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weder dies, noch die erfahrene kurze Wfertigung minderte seine Willfährigkeit. Binnen der kürzesten Frist war er mit Franzesco unterwegs, wo er erst aus desseu verwirrten Auseinandersetzungen entnahm, daß es sich diesmal um das Kind, und nicht um die Signora handele-

Unterdes wachte Clarita voll unbeschreibbarer Mutter­angst bei ihrer Kleinen, deren Leiden sich von Minute zu Minute steigerte. Noch kannte Dolores die Mutter, bittend streckte sie die Händchen zu ihr empor, die nieder­gebeugt voll heißer Liebe zu ihr flüsterte:Mein Engel! mein Engel!" Aber kein Schmeichelwoxt, keine Liebkosung vermochte, alsbald mehr das im Fieber bebende Kind zu beruhigen. Keine Pflege, keine Sorgfalt, noch was immer Clarita oder die Wärterin thun mochten, half der kleinen Leidenden Linderung zu bringen- Die junge Mutter war völlig ratlos, o, wie sehnsüchtig flogen nun ihre Ge­danken zu der guten, alten Donna Frasquitta, die stets für alles Mittel und Hilfe gewußt- Was hätte sie nun darum gegeben, nur einen Moment diejenige um sich zu haben, die sie einst so undankbar getäuscht und verlassen. Verlassen war sie jetzt selbst-Wenn doch nur der Arzt käme!" stöhnte sie leise, fast vergehend unter dem schmerzlich auf sie gehefteten Blick des Kindes-

Ihr Wunsch erfüllte sich schnell; der Arzt kam, dies­mal hatte sie Worte für ihn- Sie beschwor ihn mit heißen, heftigen Bitten: zu helfen! ihr Kind, ihr Kleinod zu retten, es dem Leben zu erhalten.

Der Arzt that, was er zu thun vermochte, er that es mit Eifer und Geschick doch alle ärztliche Kunst, alle menschliche Geschicklichkeit, alle mütterliche Sorgfalt vermochten hier keine Hilfe mehr zu bringen- Die schwachen Kräfte des Kindes verzehrten sich unter dem Fieber allzu schnell.

Wie der Tag graute, wurde die Heilte Dolores ruhiger Ünd schwächer, in den Armen ihrer Mutter schlief sie unter leisen Zuckungen ein- Sachte war der Todesengel in das Gemach. eingetreten, sanft küßte er das Kind und nahm seine reine Seele mit in das himmlische Paradies-

Clarita war völlig betäubt: sie wußte und beachtete Nicht mehr, was um sie geschah. Als jedoch der Arzt darauf bestand, sie hinweg zu führen, entsprach sie mechanisch seinem Willen- Sie war ihm dankbar für die geleistete Hilfe, sie wollte nicht wiederum verletzend sein, obgleich der alte Wunsch in ihr lebte, allein, sich selber überlassen zu bleiben- Der Arzt erriet ihre Gefühle; er sah ihre Erschöpfung und Unter dem Versprechen, nach einigen Stunden wieder vor­sprechen zu wollen, wies er sie dringend an, zunächst die durchaus notwendige Ruhe zu suchen- Clarita versprach alles mit heiserer Stimme. Sie weinte nicht. Sie schloß Nur die Augen, um von ihrer ganzen Umgebung nichts mehr wahrzunehmen, und verfiel so von ihrer tiefen Gemüts­erschütterung überwältigt in jenen Zustand halbwachen Schlummers, der gleich Blei die Augenlider niederdrückt, ohne den rastlos arbeitenden Gedanken Frieden zu gönnen-

Friede was das war, davon blieb dem todwunden Herzen der armen Frau keine Ahnung mehr- Mit un­widerstehlicher Gewalt wurde sie jedoch daran erinnert, als sie einige Stunden später, leise, unbemerkt in das Zimmer zu ihrem toten Töchterlein schlich.

Die Coutadina hatte die Heine Tote, ihren Pflegling, in einem wahren Blütenmeer von Blumen gebettet- Mitten darunter ruhte das liebliche Kind, die früh gebrochene junge Menschenknospe, schuldlos und schön wie ein Engel, den Gott heimgerufen in seinen Paradiesesgarten, um ihn dort sicher zstr bergen vor allem Leid und Weh der Erde- Süßer, sanfter Friede, ein Schimmer der Verklärung leuchtete aus der holdeu Unschuld bleichem Gesichtchen wieder- Die Schmerzen, die Angst und Todesnot, die es vorhin verzehrt und entstellt hatten weit waren sie entflohen, Und an ihre Stelle ihr liebliches Lächeln getreten-

Es übte auf Clarita eine tiefe Wirkung; der Anblick sprach zu ihrer Seele. Sie sank neben ihrem toten Liebling Nieder und ein heißer Thränenstrom entquoll ihren Augen. Ihr Stolz brach; ihr leidenschaftlicher Schmerz ergab sichst sie konnte weinen, und sie weinte aus Herzensgrund-

So fand sie Dominica. Selber die Augen voll Thränen, stand die bescheidene Coutadina zurück, doch als endlich der Herrin Blick dankend für die bewiesene Liebe, dem ihrigen begegnete, da meinte sie tröstend: Nun habe die Exzellenza ein Engelein im Himmel, das für sie vor Gottes Thron bete! . > - .

