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war ein unbewölkter, milder Abend', der Mond schien und nach dem Essen hatte Ottilie noch! Lust zu einer Strand- Promenade.

Ich bleibe bei Ihnen", sagte Bell zu dem Geheimrat.

Es war vergeblich/sie zu bewegen, sich der Promenade anzuschließcn. Sie hatte, als Herwarth plötzlich wieder vor ihnen stand, von neuem das ungewöhnliche Klopfen ihres Herzens verspürt. Sie wollte sich von seiner Gegenwart nach Möglichkeit befreien.

Ottilie und Herwarth gingen allein.

(Fortsetzung folgt.)

Geschmacksrichtung.

Humoristische Skizze von T h e s i B o h r n.

(Nachdruck verboten.)

Köllig außer Fassung brachten sie ihn seine sechs Cousinen nämlich völlig aus der Fassung! Das spielte und sang, hüpfte und sprang, malte und zeichnete, dichtete und deklamierte, fiedelte und meißelte, politisierte, rezen­sierte, modisierte, balgte und zankte sich schjauderhaft! 's war zum Haarausraufen! Und da heraus sollte er sich seine Frau holen! Doppelt schauderhaft!!Felix", hatte sein Pater gesagt,Du brauchst eine Frau, ein Kaufmann muß eine Frau haben, drum geh', und such' dir eine."

Sixt", hatte seine Mutter gesagt,Du mußt heiraten, das Junggesellenleben paßt nicht für einen Kaufmann. Nimm Dir bod) eine von den Kvontorffs, sind durchwegs schöne, feine Mädchen nnd mein Bruder ist gewiß froh, eine von seinen sechsen au den Mann zu bringen. Und weißt Du, jetzt ist die günstigste Zeit dazu, die Familie ist bereits in der Sommerfrische, besuche sie auf einige Wochen, amüsiere Dich mit ihnen und triff dann Deine Wahl 's ist doch nicht so schwer, sich in ein hübsches Mädel zu verlieben."

Ja, schwer war's allerdings nicht, das.Verlieben näm­lich, aber h--.

Uebrigens hatten seine Eltern recht, er brauchte un­bedingt eine Frau, also heißt's, einen Anlauf nehmen! Ter Koffer,war bald gepackt, eine Depesche hin, eine zurück, dann die zweistündige Fahrt im Schnellzug, ein halbes Stündchen in Onkels Wagen imb fest sah er in ber Billa Krontorff. In einer Billa? nein, in eiitent Bienenhaus, in dem er ben ganzen Tag umsummt unb gestochen wurde.

Mein lieber Junge", sagte Onkel Krontorsf,freut mich, baß Tu endlich einmal zu uns gekommen bist, amüsiere Dich so gut es geht; wir haben hier eine brillante Schießstätte, eine gute Kegelbahn, guten Wein, gute Zi­garren; mein Reitpferd und mein Fahrrad stehen Dir zur Verfügung, voila! Du brauchst nur zu wählen."

Mein lieber Junge", sagte Tante Krontorsf,ich weist Tu wirst T-ich nicht langweilen, denn wo in einem Hause sechs junge Mädchen sich tummeln, ist das ausgeschlossen, umsomehr, da jede von ihnen eine andere Geschmacks- xichtung verfolgt. Also, laß Tir's gut gehen und mach', als ob Tu zu Hause wärst."

Felix verstand anfänglich nicht, was Tante mit dem Verfolgen der Geschmacksrichtungen" meinte, aber es sollte ihm bald furchtbar klar werden. Anfänglich gefiel's ihm sehr in der Villa Krontorff, das weibliche Element war hier vorherrschend und durchwegs hübsche ja schön, von der Hausfrau angefangen, bis herab zu der überaus niedlichen Köchin und dem koketten Stubenmädchen; er hatte noch nie in einem Hause so viele schöne Frauen beisammen gesehen, und die sechs Töchter ja, diese Töchter!!

Mini, die älteste, spielte Klavier und machte nebenbei ein wenig inMedizin". Lini geigte und studierte unter der Hand ein bischen Rechtsschutz; Fini sang und machte chemische Versuche; Mali malte und trieb dabei mit Eifer Kunstgeschichte; Dalli bildhauerte und bildete sich in den orientalischen Sprachen aus, und Vali dichtete und verfolgte landwirtschaftliche Ziele. Einige Stunden vor- und einige Stunden nachmittags war's ziemlich still im Bienenhause, denn bte Bienen waren an ber Arbeit und wollten nicht gestört sein, man war ihnen überall im Wege.Ach, bitte, Felix, später, später,, ich muß nur rasch noch ein Stündchen Skalen üben".Höre, Vetter, stelle Dich gefälligst dort hinüber. Du genierst mich da, denn Dein Schatten fällt mir auf die Leinwand und das kann sch nicht brauchen." Lieber Felix, guck mir nur nicht zu, da greife ich' immer

