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die Auflösung all der Rätsel, die uns das verschiedene Auf- i 1 tauchen des Ringes gegeben hat!" '
Auch über meinen Besuch Beim Pfandlecher drangt | 1 es mich nun ebenfalls, Auskunft zu gebeu, damit Sie sehen, wie grundlos in allen Stücken Ihr unwürdiger Verdacht ■ gegen mich war. — Meinen Ring habe ich allerdings für I kurze Zeit zum Pfandleiher gebracht. Es handelte sich I darum, die Wechfelschuld eines Freundes zu decken, bls dieser im stände sein würde, zu zahlen." _ I
„Sie sehen mich beschämt, tief beschämt, Herr von Log- berg. Tiefer hätten Sie mich nicht Niederdrücken können, als durch diese letzte Erklärung. Während Sie eine Thai uneigennützigen Edelmuts ausübten, zieh ich Sie eines un- I würdigen Verbrechens. Ich weih nicht, ob Sie mrr den I Irrtum verzeihen können, doch vielleicht gelingt merner Tochter besser, was Sie mir leicht versagen könnten. Darf I ich deshalb meine Tochter rufen, Herr von Loßberg?"
„So tief möchte ich das gnädige Fräulein mcht de- I wütigen, Herr Holthaus. Sie haben mir keinen Timst mit dieser Erklärung geleistet. Ich war wohl auf ein tief- I liegendes Mißverständnis gefaßt, doch daß es dieser Art war — darauf nicht. Als ein Dieb, ein gemeiner Dieb, von Ihnen und Ihrem Fräulein Tochter angesehen zu fern — I das ist wirklich mehr, als ein ehrliebender Alaun, em I Offizier in des Königs Dienst, ertragen kann. Leben Sie I deshalb wohl, Herr Holthaus, und empfehlen Sie Mich dem Fräulein Tochter — und wenn wir uns je im Leben I begegnen sollten, so kann es nur in der Form kalter Höf- | lichkeit geschehen. Wir haben uns nichts mehr zu sagen." I
„Auch dann nicht, Herr von Loßberg, wenn ich Sie daran erinnere, daß die beiden Ringe jedenfalls einer Fa- I mitte entstammen, und Ihre Familie und die meiner ver- I storbenen Gattin ehemals einander verbundeu waren."
„Auch dann nicht, Herr Holthaus. Sie haben mich mit Ihrem Verdacht zu tief gekränkt, als daß ich das je wteder vergessen könnte."
Noch eine gegenseitige stumme Verbeugung, und der junge Offizier hatte das Zimmer verlassen. — —
Die Thür zum Nebenzimmer öffnete sich. Auf der Schwelle stand Hella. Ihr Gesicht war totenblaß und ihre Augen standen voll Thränen.
„Mein Kind, meine arme Hella!" Holthaus breitete die Arme aus, und Hella legte leise schluchzend ihr Haupt an seine Schulter. -
Stella, kannst Du begreifen, was ich empfmde? Dag ich es sein mußte, der Dein Glück zerstörte. Aber die Umstände
„Ich weiß, lieber Vater." Hella rtchtete sich empor. „Laß es unS als ein Unglück hümehmen, das über uns verhängt ist. Auch ich zweifelte ja an ihm, verlor das Vertrauen, das doch nie hätte wankend werden dürfen." !
„Klage- Dich nicht an, mein Kind, der Augenschein —" „Suche ntich nicht ztt entschuldigen, ich fühle mein Unrecht, ich durfte trotz allem nicht wankend werden. Loßberg hatte uns nie Ursache gegeben, an seiner Ehrenhaftigkeit zu zweifeln, und ich, die ich ihn zu lieben wähnte und mich von ihm geliebt glaubte, durfte in meinem Vertrauen zu ihm nicht wankend werden."
„Arme Hella, unglückliches Kind", sagte Holthaus noch einmal.
Zwölf Jahre sind vergangen, eine Zeit, in welcher die Jugend emporwächst und das Alter sich dem Endziel alles Irdischen zuueigt. , ,
Auf dem Verdeck des Weserdampfers „Bismarck" sttzt eine Dame etwas abgesondert von den übrigen Passagieren. Ihre Hände ruhen leicht verschlungen in ihrem Schoß, während ihre Augen träumerisch die langsam vorübergleitenden Ufergelände betrachten, die in ihrer sanften, lieblichen Schönheit jeden für Naturschönheit empfänglichen Menschen entzücken.
Nicht in großen, erhabenen Zügen, nut himmelhoch strebenden Bergeshöhen, tritt hier die Natur hervor, aber in ihrer Lieblichkeit und zu andachtsvoller Stimmung erhebenden Schönheit fast unübertroffen.
