Gewiß, die arme Clarita wollte Eudotja gern besuchen. Trotz der soeben erlebten Gemütserschütterung hatte sie achtsam aüfgehorcht, sobald sie hörte, daß Mexis' einstige Wärterin, und zugleich Dimitri's Mutter in nächster Nähe lebte.
„So lassen Sie uns jetzt gleich zu der alten Matuschka hiuaufgehen", schlug Feodor vor- „Das wird dieselbe am ersten versöhnen und beruhigen-"
Clarita willigte sofort ein. Ihre Thronen trocknend, zog sie vorsichtig die Vorhänge wieder zu, und den Besuch der folgenden Stuben für später aufschiebend, verließen beide den Ort, der zu dem ergreifenden Gespräch geführt hatte.
XVIII.
Eine treue Seele.
Es muß Herzen geben, welche die Tiefe unseres Wesens kennen und auf uns schwören, selbst wenn die ganze Welt uns verläßt. Gutzkow.
Clarita staud noch völlig unter dem Eindruck der eben geführten verhängnisvollen Unterhaltung, Feodor hingegen betrat kaum eine andere Umgebung, als auch feirm Gedanken eine andere Richtung nahmen- „Ich bin neugierig, wie Eudotja Sie empfängt", sagte er lebhaft; „ich glaube, sie weih schon um unser Kommen- Richtig", setzte er flüsternd bei — „richtig, da oben steht sie am Treppenaufgang!" Laut rief er dann aus: „Wir kommen. Dich zu besuchen, Mutter, ich bringe Dir einen Gast!"
„Viel Ehre für die arme, alte Eudotja Ossipowna!" erwiderte die zitternde Stimme einer alten Frau, welche oben inl Flur stand, die Kommenden erwartend- Sie war eine Greisin, ging etwas gebeugt, und leicht auf einen Stock gestützt, doch ihr Gesicht erschien weniger alt, und ihre Augen keineswegs blöd und trübe- Klug und lebhaft blickten sie vielmehr der Fremden entgegen- Vor dieser und Feodor lnixte die Alte tief, unterließ aber den Saum von deren Kleidern zu küssen- Clarita redete sie freundlich an, bei ihrem melodischen Stimmen- ton, der den Worten einen so eigenen Klang lieh, lächelte die Alte. Die gnädigen Herrschaften erweisen einer alten Frau viel Güte und Ehre, daß sie zu ihr heraufkommen, und es nicht verschmähen, in die niedrige Stube einzutreten, welche die gnädige Barinitschi Wera Sergewna niemals betritt-"
„Du weißt doch, Eudotja Ossipowna" — warf Feodor hier rasch ein — „Mama ist gar nicht mitgekommen nach Ornatoffsko!"
„Ja, ich hörte es; die gnädige Herrin befinden sich doch wohl?"
„Ganz wohl; wie aber geht's Dir heute, Matuschka? Du warst gestern ungeduldig- — Warum hast Du mit der armen Nina gescholten? Sie hat sich darüber die Augen rot geweint-"
„Pah! Nina ist ein einfältig, leichtfertiges Ding, Feodor Iwanowitsch; ich habe das Dimitri stets gesagt, nun, er wollte es nicht glauben — dafür wird er jetzt bald vergessen sein", schloß die Alte mürrisch.
„Ihr Sohn Dimitri wurde zum Militär genommen, Mütterchen?" mischte Clarita sich mit freundlicher Teilnahme ein- „Welch Leid für Sie, ihn so viele Jahre missen zu müssen, doch vielleicht kürzt sich sein Dienst? Ist er Ihr einziger Sohn?"
„Mein einziger Sohn, und sein Dienst dauert fünfzehn Jahre; mich findet der Junge nicht mehr, wenn er überhaupt heimkehrt- Ich sehe ihn nicht mehr wieder!"
„O, wie hart, arme Mutter!" entschlüpfte es Clarita unwillkürlich
„Ja — es ist hart", nahm die Alte jene Worte auf, indem sie bitter hinzusetzte: „jedoch wir müssen uns an viel harte Dinge im Leben gewöhnen. Mußte ich's doch tragen, daß mein Seelchen, mein Goldkind, mein süßer Bärin Alexis dahin ist! Was will dagegen alles andere Leid sagen!"
Clarita erbebte bis ins Herz- Zum ersten Male schlug ohne ein Zuthun ihrerseits der geliebte Name an ihr Ohr; so war er doch nicht ganz verschollen in diesen Mauern; jemand gab es noch, der ibn gern nannte.
