Ausgabe 
10.2.1902
 
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und vor lauter Festesfreude manchmal nicht auf das Sanf­teste bearbeitet wird, tote es sogar ans der Grazer Nobel­redoute noch vor etlichen zwanzig Jahren geschehen ist.

Wie andere Feste, hat natürlich and"} der Fasching sein eigenes Gebäck,die Krapfen", die der Norddeutsche als Pfannkuchen bezeichnet und jahraus, jahrein ißt, während sre in den Heimatsländern des deutschen Karnevals nur tu der Zeit vom Dreikönigstag bis Faschingsdienstag ge­backen werben. Man behauptet, daß die Erfinderin dieses schinackhaften Faschingsknchens eine Wiener Bäckerin Namens Cacilta Krapfen gewesen sei, die gegen Ende des 16. Jahr­hunderts gelebt haben soll. Dies steht jedoch in Hellem Widerspruch mit einer Stelle aus Wolfram von Eschenbachs Parsifal, der schon anfangs des 13. Jahrhunderts von der Hungersnot im Lande Pelrapeire singt:

Ein Trübendinger Pfanne Mit Krapfen selten da erschien."

Perntutlich führt der Ursprung des Krapfens in noch toett frühere Zeiten zurück, sodaß man wahrscheinlich schon sfetn IMlhährtges Jubiläum hätte begehen können. Er'ist übrigens unter bett verschiedensten Namen in ganz Deutsch- beliebt und heißt am Rheine und MaineKrüppel", tu r ringenHoruaffc", in SchwabenFasteküchel", in Frankfurt a. M. in der Mehrzahl, da mau sich an einem ntcht begnügt,warme Brüderchen", während seine Halb- ichwester die niederdeutsche Fastenbretzel, durch deren Spende sich die Mägde von den sie mit Ruten streichenden Burschen lopfanfett müssen,Heetweck" genannt wird, und bei kcmem Fastnachtsvergnügen fehlen darf. Der Glanzpunkt deutscher Faschingsfreuden ist jedoch nach tote, vor der rhei­nische Karneval, und wenn auch nicht in allen Stücken von ihm der Vers gilt:

Löblich wird ein tolles Streben, Wenn es kurz ist und mit Sinn! womit Goethe 1825 auf die an ihn ergangene Einladung de^, Kölnergroßen Rats" antwortete, so kommt er doch "iS1 von allen ähnlichen Veranstaltungen am e§ bo,rt nie gänzlich witzlos hergeht und die Hauptfestlichkeiten sich auf die drei letzten Tage zusammen-- drangen, wennschon kleinere Vergnügungen natürlich wäh- ten nt r ,9a*täen Faschingszeit abgehalten werden.

Obwohl der Kölner Karneval in seiner heutigen, für

Deutschland vorbildlichen Gestalt erst ein Kind des ani Z^ö^vUilderts ist, führen seine Anfänge in das graue Altertum zuruck. Vielleicht eine direkte Fortsetzung der schon genannten altromtschen Saturnalien, artete er im Laufe t>e^x$a^r^unrertc Es, daß er int Jahre 1432 und später 'roch ost verboten wurde, was bei der Kölnischen Bevöl- vergeblich blieb. Auch die französische Frenidherrschaft der Rheinbundszeit war ihm nicht günstig.

A.alltsche Geflt witterte dahinter, von sich: auf audere gttruckschlteßend, Verschwörungen, und unterdrückte das Fest. Später, als man seine Harmlosigkeit erkattnte, versuchten bre Franzosen, um die Bevölkerung für sich einzunehmen, »tn e®-Cr toIcb?;r .l1? Schwung zu bringen,, jedochi vergeblich. Die Kölner verhielten sich- teilnahmslos gegenüber den E'rn von fetten der Eroberer gnädigst veranstalteten Festen.

18,-^ kam wieder neues Leben hinein. Man versam- welte sich zu festlichen Beratungen tn dem in der Sternen­gasse belegenen Geburtshause des berühmten Rubens: auf Vorschlag des Generalmajors Freiherrn v. Czettritz wurde

TC^e Kopfbedeckung die Narrenkappe gewählt, I rodes Jahr eine andere Form erhielt, und man großen Hauptversammlungen, dem sogenannten großen Rat, und tu den ihnen unterstehenden Sitzungen .bec narrischen Beredsamkeit freie Bahn.

Redner, der von der in Form eines Wafch-

) oder irgend eines anderen origi-

rnHn^Dm9eir«tanb,e3 erbauten Rednertribüne aus die Narren

®*ttt ungeheure, über dem Redner an dünner ^^erbr Narrenkappe beginnt erst bedenklich zu r'nrn» sentt= ^uh langsam und bedeckt des geist- und witz-

während der Witzes sprüh ende

b der Mu,tk gefetert wird. Am Rosenmontag findet hTn ~ C berühmte große Maskenball statt;

den Höhepunkt der Freude bildet aber doch der große Fest-

^>!^stn^^^attung ein Vermögen gesteckt wird. Es liegt ihm stets erne besondere einheitliche Hauptidee zu

I Grunde, welche der Ausführung in den Einzelheiten den freiesten Spielraum läßt, und so gestaltet sich der Festes- trubel zu einem großen Theater, bei welchem die Häuser und Gassen der ehrwürdigen Colonia die Kulissen bilden.

