Samstag den 10. Mat.
1902. — Nr. 69.
„Nein, ich werde nicht ein Wort von dem, was ich' sage, bereuen." r, c ,,
Er schob den Teller auf beit Tisch, stand auf und verlieh das Zimmer.
Madame Hansen, eine große, grobkörnige Frau mit schiefer Unterlippe und grauen Barthaaren, trat tut selben Augenblick zur Thür herein und starrte Helene an.
„Mein Gott, was haben Sie nur? Me sehen Ste aus?" fragte sie. , .•*. „
„Ach, ich weiß nicht — der Kleine ist so unruhig, er ist gewiß nicht ganz wohl."
„Das kommt von der Milch", memte Madame § entfett. „Ich glaube, Sie selber sind nicht so recht auf dem Schick/-
„Ach, nein! Aber es ist wohl das Richtigste, thn zu entwöhnen; er ist in der letzten Zeit oft so unruhig gewesen."
Madame Hansen nickte still vor sich hin.
In der Nacht mußte Helene mit dem Kleinen stundenlang im Zimmer auf und nieder gehen. Böje erbot sich, aufzustehen und sie abzulösen, aber ste sagte, sie könne es sehr gut aushalten.
In Selenes Küche war alles so rein und zierlich. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Schmalz, und daneben lagen ein Paar Schnitten Brot. Sie selber saß aus einem Schemel, eine Brotkruste in der Hand, eine Tasse Kaffee auf dem Schoß. Der Kleine watschelte mit einer Fettes schaufel durch die Stube und die Küche. Ste freute sich über sein gesundes Aussehen und dachte bet sich, daß er
I der Pausbacken wegen sehr wohl die Dienste eines Posaunenengels verrichten könnte.
Frau Eck trat ein und betrachtete Helenes Schmalzbrot mit gierigem Blick. „ _
„Ach, wie Ihnen das schmecken muß, Frau Bote!
Wollen Sie nicht auch einen Bissen haben? ^ch kann Ihnen nur leider keine Butter anbieten/ . .
Sie sind sehr freundlich, ich esse gerat,’ Schwerne- schmälz so gern! Ach, ich weih noch ganz genau, tote es I mir lcktmeckte wenn ich mich als Kind in dte Leutestube I geschlichen hatte und von dem Brot der Mädchen abbeißen
aß mit einer Gier, die unheimliche Schlußfolgerungen in Helene erregte.
" Mit dem rücksichtsvollen Takt, der,ihr eigen war, suchte I sie wo und wann sich ihr die Gelegenheit bot, dte un- I glückliche Nachbarin durch den Trost des Christentums auf- turichten; aber es war fast eine Unmöglichkeit, dte em armen Herzen beizukommen, dem so Übel mitaesptelt zu sem schten, daß es völlig den feinen Sinn verloren hatte, mr das Unfaßbare ergreift und sich von Glück durchschauert fühlt, I wenn es Gottes Odem in seiner Nähe empfindet.
Ick> möchte so gern auf alles das eingehen, was Sie I Mr /sagen Frau Böte, aber was kann es mir nützen, wenn I ich nun einmal nicht kann? Me kM-M-h. Sie fmd! See.
(Nachdruck verboten.) I
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen.!
Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.) „ .
Ach, das sei ein Unsinn mit „Stille und Unterthäuig- feit"! Wie viele junge Thatkraft sei nicht geknickt, wie viele Millionen geistig erweckter Frauen seien nicht in ihrem Streben gehemmt durch diese Lehren des Apostels, die vielleicht in einer fernen Vergangenheit auf die bestehenden Verhältnisse gepaßt haben mochte, die aber mit dem Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts nichts mehr zu thun | habe, als ein Sklavenjoch mit einem freien Nacken. ,
„Ich glaubte", fuhr er fort, „daß Du allmählich em wenig Verständnis- für die Kümpfe der . Zeit gewinnen würdest, und ich hoffte, daß Du eine Stütze für mich werden würdest, aber wie es scheint, gehst Du darauf aus, mtr | Arme und Beine zu binden." I
„Ich will Niemand Arm und Betue binden, aber ich will das Recht haben, meine Ansicht offen auszusprechen.
„In der ersten Zeit unserer Ehe hatte es den Anschein, als wenn Du, gleich anderen jungen Frauen unserer Tage, den Kopf hoch tragen wolltest, jetzt aber verfmkst Du wieder mehr nut) mehr in die alte Gewohnheit."
„Möchtest Du, daß ich neben Fräulem Strange austräte und mit frechen Worten über den heiligen Geist und über „Becher und Teller" beim Abendmahl spräche?"
„Nein, das möchte ich nicht, aber ich möchte wohl, daß Du etwas mehr Fähigkeit besäßest, den gesunden Trotz der Zeit in Dich aufzunehmen, und daß Du imstande seiest, den Grundbetrieb zu erkennen, die ehrliche, warme Absicht, die hinter all meiner Arbeit liegt." ,
„Wann habe ich etwa gesagt oder gezeigt, daß tch an Deiner guten Absicht zweifelte?"
„Du schuhriegelst mich bei jeder Gelegenheit." _
„Hans! Was giebt Dir ein Recht, so zu mrr zu sprechen?" ' ■ .
„Kommst Du uicht alle Augenblicke und versetzest mtr einen Hieb mit Deinen Bibelstellen und all Deinen moralischen Züchtigungen? Dein Lieblingswunsch ist, MM in eine Zwangsjacke zu stecken mit all Deinen Tugendlehren.
„Du bist erregt, Hans, Du wirst bereuen, was Du sagst."
ein Müssen und dein Mögen,
A Die sieh'n sich oft entgegen:
Du thust am besten, wenn du thust, Nicht was du magst, nein, was du mußt."
Fr. W. Weber.


