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10.1.1902
 
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Ja", nickte ein Dritter:Euer Glück hat sie be­gründet, obgleich von ihr selbst das Glück floh. Sie iah zuletzt geradeso unsagbar traurig aus, wie jemand, oer alles verloren, was ihm die Erde schön macht. Sie er­schien ganz verändert seit dem Tode des Kindes."Nein", ries wieder einer dazwischendas war's nicht allein, sie erhielt von der Post zu Pallanza einen geheimnisvollen Brief herübergeschickt, der ihr fast den Verstand geraubt, nicht wahr, Franzesco?"

Die Signora erhielt mehr Briefe als einen. Ich weiß nicht, was ihr wollt!"

So Weitz auch kein Mensch, wo der Prinzips, ihr Gatte geblieben, und sie selber hingezogen ist?"

Niemand wußte es, selbst Franzesco mußte ver- stummen, da meinte plötzlich einer:Am Ende hat der Irländer doch noch Recht behalten, mit seiner düsteren Prophezeihung. Wenn auch nicht unsere Toccia, so könnte doch vielleicht unten der Lago erraten, wo die Verschollene hingekommen ist. Gott wolle ihrer Seele gnädig sein!"

Einige bekreuzten sich bei dieser Rede.Ja" stimmte einer bei wer weiß es!"

Möglich wär's schon!" ergänzte ein anderer, und ehe ein paar Tage weiter ins Land gegangen waren, da ging man wußte nicht recht, wie und von wannen es gekommen das unbestimmte Gerücht um: die schöne, traurige Fremde habe in dem blauen Lago-Maggiore ihr .Grab gesucht und gefunden.

(Fortsetzung folgt.)

Medizinische Wissenschaft und Volksgesundheit.

Von Dr. A. S o l m s e n (Danzig).

(Nachdruck verboten.)

Der häufigste Vorwurf, den der ärztliche Stand und die medizinische Wissenschaft, zuweilen im Scherz, meist aber im Ernst zu hören bekommt, lautet wohl:Wir geben ja zu, daß die medizinische Wissenschaft großartige Fort­schritte gemacht, geniale Entdeckungen gezeitigt hat. Wer was nützt das der leidenden Menschheit? Die Menschen sind kränker, denn je!" Bei der großen Bedeutung, die dieser Frage, für die Allgemeinheit zukommt, dürfte es sich lohnen, jene viel gebrauchte Phrase einmal aukihren wahren Gehalt zu untersuchen.

Eine mathematisch sichere, jeden Zweifel ausschließende Entscheidung dieser Frage wäre nur möglich, wenn sich aus alter und neuer Zeit ausführliche, sämtliche Krank­heitsfälle umfassende Statistiken gegenüber ständen. Da dies natürlich nicht der Fall ist, so wird man sich auf die vorliegenden kleineren Erkrankungs-, sowie auf die Sterb- lichkertstabellen beschränken müssen. Sehr wichtig für die Beurteilung werden ferner die persönlichen Eindrücke des ernzelnen Arztes und die im gegenseitigen Ideenaustausch gewonnen Erfahrungen der Allgemeinheit fein. Und da muß nun allerdings der unparteiische Beurteiler zugeben, daß in der That gewisse Krankheitsarten in der Zunahme begriffen sind oder wenigstens zu sein scheinen. Ich sage scheinen; denn es ist sicher, daß infolge einer gegen früher gesteigerten Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe und durch die Verbesserung der medizinischen Untersuchungs- methoden eine große Anzahl von Krankheitsfällen, die früher un Verborgenen blieben, nunmehr zur Kenntnis belangen, und den Eindruck einer Krankheitshäufung er-

Zu dreien Krankheiten gehört vor allem das ganze Heer der Nervenkrankheiten, angefangen von den leichten Graden der Nervosität durch alle Stufen der neurastheni- ichen Zustande hindurch bis zum Irrsinn, von dessen Zu­nahme dre alljährlichen Erweiterungsbauten unserer Pro- vmzral-Jrrenanstalten eine stumme, aber deutliche Sprache reden. Dre Ursachen hierfür sind nicht schwer einzusehen. Den gestergerten Anforderungen in Schule und Hochschule, t1 folgenden schweren Kampfe um das Dasein, dem Getobe der Großstadt, der Jagd nach dem Vergnügen, E Unnatürlichen Lebensweise, dre die Nacht zum Tage Alkohol usw., ist das Nervensystem vieler Menghen nrcht gewachsen; es unterliegt.

Erne Weite Art Vock Krankheiten, deren Zahl in neuerer Zert gewachsen ist, möchte ich als Gewerberrarrk- .herten bezerchnen, h. h. als Erkrankungen, die bei einer größeren Zabl von Personen als unmittelbare oder mittel- Sare Folge Ges Verrrfes entstehen. Ich rechne dazu alle

jene unzähligen Unfälle und Verletzungen im Betriebe der Eisenbahn und Schiffahrt, der Bergwerke, Fabriken. Werften, im Baugewerbe, Militärdienst usw., ferner jene überaus häufigen Erkrankungen infolge Einatmens schäd­lichen Staubes (Stein- und Eisenarbeiter), giftiger Gasej (chemische Industrie), Vergiftungen mit Schwefelkohlenstoff, Benzin, Anilin, ich erinnere an die Bleivergiftung, die jahrein, jahraus bei Malern, Schriftsetzern, Schiffbauern ihre Opfer fordert.

