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„Vater!" sagte sie leise, „fürchte nichts, Paul stirbt nicht! Ich weih, er wird wieder gesund werden."
' So mußte die Tochter, deren Schmerzensausbruch der Vater gefürchtet hatte, jetzt ihn selbst noch trösten und beruhigen. Sie führte den alten Herrn zum Koupee, besorgte die Fahrkarte und das Gepäck und schien so ruhig und gefaßt, daß der Vater erstaunt sein Kind betrachtete, das er nicht mehr verstand. Doch auch er hatte jetzt den festen Glauben, Paul würde durchkommen.
Im Krankenhaus kani ihnen der Arzt mit fröhlicher Miene entgegen.
„Gerettet!" sagte er.
Emma wankte. Jetzt war sie nahe daran, die Fassung zu verlieren. „Wo ist er?" fragte sie schüchtern. „Sie müssen einen Augenblick warten, gnädige Frau. Der Kranke ist erst vor kurzem zu sich gekommen, und ist sich über seine Lage noch gar nicht klar. Wir müssen ihm jede Aufregung ersparen. Als er aus seinem Fieberwahn, von dessen Langwierigkeit er glücklicherweise keine Ahnung gehabt, erwachte, war seine erste Frage: „Wo ist Emma?" Die Krankenpflegerin, welche annahm, er meinte Sie, .Gnädige, antwortete: „Sie schläft jetzt, wird aber bald kommen; ich vertrete sie nur!"
Als Emma die Schwester erblickte, ivelche ihren Mann so treulich gepflegt, während sie abwesend war, konnte sie ihre Bewegung kaum bemcistern. Sie war ihr dankbar aus der Tiefe ihres Herzens, und hätte ihr das so gern gesagt, und doch war sie nicht im stände, die Schwester anzusehen, sie fürchtete ihren scharfen, durchdringenden Blick, und so konnte sie in diesem Augenblick ein Gefühl brennender Scham und Reue nicht unterdrücken. Wie klein und jämmerlich kam sie sich jetzt vor mit ihrem eigenen Opfer, im Vergleich zu dieser Frau, die nur Entsagung und Güte kannte!
„Es hat lauge gedauert, ehe Sie gekommen sind, Frau Holst", sagte Schwester Anna, „sind Sie krank gewesen?"
Emma war nicht im stände zu antworten. Eine lange Pause trat ein. Endlich faßte sich Emma und sagte: „Schwester, weiß mein Mann, daß ich nicht hei ihm Ivar?" „Nein", versetzte diese; „er war ja nicht bei Bewußtsein."
„Sagen, Sie es ihm nicht", bat Emma mit gefalteten Händen. Sie bedachte nicht, daß sie ihr Geheimnis mit dieser Bitte zum Teil verriet. „Ich will ihm selbst alles erklären, wenn er wieder kräftig ist."
Die Schwester nickte. „Das würde mir nie in den Sinn kommen, das geht mich ja nichts an."
Dann erhob sie sich. „Ich will sehen, ob der Herr noch schläft", meinte sie und öffnete leise die Thür. „Er schläft noch", flüsterte sie. „Setzen Sie sich an sein Bett, und wenn er erwacht, geben Sie ihm einen Löffel von dieser Medizin." Damit entfernte sich die Krankenpflegerin leise-
Emma blieb allein bei ihrem Gatten. Sie preßte beide Hände fest aufs Herz, das zu spriugen drohte. Ach Gott, das war Paul! Dieser ausgezehrte, totblasse Mann mit dem langen, ungepflegten Bart, dem weihen Haar, den magern Händen und den tief in den Höhlen liegenden Augen! Ach Gott, !vas mußte er gelitten haben, wenn die Krankheit so fürchterliche Spuren hinterließ! Und inzwischen hatte sie, während der ganzen Zeit seiner Krankheit nur Aerger über seine vermeintliche Treulosigkeit empfunden; sie hatte ihn in ihrem Herzen angeklagt und sich selbst gesagt, seine Liebe wäre unecht. Allzu schnell hatte sie ihn aufgegeben. Ein Sturm vou.Gefühlen tobte in ihrer Brust; doch sie mußte still sitzen und durfte sich nicht rühren! Wie gern hätte sie ihn in die Arme genommen, ihn geküßt, ihm alles eingestanden und ihn so lange angefleht, bis er ihr schließlich vergeben hätte. Jetzt schlug er die Augen auf. Sie verriet ihre Aufregung mit keiner Miene. Mit sicherer Hand reichte sie ihm die Medizin, und führte den Löffel zu seinem Munde. Er sagte kein Wort, drehte sich nur ein wenig nach der Seite um und schlief weiter.
