so dunkel, daß man picht drei Schritte wert sehen koimte. An den Händen und auf dem Gesicht fühlten wir Feuchtigkeit, dann begann es tti regnen und zu schneien so dichte Flocken fielen, wie sonst, während eines Schneesturmes.

Trotzdem gingen wir, einander an den Händen haltend, weiter, denn der Weg war ungefährlich, und der Engländer kannte ibn genau. Manchmal glitten die nassen Steine Unter unseren Füßen ab, dann rutschten wir unter großem Gelächter einige Meter hinunter. Am lautesten lachte der Deutsche, der in die beste Stimmung gekommen war seit dem Augenblick, als der Nebel die steile Wand und die darunter liegenden Whänge verdeckte.' Bei einer dieser Rutschpartien waren wir nicht zwei oder drei, sondern etwa dreißig Meter tiefer gekommen. Die Damen begannen bereits zu schreien, da aber wurde unsere Fahrt wieder langsamer; bald fühlten wir einen harten Felsen unter den Füßen. Der Deutsche erhob sich zu allererst und wollte recht vergnügt weiter gehen. Wer der Engländer hielt ihn zurück.

Verzeihen Sie", sagte er,ich muß mich erst orientieren, Wo wir sind." Tastend machte er einige Schritte, verschwand Uber bald im Nebel.

Ho! ho! . . . ."

Als er zurückkehrte, bemerkten wir eine Unruhe aUf seinem Antlitz.

Vielleicht können Sie einen Kompaß gebrauchen?" fragte mein Landsmann.

Gewiß, zeigen Sie ihn her!" erwiderte der Engländer Und ergriff ungeduldig den kleinen Kompaß, den der Pole an der Uhrkette trug.

Der Engländer drehte den Kompaß hin und her, schüttelte den Kopf, schließlich schnalzte er mit der Zunge und sagte lächelnd zu den Damen:

Wir müssen warten, bis der Nebel vorüber ist."

Uns aber flüsterte er zu:

Wir haben uns verirrt; setzt sind wir auf einem ganz anderen Teile des Berges . . ."

Wie hoch sind wir denn?" fragte der Deutsche.

Vielleicht auf der Hälfte des Weges; übrigens. wer kann's wissen?"

Ist hier vielleicht irgendwo ein Whang?" fragte der Deutsche wieder.

Auch dafür stehe ich nicht ein", entgegnete der Eng­länder.In jedem Falle sind die Wände dieses Felsens sehr steil."

Die Damen saßen verstimmt da.

Schade, daß wir keine Chokolade kochen können", sagte eine vpn ihnen. - , v. <_ _ ,±

Es war schon vier Uhr durch, als von der Serie ern starker Wind wehte und sür einen Augenblick den Horizont freigab. Ein Schauer lief mir über den Rücken- Ich sah, daß wir auf einer etwa zehn Meter breiten Felswand saßen. Hinter uns stand die steile, mit glatten Sternen bedeckte Bergwand, die man unmöglich hrnaus klettern konnte, während vor uns tief unten das Thal lag.

Von einem Hinabsteigen ins Thal konnte nicht die Rede sein, denn an dieser Stelle siel die felsige Bergwand fast senkrecht hinab...

Wann gehen wir weiter?" fragte erne der Damen.

Wenn der Nebel sich verzogen hat", antwortete der Engländer. I.., ...! J

Und wenn er bis zur Nacht nicht weicht?"

Dann übernachten wir hier." fc$)ci?§en ?/z

"Durchaus nicht", entgegnete er ernst.Wir sind in die Falle geraten und müssen jetzt geduldig fern.

So geben Sie doch irgendwelche Zeichen , bemerkte die andere.Die Gegend ist doch nicht öde- Vielleicht hört es jemand."

Das wollen wir soeben thun."

Mein Landsmann hatte einen Revolver, vermittelst er ins Thal hinunter zu schießen begann. Wer der Knall war so schwach, daß ich zweifelte, ob ihn jemand horte.

Unterdessen wurde der Nebel immer dichter. Die Damen hüllten sich in Tücher und saßen traurig da, während der Deutsche in höchster Erregung aus und ab ging.

Plötzlich faßte er mich bei der Hand und führte mich zur Seite. Sein Geficht trug einen wilden Ausdruck-

Mein Herr", fagte er mit veränderter Stimme,ich weiß, daß wir über einem Whang sitzen; wenn ich, ihn auch nicht sehe, fühle ich bei dem bloßen Gedanken entert solchen Schwindel, daß . . . ich es nicht länger aushalte . . . -

Was wollen Sie also thun?" fragte ich erstaunt.

Ich stürze mich hinunter! Lieber sterbe ich, als daß ich diese Qualeii länger ertrage... Ich teile es nur Ihnen mit; die anderen brauchen nichts zu wissen . - .-

Sind Sie von Sinnen?"

Ja, ich fühle, daß ich von Sinnen bin . . ."

In diesem Augenblick näherte sich ber Engländer, und bevor ich zur Besinnung kam, hatte er den Rasenden gepackt. Er wollte ihm die Hände binden, und mir ries er mit halblauter Stimme zu:

Werfen Sie ihm ein Tuch über den Kopf!"

Wer der BUnglückliche ri-h sich tos, stieß uns beide fort und lief links die Wand entlang.

Nach einer Weile hörten wir einen schweren Sturz und das gedämpfte Getöse rollender Steine. ...

,,Was ist dort geschehen?" rief eine der Damen, als sie den Lärm vernahm. t c r .

Nichts", entgegnete der Engländer dumpf.Unser Kamerad versucht, den Berg zu besteigen . . ."

Und zu mir flüsterte er:

Kein Wort davon, sonst folgen ihm die übrigen. In solch einem Augenblick ist die Tollheit eine ansteckende Krankheit. Eine peinliche Lage. .." ,, ,,

Er nahm einen kräftigen Schluck Kognak, gab auch mir zu trinken, und dann begann er mit hübscher Tenor-, stimme eine Arie aus einer Operette zu singen. Die Ge- I sichter der verstimmten Französinnen klärten sich, und die Damen begannen ebenfalls zu fingen. Sogar mem Lands­mann vergaß das Mittag und stimmte Mit falschem Vaß ein, der die Melodie fortwährend störte.

Nur ich schwieg erstaunt und erschreckt. Dieser Gesaiig über dem Abgrund, nach einem solchen entsetzlichen Falk ließ mich den übermenschlichen Mut, aber auch den Ernst hpr 9d(ie eifeiutErt.

Zngen Sie!" rief mir eine der Damen zu. .Das ist das beste Mittel gegen Langweile und Kälte."

Vielleicht werden die Bergleute dadurch auf uns auf­merksam", fügte die andere hinzu.

Und sie begannen m dreien eine neue, noch lustigere