Sehr erfreulich ist diese Uebersicht nicht; dabei macht ste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber beweist dies eine Lücke in der Wissenschaft, ihre Unfähigkeit, lkranks zu heilen? Mit Nichten. Die Zunahme der genannten! Krankheiten ist aber die leider überall unausbleibliche Folgeerscheinung einer gesteigerten Kultur, und ihrs Schädigungen wären unendlich größer, wenn nicht dis Wissenschaft nach Möglichkeit ihre Ursachen aufgedeckt und die Mittel zu ihrer Verhütung und Heilung angegeben! hätte. Ich erinnere an die Thätigkeit der Äerzte in der Frage der Schulüberbürdung (Gründung des allg. deutsch. Vereins f. Schulgesundheitspflege 1899), ihr Wirken als Schulärzte, als Vorkämpfer gegen den Alkoholismusj ich erinnere an den Nachweis der gewerblichen Gifte, und die dadurch erst ermöglichte Einführung hygieinischer Maß­nahmen in den Fabriken.

Wenden wir uns nun zu der erfteulicheren Seite unseres Themas, so sind die Krankheitsplagen, von denen in neuerer Zeit die Menschheit ganz oder teilweise be-, freit worden ist, so zahlreich, daß es schwer wird, eine genügende Uebersicht und einen passenden Anfang zu finden. Da sind es vor allem die Infektionskrankheiten (d. h. die durch kleinste Lebewesen erzeugten), denen die moderne Hygieine den Garaus zu machen sucht. Leider ist auch hier, wie so häufig, das Gedächtnis der Menschen für durchgemachte Leiden ein erstaunlich kurzes. Wie lange ist es her, da mußte man die Ueberfiedelung oder den Besuch ut gewissen Städten Deutschlands innerhalb einiger Wochen unfehlbar mit einem Typhus bezahlen? Man nannte das sich akklimatisieren". Wie lange ist es her, daß pocken­narbige Gesichter auf der Straße zu einer Seltenheit ge­worden sind? Und das waren nicht einige wenige? Menschen, die dem Typhus und den Pocken erlagen, auch nicht einige Hundert, sondern Tausende und abermals Tausende. Aber das haben die natürlich längst vergessen,^ die von einemJmmer-kränker-Werden" der Menschheit reden. Die. Pocken sind bei uns dank der durch Jenner! entdeckten, und bei uns durchgeführten Schutzimpfung eine vergebene Krankheit, der Typhus ist auf ein Geringstes herabgemindert, Cholera und Pest werden erfolgreich von den Grenzen ferngehalten. Die Sterblichkeit an Diphtherie rst rn den preußischen Großstädten von 155 unter 100 000 Lebenden im Durchschnitt der Jahre 18851894 auf 90 im Jahre 1895, 76 im Jahre 1896 und 62 im Jahre 1897 funken (S. Heft 157 der Veröffentl. d. Kais. Gesund-, hertsamtes).

, Durch das Milchsterilisierungsverfahren Nach Soxhlet ist rn dem Kampfe gegen die enorme Säuglingssterblichkeit eine wirksame Waffe gewonnen worden, durch die Ein-, fuhrung der Antisepsis, in die Geburtshilfe, die Sterb­lichkeit an Kindbettfieber sehr beträchtlich gesunken. Der gefürchtete Hospitalbrand ist aus unseren Krankenhäusern verschwunden; an Hundswut braucht niemand mehr zn sterben, der rechtzeitig in sachgemäße Behandlung gelangt. Ja ,ogar bei der Tuberkulose, dieser gefährlichsten Feindin unserer Volkswohlfahrt, ist seit einigen Jahren nach überein­stimmendem Urteile der Statistiker eine deutliche, jeden Irrtum ausschließende Abnahme zahlenmäßig nachgewiesen worden. Seit Robert Koch den Tuberkelbazillus und das Tuberkulin entdeckte, können wir die Lungenschwindsucht mit größerer Sicherheit und in einem früheren Stadium! nachweisen, die Kranken in Behandlung nehmen, die Ge-, sunben vor Ansteckung schützen. Zahlreiche Heilanstalten für Bemittelte und Unbemittelte, früher nur im fernen Süden, jetzt auch in Mittel- und Norddeutschland erhalten alljährlich Hunderte ihren Familien und ihrer Arbeit.-

Und nun gar die Fortschritte, die unsere moderne Chirurgie gemacht hat. Mit Hilfe des Chloroform und unter dem Schutze der Antisepsis unternimmt sie schwere Eingriffe in den menschlichen Organismus, und vermag Kranke zu heilen, die man früher einfach ihrem traurigen Schicksale überlassen mußte, mit Hilfe der Röntgenstrahlen