Aehnlich geht es in Mainz zu, dessen Karneval sich neben dem Kölnischen getrost sehen lassen kann. In der großen, am Rheine erbauten Stadthalle, dort, wo die Dampferlandungsplätze sind, an diesen TagenNarrhalla" genannt, halten die Narren Sitzung, und der langweilige Redner versinkt hier gar rettungslos in der Versenkung. Besondere Sitzungen sind auch den Damen zugänglich. Am Fastnachtssonntag beginnt schon früh morgens der Lärm mtt dem Umzuge derRanzengarde", und mit Narreteien, welche meistens auf die Zeitverhältnisse Bezug nehmen, wer­den die drei nächsten Tage verthan. Mit besonderer Zu- frtedenhett aber geht ein Schlagwort von Mund zu Mund, welches an ein lokales oder weitere Kreise interessierendes! Begebnis atiknüpft und seine Runde in allen rheinischen Stadien macht. Im vergangenen Jahre, als Präsident Kruger vergeblich den Versuch machte, in Berlin empfangen'

werden, raunten alle sich schmunzelnd die Worte zu: Willy, geh dem Ohnt 's Häudche!"

. Einen netten Aufschwung gewinnt feit einigen Jahren derFaschmg auch in München, Deutschlands Kunststadt ohne- gletchen, wo Hunderte von witzigen Künstlern ihre Arbeit rr.t betu Dienst des lustigen Treibens stellen, und von wo aus vielleicht erne Wiedergeburt des Karnevals ausgehen wird.

, Auch im deutschen Norden bestehen Hunderte von Brauchen und Feiern, welche sich als Ueberreste der frohen Faschingszeit erhalten haben. Alle Versuche, sie auf die Straße zu verpflanzen, sind aber erfolglos geblieben; denn diese Freuden gedeihen meist nur dort, wo ein milderes Klima waltet und des Bacchus Gabe auch dem minder Be­mittelten zugänglich ist. In Norddeutschland, wo man ja überdies das ganze Jahr hindurch tanzt, imb nicht auf besondere Zeiten der Ausgelassenheit beschränkt ist, wird der tolle Faschiitgsjubel kaum je mehr zu vollem Leben erwachen.

Die Gymnastik der Stimme.

Von O s k a r G u t t m a n n.

Mit 24 Textabbildungen. Sechste, vermehrte und verbesserte Auflage. In Originalleinenband 3.50 Mark. Verlag von

I. I. W e b e r in Leipzig.

Diese beliebte Anweisung zum Selbstunterricht in der uebung und dem richtigen Gebrauch der Sprache und Ge­sangsorgane, die nun schoii in sechster Auflage erscheint, stützt sich durchaus auf physiologische Gesetze. Der erste Abschnitt derGymnastik" lM es deshalb auch ausschließ^ lich mit den Atmungsorganen und dem Kehlkopf zu thun. Der zweite Abschnitt wendet sich: der Stimme, der Erzeugung des Tones und der Erhaltung und Befestigung des Stimm­organs zu. Der dritte Abschnitt, über die richtige Aus^ spräche des Alphabets, hat nicht nur für den Sänger und Schauspieler, sondern auch; für jeden Redner großen SBert' Das Atmen spielt in der Rede wie int Gesang eine Haupt-- rolle, es ist ihm deshalb auch int vierten Abschnitt der Schrift eine große, wenn nta)|t die größte Aufmerksamkeit gewidmet worden. Bei genauerer und gewissenhafter Be­folgung alles, dessen, was in diesem Buche über das Atmen und die Fundamentalgesetze der Tonbildung gesagt ist, wird der Säuger wie der Schauspieler und Redner sichere Erfolge zu verzeichnen haben.

Rätsel.

Nachdruck verboten.

Wer es anstellt, prüft und übt; Kopflos ist's bei Frau'n beliebt. (Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.:

W. Lgl, Dhl, TcB, Ld6, Sd5, Ba4, c2, c4; Schw. Kd4, 8»5, La7, e2, Bb6, d2, 47, k5.

1. Tc3-f3, Lf3:; 2. Dal +.

1. .... ., Sc4:; 2. Td3 +.

1 dlD:; 2. Dh4 +.

1 Kc4:; 2. Tf4 +

1 Ld3:; 2. TdB +.

1- ..... D beliebig; 2. Dh4 +.

Redaktion. E. Burkhardt. Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.