Der Dame tiefe Trauerkleidung verrät, daß sie jüngst einen schweren Verlust gehabt. Deshalb auch wohl sind ihre Züge so ernst, so von stillem, ergebungsvollem Weh durchdrungen, nur selten von einem matten Lächeln belebt. Dennoch, und obgleich die Dame die erste Jugend längst
hinter sich hat, sind ihre Züge anziehend und edel, und aus ihrem Antlitz leuchtet der Adel eines nicht gewöhnlichen Geistes. Soeben sind dem Dampfer an der Landnngs- stätte, in der Nähe von Schloß Corvey, neue Passagiere zugeführt. Die Dame in Trauer hat kaum darauf geachtet, ihr Blick kann sich von dem herrlichen Panorama, das im fortlaufenden Wechsel vorübergleitet, nicht trennen. Der! Dampfer ist wieder in Bewegung, die Räder schaufeln, in stolzer Ruhe und Sicherheit fährt er auf dem breiter werden-, den Strome dahin.
Unter den neuen Ankömmlingen befindet sich ein Herr, dessen strammer Haltung man sogleich den Offizier in Civil anmerkt. Er geht eine Zeitlang auf den: Verdeck hin und her. Bei einem dieser Gänge fällt sein Blick auf die Dame in Trauer, die in stiller Versunkenheit noch immer in die Gegend auslugt.
Er stutzt, sieht noch einmal nach, ihr hin und geht vorüber. Abermals wendet sich sein Fuß, er geht den Weg wieder zurück, an der Dame vorüber. Sein Blick Bringt forschend in ihre Züge. Einen Augenblick ist er im Begriff, auf Sie zuzuschreiten, ein kleines Zögern — und er setzt seinen Weg abermals fort.
Jetzt im Rücken der Dame bleibt er abermals stehen, ein Schatten fliegt über sein Gesicht, er schüttelt tote ab-
i wehrend, vielleicht gegen sich ihm ausdrängende, unliebsame Gedanken den Kopf und schreitet kurz entschlossen aus die Dame zu.
„Gnädigste gestatten, mich als alten Bekannten vorzustellen?" „ ,
Die Dame fährt aus ihrer Versunketiheit empor und starrt den Fremden wie eine Geistererscheinung an. Ern leichtes Beben geht durch ihren Körper, dann tritt em zäher Farbenwechsel ein, ihr blasses Gesicht überzieht flammende Röte, um alsbald wieder der vorigen Blässe zu weichen.
„Herr von Loßberg!" entfährt es ihren Lippen, und es klingt wie tiefes Erschrecken. r .,
„Zu dienen, Gnädigste. Also haben die Jahre mich doch nicht so verändert, daß alte Freunde mich! nicht wieder
I zu erkennen vermöchten."
Cie schüttelt den Kopf. „Das wäre zwischen uns wohl kaum möglich. Dazu war unser letztes Auseinandergehen w w —" Sie sucht nach einem passenden Wort und findet es nicht in dieser Plötzlichkeit des Ungeahnten.
„Wollen wir die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Gnädigste, und uns der Gegenwart freuen, die uns so unerwartet nach langen Jahren wieder zusammenfuhr-t?
„Nach zwölf Jahren", sagt sie mit schwerer Betonung.
„Ja, zwölf Jahre. Eine lange Zeit, in welcher der einzelne wohl viel erlebt und viel — überwinden lernt.
Eine Pause trat ein, die endlich Loßberg mit der Frage I unterbricht: „Wie Ihre Trauerkleidung verrät, haben Sie kürzlich einen Verlust gehabt. Darf ich fragen, wen Sie Betrauern?" . . ~ ,
„Ich Betraure meinen Vater, den einzigen Freund, der mich noch an die Welt fettete", gießt Hella Holthaus zur
I Antwort. , , . o, ,r.«
Er steht und starrt sie an, gebannt tn ihren Anblick, gedankenversunken, verloren in tiefes Sinnen.
„Gnädigste stehen allein?" fragte er dann.
Sie nickt schweigend. Ein seltsamer Schauer geht durch sie hin. So vollständig also ist sie aus seinem Leden entschwunden, daß er das nicht einmal weiß, nichts davon,
| daß sie nie einem andern Manne ihre Hand gereicht, daß | sie einsam geBIieBen ist.
I Doch, wie kann sie das eigentlich anders erwarten, geht es ihr doch mit ihm kaum anders, nur einmal ist ine Nachricht zu ihr geflogen, daß er verheiratet sei.
„Verzeihung, gnädiges Fräulein", sagt er jetzt, er scheint ihren Gedankengang erraten zu haben, „die weite Entfernung, das gänzliche Losgerifsensein von den alten Kreisen und nicht zuletzt, — der Wille, an nichts von dem, was nut der Vergangenheit in Verbindung stand, erinnert zn ■ tnPThptt
I „Und heute haben Sie selbst diesen Bann durchbrochen, : I Herr von Loßberg."
1 I (Fortsetzung folgt.)


