Ausgabe 
10.5.1902
 
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Sie könnten mir einen großen Gefallen thun, wenn Aie über Nacht hier schlafen wollten, Frau Eck! Ich kann meine Niederkunft jede Stunde erwarten!"

Die junge Frau blieb in der nun folgenden Zeit ganz bei Helene. Böje brummte über die vermehrten Ausgaben, aber Helene machte sich nichts daraus.

Wollen Sie jetzt die Bänder an diese kleine Jacke nähen, und wollen Sie dann ach das ist ja wahr, die Blumen! Bitte, 'begießen Sie die erst, Frau Eck! Und dann waschen Sie die Tassen, bitte, ab! Ach, wie glücklich ich bin, daß ich Sie habe! Ich weiß wirklich nicht, wie ich sonst hätte fertig werden sollen!"

Jeden Tag saßen sie stundenlang am Nähtisch und unter­hielten sich. Mit einer sie nie verlassenden Frische gelang es Helene, die Freundin auf Gebiete zu leiten, wo Bilder Von der Versöhnung des Lebens Eindrücke in dem gemar­terten Gemüt hinterlassen konnten. Durch eine Unmenge von Ueberzeugungsmitteln, die sie allen Strichen des Welten­raums entlieh, aus der heiligen Geschichte, aus der Natur, vor allein aber aus dem Heiligtum ihres eigenen Innern suchte sie Frau Eck klar zu machen, daß es einen lebenden, persönlichen Gott gäbe, und daß dieser Gott unter der lichten Wölbung seiner Liebe Platz habe für alle Sünder der Welt. Es war eine eigenartige Stärke in ihrem eigene« Glauben, es war, als werde sie aufrecht gehalten vonSilockms leise rinnenden Wassern."

(Fortsetzung folgt).

Frau Polhlrates.

Novellette von G. Ellis.

Ins Deutsche übertragen von Wilhelm Thal.

(Nachdruck verboten.)

Es war ein sonnenheller Frühlingsmorgen. Professor Holm saß in seiner Wohnstube bei der Zeituug und dem Morgenkaffee und genoß beides in Frieden und Ruhe. Er war ein alter Mann und er hatte sich, nachdem seine älteste Tochter geheiratet, in eine schöne Wohnung in der Stvck- holmsgade zurückgezogen.

Heute wurde er jedoch in seiner Morgenruhe durch ein heftiges Klingeln an der Wohnungsthür unterbrochen. Der Professor runzelte die Stirn, er liebte es nicht, gestört zu werden als er eine ihm wohlbekannte Stimme hörte:

Ist Vater zu Hause?"

Emma das ist Emma!" rief der Professor erschrocken. Doch sie hing ihm bereits am Halse und rief mit strahlendem Gesicht:Hab' ich 'Dich erschreckt, Väterchen? Vergieb mir die Ueberraschung; ich bleibe jetzt bei Dir!"

Du bleibst....?"

Ja wohl, und zwar auf lange Seit!"'

Und Paul, wo ist Paul?"

Wo ich herkomme, in Meran, in Südtirol."

Ist er denn damit einverstanden, daß Du hierhergereist bist?"

Ich habe ihn nicht danach gefragt, Väterchen."

Was soll das heißen, Emma? Habt Ihr Euch gezankt?" Im Gegenteil. Aber ich will mich scheiden lassen." Scherze nicht mit so ernsten Dingen, Kind!" Es ist Ernst. . . das heißt. . ."

Willst Du mir nun ohne Umschweife sagen, was los ist?"

Was los ist? Wir find zu glücklich!"

Zu glücklich?" ,

Ja; von dem Augenblicke an ,ha ich meinen Mann kennen lernte, bis jetzt, war noch nicht eine Wolke an unserem Himmel, aber ich bin abergläubisch. Ich fürchte den Neid der Götter und muß deshalb ein Opfer bringen."

Die alten Götter sind tot."

Das sind sie. Doch den Neid haben sie zurückgelassen. Und uni sie zu versöhnen, trenne ich mich von Paul."

Das geht zu weit!"

Nein, ich bin dazu gezwungen. Ich fühle, es schwebt ein Unglück über uns."

Keine Prophezeiungen!"

Höre mich! Ich habe an Paul geschrieben, und ihm gesagt, ich hege eine unüberwindliche Abneigung gegen ihn und müßte ihn deshalb verlassen. Jetzt will ich sehen, wie er das ausnimmt."

Ein gefährliches Experiment, vor dem ich Dich auf das nachdrücklichste warnen möchte."

Ich habe es mir lange und eingehend überlegt Jetzt steht mein Entschluß fest. Paul ist gestern zu einem Aerzte-

', sagte er. ig nach Meran . . ch Innsbruck."

