Nr. 134
1902
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Mittwoch den 10. September.
In den Bergen.
Von Boleslaw Prus.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Polnischen.
(Nachdruck verboten.)
>,ßteber Herr", sprach zu mir ein Bekannter, der ein großer Sonderling war, „lieber Herr, die Homöopathen haben ein vorzügliches Prinzip: „Gleiches wird durch Gleiches geheilt." Die Allopathen wenden doch auch Pocken gegen Pocken an, und Pasteur impft doch auch gegen Tollwut. Wozu über all diese Beispiele? Ich werde Ihnen einen Fall erzählen, den ich mit angesehen habe und wobei ein Mensch "von seiner eingebildeten Angst durch thatsäch- liche Gefahr geheilt wurde."
Nach dieser Einleitung steckte nrein Freund sich eine Zigarre an und fuhr fort:
„Zum ersten Mate sah ich die Alpen vor zwanzig Jahren, als ich nach Thusis kam. Einige Tage nach meiner Ankunft in diesem Städtchen machte ich mit einer Gesellschaft einen kleinen Spaziergang. Bet dieser Gelegenheit erlebte ich einen solchen Schrecken, daß ich Thusis sofort ganz bestimmt verließ und einige Jahre lang keine Berge sehen konnte. , , ,,
An jenem Ausfluge nahmen sechs Personen teil; es waren zwei Polen, ein Deutscher, ein Engländer und zwei Französinnen dabei, die alle in demselben Hotel wohnten. Mir nahmen keinen Führer, da der Engländer die Gegend kannte; auch schien die Spitze, zu der wir hinaufklettern wollten, so leicht ersteigbar, wie dieser Stuhl, der mitten int Zimmer steht. Durch das Fernrohr bemerkte ich am Mhange des Berges zwar Quer- und Längsrisse, da diese aber nur klein waren, dachte ich nicht an sie. Es wunderte mich sogar, daß wir schon um neun Uhr morgens aus dem Hotel aufbrachen; da ich aber nicht verraten wollte, daß ich vom Gebirge nicht viel Ahnung hatte, machte ich keinerlei Bemerkungen und benahm mich unterwegs wie ein Tourist, der das Hymalahagebirge durchquert hat. Das verschaffte mir allgemeine Achtung und die besondere Gunst des Deutschen. Letzteres beruhte auf Gegenseitigkeit, denn es ivar ein außerordentlich angenehmer Mensch, der aber leider einen Fehler Hatter er litt an Kopsschwindel.
Unterwegs ging es sehr lustig zur alle, auch der Engländer, waren ausgelassen wie Kinder, nur ich war ernst, während der Deutsche bei jedem Mhange rückwärts sah und Stellen aus Virgil zitierte. Er hielt das für die beste Art, die Aufmerksamkeit von Dingen abzulenken, die man Uicht sehen mag. ~
„Haben Sie auch hier das Gefühl des Schwindels?j fragte ich. . .,,
„Ja", entgegnete er schnell, „aber sprechen wir nicht davon, sonst kann ich keinen Schritt werter gehen."
Ich hielt inne, während der Deutsche immer lauter Kirgil deklamierte und sich immer häufiger umsah. Einmal
faßte er mich sogar bet der Hand und flüsterte mir ins Ohrt „Ihre Ruhe flößt mir Mut ein; wenn Sie uicht mit wären, würde ich zurückbleiben müssen oder ... das Genick brechen. . .
Kalter Schweiß bedeckte meine Stirn, da mein Seelen^ zustand in vollstem Gegensatz zu dem stand, was mein armer Gefährte von mir dachte.
Bor allem beunruhigte es mich sehr,, daß der Berg, den wir besteigen wollten, trotz des zweistündigen Spazierganges gar nicht näher rückte: es schien mir, als ob er stets eine Meile entfernt bliebe. Aber meine Verlegenheit wurde; am größten, als der Berg, zu dem wir wollten, verschwand, und ich an seiner Stelle eine Unmenge Erde und Felsen erblickte, die tief unten begannen, und — bis cm die Sterne reichten. Die Wand, die wir hinauf lletterten, glich einer! riesenhaften Treppe, deren Stufen mehrere hundert Schritte hoch waren. Wenn ich unterhalb einer solchen Stufe stand), dachte ich, es wäre bereits der Gipfel, doch nach einer! viertelstündigen Wanderung überzeugte id) mich, daß wir nicht den Gipfel, sondern eine neue Stufe erreicht hatten oder auch einen neuen Uebergang zu einer neuen Stufet So ging's ohne Ende.
Indessen wurde der Weg imwer wilder. Es verschwanden die Wälder, das Gras, die Sträucher, selbst der feste Boden. Wir fchritten über Steinhaufen, die immer größer und lockerer wurden. Immer dichter umdrängten uns die! riesigen Berggipfel, die rings von Wolken umkleidet waren, und die Schluchten, denen bläulicher Dunst entstieg.
Zuweilen glätteten sich die Felsen der Berge; ihrs großen Stufen und Terrassen verschwanden, statt ihrer sah, ich eine schräge Wand, die meinen Füßen entglitt und steil zu den saphierblauen Wäldern hinablies, die tief unten schlummerten. Ms ich für einen Augenblick vergaß, daß ich oben war, schien es mir, daß ich auf einer Ebene stehe, die plötzlich unter meinen Füßen weicht, während em Teil bis zum Himmel emporsteigt und der andere in die Tiefe hinabfällt. Mir schwindelte; um nicht abzustürzen, packte ich den vor mir gehenden Deutschen. Er beschleunigte den Schritt, und bald kamen wir an eine weniger steile Stelle, „Ich danke Ihnen . . ." flüsterte er, und drückte mir fest die Hand. „Jetzt geht's mir besser... ©je haben mtr das Leben gerettet. . ." Ich erstarrte vor Staunen. Die vor uns schreitenden Damen zogen ihre Kleider und Schleifen zurecht, die sich nach ihrer Meinung nicht ästhetisch genug legten.
„Eine furchtbare Hitze!" sagte die Eine.
„Welch' schlechter Weg!" klagte ihre Kameradin.
Nach einer Viertelstunde ruhigeren Weges hörte die Wand, an der wir entlang gingen, aus. Ich s"w daß wir von allen Seiten von nackten oder schneebedeckten Berg- gipfeln umgeben waren, daß zwischen uns und chn«i nichts als Luft lag. Ich weiß nicht warum, aber ich fühlte in diesem MgenbllF einen ruhigen .Stolz nnd eine gegen- standslose Begeisterung,