Die Genesung schritt langsam vorwärts. Emma übernahm mit großem Takt und großer Tüchtigkeit vollständig seine Pflege, sodaß die Schwester sich zurückzog. „Ich muß zu Leuten, die meiner dringender bedürfen", erklärte sie auf Emmas Bitte, noch ein paar Tage zu bleiben. „Sie werden ja nichts verabsäumen, Frau Holst!" Wie gern ver
sprach ihr Emma das, und mit welcher Selbstaufopferung pflegte sie ihren Manu!
Der Professor reifte uach Hause. „Ihr habt mich ja nicht mehr nötig, Kinder, und ich sehne mich nach Ruhe."
Da blieben die beiden allein. Erst nach Verlauf einiger Wochen war Horst soweit, daß er das Krankenhaus verlassen und in eins der prächtigsten Alpenhotels ziehen konnte, die Innsbruck in eine neue Schweiz verwandelt haben.
Emma hatte es lange Zeit nicht über sich gewinnen können, ihre Thorheit einzugestehen. Sie hatte nie den Mut dazu. Erst uach Jahr und Tag, als sie in ihrer Villa auf der Veranda sahen, und hinausblickten auf die herrliche Frühlingslandschaft, die sich vor ihren Augen ausbreitete, da übermannte sie ein starkes Gefühl, daß sie vor ihrem Mann kein Geheimnis haben durfte, den» er war rein und gut, und liebte Reinheit und Schönheit über alles.
Die Wiege mit dem schlummernden Kind stand au ihrer Seite.
Und nun erzählte sie ihm, wie sie vor dem Glück geflohen war.
Lächelnd schüttelte der junge Doktor den Kopf.
„Wie oft hat mir meine -kluge Fran nicht eingeraunt, es giebt nur eine Gottheit: die Wahrheit! Sie glaubt, wie ich, an Schönheit und Güte, und hat vor nicht langer Zeit in ihrer schweren Stunde Gott um Hilfe angerufen. Und nun höre ich eine abenteuerliche Geschichte, wie diese selbe Frau — meine Frau — den seligen Polykrates in Szene gesetzt und meine erste Abwesenheit von Hause dazu benutzt hat, um — fortzulaufen? Wann werdet Ihr Weiber endlich zur Vernunft kommen?"
„Das weih ich nicht", flüsterte Emma leise rind küßte das Kind.
Ms de.
Das Ideal moderner Frauenkleidung besteht, was die Verfertigung derselben anlangt, nach Prof.- Roller in Wien darin, daß sich jede Frau ihre Garderobe nach geläutertem, künstlerischen und individuellen Geschmack selbst herstelle. Aber wie frei jeder Kunst, ist auch bei der Bekleidungskunst -die mangelnde Technik das am schwersten zu überwindende Hindernis. Wenn also unter diesen Umständen das aufgestcllte Ideal schwerlich ganz erreicht werden wird, so bieten doch neuzeitliche praktische Hilfsmittel jeder Frau die Gelegenheit, ihm nahe zu kommen, und solche: Hilfsmittel sind die. als vorzüglich bekannten fertigen. Schnitte, welche die Internationale Schnittmanufakinr, Dresden-N. 8 für alle denkbaren Bekleidungsgegenstända liefert. Diese mit genauester Anleitung versehenen Modelle bieten die absolut sichere Grundlage für die Anfertigung; einer gutsitzenden Kleidung uach individuellem Geschmack, und wird dieses Hilfsmittel seitens aller Damen, die damit einen Versuch machten, sehr geschätzt und warm empfohlen. Die Auswahl der Modelle geschieht nach dem faisonmäßig erscheinenden „Reichhaltigen Modenalbum und Schnittmusterbuch" der genannten Mannfaktur, welches bei einem Preise vou nur 50 Pfg. eine großartige Modeschau, technische Belehrungen re., bietet.
Bilderrätsel.
(Nachbildung verboten).
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Begier, Beier, Bier.
Redaktion: I. V.: R. Dittm aun. — Rotationr-drnck und Verlag der Brüh l'scheu UniversitätZ-Buch- und Strindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