Das einfache Wort aus dem schlichten, fromm gläubigen Herzen zündete. Clarita nickte sinnend, als müsse sie erst ihre Gedanken zurückrufen und sammeln, ehe sie sanft er­widerte:Sie haben Recht, Dominica, an unserm unschul­digen Kinde werden wir einen Fürbitter haben, mein Gatte und ich."Die kleine Dolores wird für ihren Papa beten und für mich um Barmherzigkeit flehen!" ergänzte sie unhörbar mit brechender Stimme.

Dann sprach sie nicht mehr, aber lange noch kniete sie neben der kleinen Verstorbenen und betete, betete um Licht und Kraft. Was sie während der letzten Jahre vergessen, lernte sie in dieser Stunde des tiefsten Schmerzes, da sie ihr Herz der Gnade nicht verschloß, aufs neue erfassen und erkennen, daß sie ohne Gott nicht leben könne-

Entschuldige, mein Herr!" hörte Dominica öfter leise in heißer Reue ihre Herrin klagen- Sie verstand die! spanischen Worte nicht, aber sie fühlte ahnungsvoll, was! die Seele ihrer Signora bewege, und betete mitleidig mit für die Arme, die in heißem Kampfe mit sich selber rang.;

Allgemach mußte daraus ein fester Entschluß erwachsen sein, Clarita mochte die gesuchte Klarheit gesunden, sich über den Weg entschieden haben, den sie gehen wollte- Und mit der einmal gefaßten Willensrichtung kam ihre fl'ühere Entschiedenheit zurück- Bald weinte sie nicht mehr, doch auch ihre stumme Verzweiflung kehrte nicht wieder, ebenso wenig die stolze Abweisung jeder fremden Teilnahme- Bis! zu einem gewissen Grade nahm sie solche dankbar an, darüber! hinaus blieb sie freilich unnahbar-

Sobald die kleine Dolores auf dem stillen Dorfkirch^ Hofe gebettet war, erklärte Clarita der Dienerschaft ihre Absicht, sie zu entlassen, da sie selber zu ihrem Gatten! abreisen müsse, bett die Verhältnisse verhinderten, sie ab-, zuholen. Sie ordnete alles mit sicherer, freigebiger Hand. An Geld mangelte es ihr ersichtlich nicht. Dem Patrone Nicolo bezahlte sie die Miete noch für den ganzen! Sommer; Dominica erhielt reichlich Reisegeld zur Rück­kehr ins Mailändische, und auch Bianca, wie der flinke Franzisco kamen nicht zu kurz. Die Signora war gut gegen alle. Gut, schön und traurig erschien sie allen, und! alle schauten ihr teilnehmend nach, als sie am Borabende ihrer Abreise zum letztenmale nach dem Kirchlein hinaufl wanderte, in dessen Schatten das kleine Grab lag. Die Stätte bezeichnete ein weißes Marmorkreuz. Darauf stand in goldenen Buchstaben: Clarita Dolores. Sinnend las! die Frau vor dem grünen Hügel weilend, jene zwei Worte ihre zwei eigenen Namen, als wenn sie dort begraben! läge. Bei dem Gedanken lächelte sie schwermütig gewiß, sie kam sich selber vor, als sei sie gestorben mit all'' ihrem Jugendglück, und stehe nun als eine andere einer fremden, ungekannten Welt gegenüber, mit der sie ringen und kämpfen müsse, um ihr Recht, um ihren Alexis! Rasch wandte Clarita sich ab von dem grünen Hügel, da siel ihr umflorter Blick auf einen schlichten Leichenstein mit der ergreifenden Inschrift:La debolezza umana plange, sorride l'immortale speranza!"*)Ja sagte die kummer­volle Frau zu sich selbst, indem sie scheidend zum letzten f Male das kleine Grab grüßte, ja, ich will sie festhalten, die unsterbliche Hoffnung!"

Andern Tages war die kleine Idylle unten itt dem Wiesenthal verlassen, Patrone Nikolo hatte sein Häuschen wieder zu freier Verfügung. Ausgeflogen, fortgezogen waren die beiden letzten Gäste Signora Clarita und! Bianca. Franzesco hatte sie bis zum Lago gefahren; wo die Exzellenza ihre treue Dienerin entließ, und selber über den See weiter flchr. Damit aber war sie dem engen Menschenkreis, unter dem sie fast ein ganzes Jahr gelebt, aus den Augen entrückt. Sie war wie verschwunden, und! galt bald für verschollen.

Niemand hörte mehr etwas von ihr, mit der Zeit verblaßte selbst die Erinnerung an sie. Nur anfangs hatten wohl noch die Arbeiter, wenn sie von ihrem Tage-, werk heimkehrend, den Weg entlang schritten, wo sie häufig der armen Fremden begegnet waren, von ihr ge­plaudert, wobei einer gemeint:Sie war doch die herr-t lichste Dame der Welt, Deine schöne Prinzipessa, nicht wahr, Franzesco?"

Gewiß", bestätigte jenersie war sehr gütig gegen uns, sie hat Bianca so reich ausgestattet, daß wir im Herbst Hochzeit halten können,"'

*) Die menschliche Schwäche klagt/ derweil die. un-' sterbliche Hoffnung lächelt, v ;J I