Ausgabe 
10.5.1902
 
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sitzen so geborgen mit den Ihren unter den Fittichen der Vorsehung."

Ja glücklich?" dachte Helene.

Wer es auch so hätte!"

Sie sind zu schwach, Frau Eck, das ist das Ganze. Sie müssen Ihre Grillen verscheuchen ja, es nützt Ihnen doch nichts, Sie müssen es thun. Nehmen Sie sich zusammen, versuchen Sie einmal ganz ernsthaft, sich aufzuraffen. Reisen Sie eine Zeitlang zu Ihren Eltern und bemühen Sie sich, zur Ruhe zu kommen."

Die junge Frau sah vor sich hin. Langsam füllten sich ihre Augen mit Thränen:Ich habe keine Eltern mehr, Frau Böje!"

Wie? Sind sie beide gestorben?" ,

Ja, sie sind tot für mich!"

Wieso?"

Ich verlobte mich gegen ihren Willen und reiste mit meinem Verlobten fort das war damals, als Sie mich auf dem Bahnhof sahen. Seither ist mein Heim mir ver­schlossen gewesen aber was haben Sie nur?"

Nichts es überläuft mich oft so kalt."

Nein, ich weist recht gut, was Sie haben. Ich verstehe sehr wohl, daß es in Ihren Augen eigenwillig und sünd­haft erscheinen must. Du sollst Vater und Mutter gehorchen! nicht wahr?"

Ha das sollte man ja stets thun!"

Vaterund Mutter sind Gottes Stellvertreter auf Erden, ich weiß das sehr wohl. Wer wenn Sie ahnten, Frau Boje, welche Qualen man durchzumachen hat, wenn man zwischen den Eltern und Dem wählen soll, den man liebt, wie un­glücklich man sein kann--suchen Sie das Messer? Hier

ist es"

Nein es war nichts."

Wer ich hätte für ihn durchs Feuer gehen können, und ich that es auch; unter solchen Verhältnissen treiben uns Kräfte, von deren Besitz nur bisher gar keine Ahnung hatten man kann sich gegen Gott und die Menschheit cmflehnen und nur den einen Wunsch und Gedanken haben, all seine. Verzweiflung, all sein Glück an dem Herzen dessen J^U-vergen, dem man vertraut."

Die Thränen rannen ihr von der Wange herab .

Sie müssen mich aber nicht zu hart beurteilen, Frau Böje!"

Nein, ich urteile nicht über Sie."

Ja, ich weiß sehr wohl, was Sie im Innersten Ihres Herzens von mir denken, aber Sie bringen es nicht übers Herz, es mir zu sagen. Sie können mir glauben, ich habe es auch entgelten müssen ach, ich habe so viel durchf- ^emacht. ^Mer nun must ich gehen, liebe Frau Böje!

Helene nahm wieder Plak auf dem Schemel. Erst lange, nachdem Frau Eck gegangen war, entdeckte sie, daß sie mit einer halben Tasse schwarzen Kaffees dasast, den sie, ohne es zu wissen, eingeschenkt hatte.

Während der nun folgenden Zeit ging sie in einem Zustand von Angst und Gewissensunruhe umher, der um so schwerer zu ertragen war, als sich ihre Zukunftsaussichten verfinsterten sie erwartete nämlich ihre zweite Nieder­kunft.

Hierzu kam, daß sie ihre hübsche Wohnung ausgeben mußten. Böje konnte die hohe Miete nicht erschwingen, er hatte ein kleines Zimmer und zwei Dachkammern im vierten Stock eines Hintergebäudes gemietet; dort wohnten sie siebzig Kronen billiger und hatten außerdem noch mehr Platz. Es waren ein paar abscheuliche Löcher, dunkel und schmutzig; aber sie schwieg.

Hatte derjenige, der den Zaun des Gesetzes überschreitet, denn nur Fluch und Unglück zu gewärtigen?

Sie bat Gott so inbrünstig um Gnade und Hilfe. Sie hatte ja nur ihn, nur das große, allmächtige, allwissende Wesen den Zuchtmeister der Sünde, den Vater der Barnr- herzigkeit dem sie ihr Herz ausschütten konnte.

Böje war so in Anspruch genommen von seiner Politik und seinem Ärbetierkampf, dass er kaum Zeit hatte, sich um sie zu bekümmern. Hin und wider geriet er ernstlich mit Gärtner Christensen aneinander, der sogar einmal damit drohte, ihn zu entlassen. ,

Wiederholt forderte ihn Helene auf, eine Försterstelle auf dem Lande zn suchen, aber daraus wurde nichts. Er war zu tief in das bewegte Leben der Hauptstadt hinein-.

geraten, um sich in die ländlichen Verhältnisse und die Wald-, einsamkeit vergraben zu können.

