Nachdruck verboten.
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
„Ihre Mama fand den Ermordeten?" wiederholte die stille Zuhörerin tonlos.
„Ja, die arme Mama, sie hat sich furchtbar erschreckt- Sie wollte an jenem Abend noch einmal nach mir sehen, da ich in der Kinderstube krank lag — im Gang hörte sie in der tiefen Nachtstille das Röcheln des Sterbenden, sie eilte in Wladimirs Zimmer und sah ihn in seinem Blute halb vom Divan zur Erde niedergesunken. Sie schrie entsetzlich.; auf ihren Hilferuf kam die ganze Dienerschaft herbei, aber nicht Alexis, er war nirgends zu finden, und das Bett in seinem Zimmer noch unberührt-"
- Endlich fand man ihn im Park, wo er in großer Aufregung umherlief. Als man ihm Wladimirs Tod mitteilte, kam er völlig außer sich, er eilte zu dem Toten, warf sich neben ihm nieder, und die Wunde untersuchend, sprach er zu ihm in selbstanklagenden, flehenden Worten, die niemand verstand, welche aber gleich einer Bitte um Verzeihung lauteten. Wladimir konnte keine Antwort mehr darauf geben — er war tot!
Das alles hat man mir später erzählt: in jener Nacht lag ich im Fieber, ich hörte da nur Mamas gellenden Schrei — und erst andern Morgens, daß Wladimir gestorben sei- Ich! verlangte erschreckt nach Alexis, aber Alexis war nicht mehr da — er war entflohen!
Seine Flucht hat allen Verdacht bestätigt — das müssen Sie selbst zugeben, Clarita; denn wenn er schuldlos war, warum floh er?"
Ja, warum floh er? Die Frage durchbohrte aufs neue, gleich einem Schwerte, seiner Gattin Herz, Vielleicht hätte gerade sie die rechte Antwort darauf geben können, doch auch der, welche Feodor daraus zog, fehlte es nicht an Berechtigung. Die gequälte Frau fühlte das tief. Der Kindermund mochte die Wahrheit gesprochen, die richtige Lösung gefunden haben- Ein unbeherrschter Augenblick konnte den leidenschaftlichen, aufbrausenden Mann zu der unseligen That hingerissen haben-
„Und wie ging es weiter mit Ihrem Bruder?" lispelte Clarita bebend- — „Hat man ihn nicht verfolgt?"
„Man suchte ihn zu schonen, um seinetwillen eine öffentliche Untersuchung zu vermeiden. So erfuhren viele nur Wladimirs plötzlichen Tod, den man seinem Herzleiden
Montag den 10. Februar.
1902. — Nr. 22.
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eiben sind wic Gewitterwolken; in der Ferne sehen sie schwarz aus, über uns kaum grau.
zuschrieb — hier die Dienerschaft sogar meinte — ein Blut« stürz habe ihn getötet- — Mama verwandte sich selbst bei ihrer hohen Gönnerin am Hofe für Alexis — sie wünschte sein Entkommen ins Ausland. Er würde dasselbe auch erreicht haben, hätte ihn nicht unterwegs das Fieber befallen an dem er in einem kleinen Grenzstädtchen starb. O, wie ich geweint habe, als Mama mir seinen frühen Tod mitteilte, durch den hoffentlich seine Schuld gesühnt ist! Meinen Sie nicht, Clarita, daß er Ruhe gefunden hat, obgleich die Leute hier sich zuflüstern — nachts gehe ein rastloser Geist hier im alten Baue um-"
Clarita hörte die letzten Worte nicht: heiße Thränen rannen unaufhaltsaln über ihre schmalen Wangen-
„Wo starb Alexis? Wo ist sein Grab?" Kaum verständlich drang die Frage über ihre bebenden Lippen-
„Ich! kenne beit Ort nicht; Mama spricht nicht gerne davon, auch verbot sie mir streng, mit anderen davon zu reden, da Alexis' Name am besten gar nicht genannt werde. Ich vergesse ihn aber dennoch nicht, und wenn ich in ein paar Jahren erwachsen bin, dann erfahre ich alles, besuche Alexis' Grab und lasse seine Gebeine nach Ornatosfsko in die Gruft bringen."
Clarita umschlang unwillkürlich den Knaben und küßte ihn. „Sie haben ein gutes, treues Herz, Feodor, bewahren Sie es sich, bleiben Sie Alexis in Ihrer Liebe treu!"
Etwas verwundert blickte der Knabe sie an, doch in demselben Momente schraken beide heftig zusammen durch ein dröhnendes Geräusch über ihren Häuptern, das unten in dem stillen Gemach wiederklang-
Ein abergläubischer Gedanke war ersichtlich das erste, was Feodor durchzuckte, gleich darauf jedoch lächelte er über sein eigenes Erschrecken. „Das ist Eudotja" — erklärte er dabei in ganz anderem Ton, als bisher; denn nicht allein die arme Soldatka, sondern alle Welt bekommt von ihr Schelte — so bös haben wir sie gemacht- Sie tragen mit Schuld daran, meine Clarita!"
„Ich? — Wer ist denn Eudotja!"
„Dieselbe, über welche sich gestern die Nina beklagte, sie ist Dimitri's Mutter, und war früher Alexis' Wärterin. Jetzt wohnt und haust sie für sich allein oben in deN Giebelstuben des alten Bau's; Papacha hat ihr noch das Recht unantastbar bewilligt und ihr ihre Stellung gesichert, sie ist ihre eigene Herrin, und selbst Taliana nicht untergeben. Sie lebte mit dieser früher stets im Kriege, doch nun verläßt sie ihre Stuben nicht mehr, weiß aber dabei doch alles, was im Hause vorgeht, und war gestern empört über Taliana's Eingriff in die alten Koffer, welche das Reitkleid für Sie lieferten- Unser Eindringen hier hat sie sicherlich noch mehr erzürnt —; und endlich, Clarita, haben Sie die Alte noch nicht besucht-" -
„Wie hätte ich das vermocht?" rief Clarita eifrig, nicht einmal von der Existenz Eudotja's wußte ich Ich will sie gern besuchen."