Kongreß nach Innsbruck gereist, und ich bin jetzt hier. Den Brief habe ich auf seinen Schreibtisch gelegt. Glaubt Paul mir, hält er es wirklich für möglich, daß ich auf die Weise von ihm gehen kann, dann war seine Liebe nicht echt, und die Scheidung muß stattfinden. Doch so weit kommt es nicht--davor habe ich keine Angst ..."---

Die ersten Tage ihres Aufenthalts in Kopenhagen ver­gingen ihr schnell, ©ie wartete in Ruhe und Sicherheit auf Pauls Antwortschreiben, worin er sie beschwor, doch endlich zurückzukehren, er könne nicht ohne sie leben usw.

Doch dieses Schreiben kam nicht.

Jetzt war es mit des Professors Ruhe und Frieden vorbei. Emmas Gefühle und Launen wechselten. Bald war sie eine Beute der wildesten Verzweiflung, bald klagte sie sich selbst an und bald Paul. Beständig war sie nervös, leidend und unglücklich. Als drei Wochen auf diese Weise vergangen waren, wußte sich der Vater keinen andern Rat, als nach Meran zu reisen und mündlich mit Paul zu verhandeln, da der Schwiegersohn augenscheinlich nicht schreiben wollte. Emnca war damit einverstanden; sie konnte diese schreckliche Ungewißheit nicht länger aushalten.

In Meran augelaugt, begab sich Holm unverzüglich in die Wohnung seines Schwiegersohnes. Doch hier er­wartete ihn eine schmerzliche Ueberraschung. Dr- Holst war seit drei Wochen abwesend, Emmas Bries lag uneröffnet aus seinem Schreibtisch, ebenso ein Telegramm, an Fran Dr. Holst adressiert. Der Prosessor brach es hastig auf, es war eine Mitteilung eines Krankenhausarztes aus Jnns- bruck, Dr. Holst wäre schwer krank, und seine Frau sollte schleunigst kommen.

Holm wußte kaum was er thun sollte. Nach einiger Ueberlegung beschloß er, an seine Tochter zu telegra­phieren:Sei nnbesorgt. Komme nach Meran". Er selbst reiste mit dem nächsten Zuge nach Innsbruck.

Im Krankenhaus augekommen, erhielt er auf feine ängstlichen Fragen die Antwort, Dr. Holst wäre allerdings noch am Leben, schwebte aber in großer Gefahr.Wir hatten gerade einige eigentümliche Typhusanfälle, die Dr. Holst mit großem Interesse beobachtete, und er Pelt sich mehrere Stunden in dieser Abteilung auf, um die Krankheitsform, die ganz neu war, zu studieren. Es muß wobl eine Ansteckung stattgefundeu haben, denn Dr. Holst erkrankte plötzlich unter gefährlichen Symptomen. Drei Wochen hat er bewußtlos gelegen. Einer unserer Kollegen wußte, daß Holst verheiratet war, und wir telegraphierten an seine Frau, von der jedoch keine Antwort erfolgte.

Eine unglückselige Verkettung von Umständen", mur­melte der Professor.

Es ist noch eine Frage, ob er durchkommt, denn seine Kräfte sind fast erschöpft. Wenn nicht sehr bald eine Wendung zum Besseren eintritt, müssen wir jede Hoffnung

aufgeben.

Der Professor war außer sich. Zunächst muhte er Enima jetzt auf das Schlimmste vorbereiten. Er beschloß, ihr bis zu einer Station entgegen zu fahren, die sie auf dem Wege uach Meran passieren mußte. Wie fürchterlich hatte sich ihr Geschick nicht in diesen wenigen Wochen verändert! Als er seine Tochter auf der Station aussteigen sah, konnte er seine Bewegung kaum bemeisteru. Wie schlecht sie aussah! Wie war das kleine, früher so rotwangige Gesicht jetzt schmal und blaß geworden! Und doch welcher Glanz tu ihren Augen, welche Freude im Blick, welche Elastizität in ihrem Gang! Auf den ersten Blick sah der Vater, welche gute Wirkung das Telegramm auf sie aus- geübt haben mußte. Er ging schnell auf sie zu.

Dein Gepäck?" fragte er.

Das kommt direkt!" versetzte sie.

Er winkte einen Gepäckträger.

Komm schnell!" sagte er in kurzem' Tone. Etwas verwundert folgte sie ihrem Vater.

Wir fahren in zwanzig Minuten", Nein, in zehn. Der Zirn Ja, aber wir fahren nach _ Nach Innsbruck?" Paul ist krank!" Doch nicht gefährlich?" Das wollen wir hoffen." Sag' mir alles!" flüsterte sie. , .

Er sagte ihr alles, verheimlichte nichts, nicht seine Besorgnis, nicht die Zweifel des Arztes., Wahrend er sprach, traten ihm oft die Thränen in die Augen.