Und doch hatten sie allen Grund, ihre augenblickliche drückende Stellung mit einer bessergelöhnten zu vertauschen. Das Geld wollte niemals ausreichen. Sie bekam im Monat fünsundvierzig Kronen für den Haushalt, wenn der halbe Monat verstrichen war, mußte sie sich gewöhnlich schonl mit leeren Händen melden.

Der Monat ist ja aber erst halb zu Ende!"

Ich schuldete so viel vom vorhergehenden."

Es war etwas Peinliches für sie in diesemMonatsverhör< Oft nahm sie sich vor, daß sie nicht selbst die Verantwortung? haben wolle Böje sollte jede einzelne Ausgabe bezahlen, dann könne er ja sehen, wei weit man mit fünfundvierzig Kronen reichte. Wer sie setzte es niemals durch, dahingegen gewöhnte sie sich allmählich daran, sich ohne Scheu zn melden.

Du mußt mir Geld geben, ich hab' nichts mehr."

Das erste Mal, als sie so kam, sah er sie erstaunt nut Was ist das für ein Ton!"

Ich kann mit dem besten Willen nicht auskommen., Du bist allmählich anspruchsvoller geworden, Du willst jeden Tag gutes, kräftiges Essen haben, was ich Dir auch von Herzen gönne; aber ich kann nicht Beefsteaks und bayerisch Bier aus den Tisch hexen."

Daß sie selber fast niemals Butter und ihren Thed ohne Zucker und Sahne trank, davon sprach sie nicht; sie wollte sein Mitleid nicht durch Mitteilungen erkaufen, die wie Klagni klingen mußten.

Bald mußte Feuerung, bald Schuhzeug für den Kleinen gekauft werden da waren hunderterlei Dinge, und Witz sie sich auch wandte und drehte es war ihr eine Pein,- sich zu melden.

Ja, ja, mein Schatz", konnte Böje anderseits auch wieder sagen,ich weist, daß Du nichts Verthust. Wir be­kommen schon das tägliche Boot."

Zu andern Zeiten schäumte er dann wieder vor Wut/ daß er sich das ganze Jahr hindurch für elende elfhundert Kronen abarbeiten solle, während diese reichen Handels- Herren in ihren feinen Stuben saßen und ebenso viele oder doppelt oder zehndoppelt so viele Tausende verpraßten.

Helene dankte ihrem Schöpfer, daß sie gesund war. Wenn! nur erst alles glücklich überstanden war, wollte sie doch sehen, ob sie nicht ein wenig verdienen konnte, indem sie kleine Mädchen in ihrem Hause unterrichtete.

Da sah sie Frau Eck eines Täges noch verstörter als! sonst in ihr Zimmer stürzen. Unwillkürlich erfaßte sie die? Angst, daß ein Unglück geschehen sei oder geschehen würde-, deswegen folgte sie ihr und sah, wie sie eine kleine Flasche aus der Tasche zog. Durch Helenes Eintritt überrascht, liest sie die Flasche fallen, deren Inhalt sich über den Fußboden ergoß, die Luft mit einem durchdringenden Karbolgeruch erfüllend.

Was wollen Sie was wollen Sie hier?" fragte sie, Helene wild anstarrend.

Nichts. Ich wollte nur" Mit der wunderbaren? Ruhe, die ihr stets zu Gebote stand, wo es sich darum! handelte, andern behilflich zu sein, fuhr sie fort:Ich wollte! Sie nur bitten, heute nachmittag ein wenig zu mir herüber-, zukommen ich meine überhaupt in diesen Tagen in? dieser Zeit. Ich muß eine Hilfe im Hause haben."

Frau Eck hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und liest bie! Augen wirr durchs Zimmer schweifen. Helene holte ein Tuch und einen Besen, wischte die Säure auf und öffnete das! Fenster.

Das wollten Sie wohl zum Malen gebrauchen? Wie; schade, daß Sie die Flasche zerbrochen."

Die junge Frau sank zusammen und schnappte nach! Luft.

Wer kommen Sie jetzt mit mir! Ich glaube, der Kaffee ist noch warm, und ich habe frisches Weißbrot und frische Butter vom Lande."

Ach nein! Lassen Sie mich nur sitzen."

Kommen Sie nur mit mir hinüber, ich fast da und? langweilte mich so entsetzlich."

Ich kann nicht, Frau Böje!"

Natürlich können Sie! Keine Ausreden! Das bißchew Schwäche geht schnell vorüber! Kommen Sie nur!"

Helene zog sie mit sich in ihre Wohnung, deckte ihr auf, sprach ununterbrochen mit ihr und stellte sie schließlichj ans Plättbrett.,