„Es scheint, Ihr habt den jungen Bärin sehr geliebt!"• meinte sie daher bewegt-
„Wie soll ich das nicht, Barischni: Niemand konnte ihn sehen, pH ne ihn zu lieben, er war so schön! so gütig! so treu! — mein Goldküabe, mein stattlicher Bärin! Er kannte keinen Stolz, nie hat er die alte Eudotja vergessen, auch nicht, als >er erwachsen war, und wenn er, was freilich gar selten geschah, nach Ornatoffsko kam, daun war sein erster Gang nach seinem alten Mütterchen- — Nie hatte er die vergessen, die ihn einst auf den Armen getragen und seine Kindheit behütet!"
„Er muß ein schöner Knabe gewesen sein!" sagte Clarita. „Ich sah unten sein Bild.
„Wirklich? Sie waren in Wladimirs Zimmer? Feodor Iwanowitsch, haben Sie die Barischni in jene Zimmer geführt? Sie fürchteten sich nicht?"
„Ich mich fürchten, Amme?" erwiderte darauf der Knabe stolz.
„Wo denkst Du hin!"
„Ja — Sie sind ein tapferer, mutiger, junger Bärin!"- nickte die Alte vor sich hin; Feodor aber, der sich damit beschäftigt hatte, die zahlreich an der Wand angeklebteu Heiligenbiledr zu betrachten, lenkte das Gespräch jetzt darauf, „Tu hast keine neuen Bilder mehr bekommen, Eudotja? Doch warte! ich habe Dir eines mitgebracht, ein prächtiges, ein ganz glänzendes der heiligen Laura von Kiew- In Petersburg habe ich es für Dich gekauft-"
„O, wie Sie gnädig und gütig sind, Feodor Iwanowitsch- Sind Sie auch glücklich in dem großen Petersburg an der Newa?"
„Na — Eudotja — lieber bin ich schon tausendmal in Ornatoffsko als in dem langweiligen Institut — indes — so ganz übel ist's dort immerhin nicht-" Und nun begann er der Alten frischweg zu erzählen von dem Institute^ von Petersburg und den gemachten Reisen-
Dadurch gewann seine Gefährtin etwas Zeit, sich zu sammeln- Alles, was sie heute gehört und entdeckt, arbeitetei gewaltig in ihren Gedanken, sie vergaß darüber selbst der vorgerückten Stunde, an die sie endlich ein Blick aus die Uhr mahnte-
„Wir müssen hinunter, Feodor, es ist spät — aber wir kommen noch öfter, wenn wir dürfen, Eudotja Ossipowna? Es ist gar behaglich in Eurem Stübchen."
„Ich werde stets die Stunde segnen, welche die gnädige Barischni zu mir führt!" erwiderte die Greisin sich tief verneigend. Als sie aber den Kopf wieder hob, blickte sie mit ihren grauen klugen Augen der schönen Fremden fest ins Antlitz. Dasselbe mochte sie befriedigen, denn als Cla- rita ihr Versprechen bald wiederzukommen wiederholte, fügta sie noch hinzu: „Die Heiligen mögen Sie geleiten und wieder zu Eudotja führen."
Clarita hielt ihr Wort- Gleich andern Tages, während Feodor bei seinem Mentor und Lisavetta mit Madame: Tuflois studierte, schlich sie sich hinauf in den alten Ban zu Eudotja.
Sie überraschte die Alte nicht- Es war wirklich, tote! Feodor gesagt, Eudotja toußte alles, was im Hause vorging. So schien sie auch jetzt Maritas Kommen geahnt,, vorausgesehen zu haben- Ihr runzeliges, vertoittertes Gesicht zeigte einen eigentümlich intelligenten Ausdruck bei ihrer demütigen Begrüßung des Besuches-
„O, Barischni — es thut meinen alten Ohren toohl, Ihre süße Stimme wieder zu Höven. Wollen Sie der alten: Matuschka die Gnade erweisen, in ihrer armen Stube Platz zu nehmen?"
„Gewiß, gern möchte ich ein wenig mit Euch plaudern, Mütterchen" — sagte Clarita weich. „Ihr habt gewiß Vieh erlebt und wißt manches zu erzählen, worauf man gern: lauscht."
„Ja", ga,E> die Alte bereitwillig zu, „erlebt hab' ich schon genug, doch nicht lauter Dinge, die freuen — dagegen sahen meine Augen mehr, als mir lieb — und auch bin ich alt und einsam! Die letzten Jahre haben mir nur Thränen gebracht. Doch 'was soll ich Ihnen klagen, schöne Barischni- Sie sind fremd hier und wissen's nicht, was! Ornatoffsko einst war und jetzt ist!"
„Es ist Ihnen traurig geworden, Mütterchen. Die; welche Sie liebten —"
„Tie sind nicht mehr", ergänzte die Alte eifrig mit dem greisen Kopf nickend- „Gestorben und verschollen sind sie, und statt ihrer sind böse Geister in Ornatoffsko ein- gezogen." '
„Aber Eudotja — Ihr glaubt doch nicht an das Mär-