daneben und da giebts falsche Töne, und' krach, siehst Tu, jetzt ist wieder eine Saite kaput gegangen; ich bin so ungeschickt, wenn mir wer zusieht."Bitte, störe mich nicht, Lixi, ich muh noch rasch drei Strophen dazu dichten, hernach will ich Dir Red' und Antwort stehen." Ja, man störte nur und war im Wege. Wer bei den Spaziergängen zwischen Licht und Dunkel, beim Kegeln und Tennisspiel und bei den gemeinsamen Mahlzeiten, da schwirrte und summte und brummte es zum Närrischwerden, und die Luft war erfüllt und die Sonne förmlich verdunkelt von Notenblättern, Pinseln, Federn, silberübersponnenen G- Saiten, nux vomica, strofantus, Heinrich IV. und Papst Pius IX., von Cadenzen, Andante, allegro-moderatv, Re­torten, Reibschalen, Spinat und Magermilcht licht und dunkel Ocker, ultramarin und Schweinfurtergrün, Hexametern, Jamben, Rembrand und Dürer, von Drehscheiben und Per­gamentstürzen, Plaidoyers, Apfelmost und Leberwürsten, von Cadenzen und Tremolo und so fort; und:Felix, weißt Tu", undFelix, meinst Tu?" undLixi, dies", undLixi das!" Und Lixi sagte ja und nein, und ich glaube, ich ver­mute, es kann sein, es ist richtig, es ist wichtig, und so weiter.

Und wenn Papa mit einer Frage dazwischen fuhr:Wie findest Tu den Lendenbraten, Junge?"

Großartig, lieber Onkel!"

Und was sagst Tu zu dieser Sülze und den Erdbeer­törtchen ?"

Einfach unübertrefflich, Onkel!"

Ja, ja, ja, mein Junge, großartig, unübertrefflich! Ha, ha, ha! Ich sage Dir, ist die einzig richtige Geschmacks­richtung !"

Papa, Du bist profan, und Lixi wird's unter Deiner Leitung."

Ja, die einzig richtige, die einzig wahre Geschmacks­richtung, Kinder! Die einzig lohnende Geschmacks^ richtung!"

ltob; iFelix hielt sich erst den Kopf mit Leiden Händen und drückte ihn nachts tief in die Kissen hinein und träumte allerlei wirres Zeug von dem, was die Luft erfüllte und die Sonne verdunkelte in der Villa Krontorsf. Wenn nur die Mädels nicht alle so verteufelt hübsch wären, längst schon wäre er mit einem Sprung über den Gartenzaun dem Bienenhause entlaufen, so aber wurde er immer wieder festgehalten, denn er war doch auch nur ein Mann aus Fleisch Und Blut und hatte ein Herz, das im Dreiviertel- Takt zu schlagen verstand, und das sich heute Fini und morgen Mali zuneigte und übermorgen von Lini aufge­fangen wurde, um an Bali weiter befördert zu werden. Wahrhaftig, die Mädels spielten Fangball mit seinem Herzen, und mehr als einmal war es dabei in Brand ge­raten; der Brand wurde aber immer wieder gelöscht mit einem eiskalten Sturzbad, gleichviel, ob das' Bad aus einer Retorte oder einer Reibschale kam, aus einem Geigen- oder Farbenkasten, es kam unfehlbar und versetzte Felix in einen Fieberzustand, es war ihin abwechselnd heiß und kalt, er schwitzte und fror, und bekam Wallungen und Zähneklappern und gelangte endlich zu der Ueberzeugung, daß kein Sterb­licher einen solchen Zustand lange auszuhalten vermag. Er sah förmlich schlecht aus und nur Tantes exquisite Küche rettete ihn vor gänzlichem Verfall. Alle Vorsicht, alle List und Diplomatie half nichts, das Fieber packte ihn immer wieder, und dann tanzten die blitzenden Schelmenaugeu,' die weißen Zähnchen, die goldig schimmernden Haare, die niedlichen Füßchen in den zierlichen Saffianschühlein einen tollen Reigen mit all den Attributen der Kunst und Wissen­schaft zusammen.

Felix sah endlich ein, daß ein Entschluß gefaßt werden müsse, um jeden Preis. Seine Zeit war abgelaufen, er mußte wieder heim, es galt daher handeln. Und eines schönen Tages lächelte er selbstzufrieden vor sich hin und strich sich liebkosend den Schnurrbart, wie nach einem ge­habten Genüsse. Onkel ertappte ihn dabei:Na, mein Junge, was schmatzest Du so? Du schwelgst wohl noch in Rückerinnerung an das heutige Menu war's nicht großartig?"

Großartig, Onkel, wie immer."

Die zarten Hähnchen mit den grünen Erbsen, was?" Wunderbar, Onkel!"

Und die Hachees in der pikanten Sauce, wie?" Unübertrefflich!"«