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der „gnädigen Frau" und des „gnädigen Fräuleins" ganz untröstlich war.
Oft machten Ottilie und Herwarth' ihre Spaziergänge und Ausflüge auch miteinander allein^ und Bell blieb bei dem Geheimrat zurück, um ihm vorzulesen. Erst wollte der Geheimrat ein solches Opfer, wie er es nannte, nicht annehmen. Wer Bell wußte ihn zu überzeugen, daß es gar kein Opfer von ihr tvar, denn sie las selber leidenschaftlich gern — nicht Romane und Unterhaltungsbücher, sondern Werke. der Wissenschaft. Sie hatte zwei Jahre lang in Boston die Universität besucht und namentlich ein starkes Interesse für die moderne Philosophie gefaßt. Was sie jetzt las und in ihrem kleinen Koffer mitgebracht hatte, waren die Studien der Soziologie von Spencer. Auch für den Geheimrat war es ein Lieblingsbuch geworden. Beider Gefühl hatte sie nicht betrogen, sie waren sehr gute Freunde geworden.
„Ich glaube, Miß Bell", sagte eines Nachmittags mit Behagen der Geheimrat zu ihr, als sie wieder zusammen allern in seinem Zelte saßen und in der Lektüre eine Pause machten — „die Natur hat an Ihnen etwas versehen. Sie hätten als Mann geboren werden müssen."
„Das ist wahr", erwiderte Bell ernst, als hätte sie sich das schon selbst gesagt.
. „Nun legen Sie das Buch einmal hin und erzählen Sre mir von sich. Sind Sie jetzt glücklich?"
„Ich wünschte", sagte sie, „es könnte immer, ewig so bleiben, wie jetzt."
„Haben Sie keine Sehnsucht nach Ihrer Heimat? Nach Menschen, die Sie dort zurückgelassen haben?"
Sie schüttelte den Kopf — plötzlich hielt sie inne.
„Nach Einem vielleicht, ja."
„Wer ist das?"
„Ein Vetter von mir. Fred Nennet. Wir waren in Unserer Kindheit Spielkameraden. Von ihm weiß ich, daß er es gut und treu mit mir meint. Er liebt mich, und er würde mich auch lieben, wenn ich arm wäre. Mein Reichtum krankt ihn vielleicht noch mehr als mich selbst."
„Das heißt, er hat Sie heiraten wollen?"
„Ja.
„Wenn Sie von seiner aufrichtigen Liebe überzeugt sind — warum nehmen Sie ihn nicht?"
,, „Weil ich nur seine Freundin sein kann, weil ich ihn nicht wieder liebe." z
„Haben Sie schon einmal einen Mann geliebt?" „Nein".
„Dann wird die Stunde auch für Sie kommen, Miß Bell, wie sie in dem Leben jedes Weibes kommt."
„Niemals wird sie kommen", erwiderte sie mit fester, fast harter Stimme, „niemals!"
Er merkte, daß ihr das Gespräch unangenehm wurde. . „Wenn es Ihnen recht ist. Miß Bell, dann fahren wir rn der Lektüre fort."
Und Bell las weiter. Nach einer Weile brach sie ab Sie sah, daß Angern eingeschlafen war. Das geschah öfters mrt ihm. Tie Seeluft bekam dem Kranken eigentlich nicht. Sre machte ihn matt und müde.
Bell ließ das Buch in ihren Schoß sinken und sah hmaus auf den buntbelebten Strand und das dunkle ruhige Meer.
. Wie eine. ungeheure Wüste lag es vor ihr da. Kein ernziges Segel war auf ihm zu sehen. Die starke Brandung machte das Anlegen nrcht nur von großen Schiffen, sondern auch von kleinen Booten hier am Strande unmöglich. Nur an fast ganz windstillen Tagen kamen von Munkinarsch, der Spitze der Insel, die Schiffer mit ihren Booten her. So lag das Eiland da wie von der Welt abgeschlossen.
Sie war mit sich ällein.
„Dann wird die Stunde noch für Sie kommen, wie sre rn dem Leben jedes Weibes kommt", tönte es in ihr nach. '•
Es war, als raunte ihr diese Worte jemand von Neuem rn's Ohr.
Es war ein Mann, an den sie dabei denken mußte.
Wenn ihr sonst die Männer nahten, so legten sie sich rhr samt ihren Huldigungen zu Füßen. Er aber blieb aufrecht vor ihr stehen — aufrecht, kühl und stolz. Ev beachtete sie kaum. Ottilie hätte ihn geliebt. Vielleicht, ohne daß sie es wußte, liebte sie ihn noch... ^^„Er behandelte sie mit Höflichkeit. Wer in seiner Höflichkeit lag Hochmut, den Hochmut auf seine Rasse
I — M, der Armen, der Plebejerin gegenüber. Und doch mußte sie sich gestehen, daß ihm dieser Hochmut gut zu I Gesicht stand.
Wenn er wüßte, wer sie war - und sie lächelte bctter. Vielleicht wurde er seinen HochUmt dann bei Seite setzen. Vielleicht würde er dann werden wie die andern
Ottilie hatte ihr feierlich Schweigen zugeschworen — und so war es gut. Niemals sollte er über sie die Wahrheit erfahren. ■ ’
Oben in dem nahen Musikpavillon begann jetzt das Nachmittagskonzert, und die Klänge störten sie aus ihrem Sinnen auf. Sie versenkte sich wieder in ihr Buch.
Eine Viertelstunde später kamen Ottilie und HerwarthI von ihrem Spaziergang zurück. Sie waren in einem nahen Dorf gewesen, wo es ein berühmtes Hünengrab zu sehen gab und der Rückweg führte sie an ihrem Hanse vorbei.
„Ich könnte wohl gleich mal nachsehen", sagte Herwartch „ob die Post und die Zeitungen schon da sind."
Die Post kam des Tages zweimal, am Morgen und am Nachmittag.
Herwarth ging in das Haus hinein und Ottilie blieb vor der Gartenthüre wartend stehen.
Es fiel ihr auf, wie lange er blieb.
Endlich kam er.
„Was gießt es?" rief sie ihm bei seinem Anblick betroffen entgegen.
Er. sah sehr blaß aus.
„Nichts von Bedeutung", erwiderte er in so ruhigem Ton, daß Ottilie sich wieder besänftigen konnte — „etwas Dienstliches. Ich muß noch heute nach Berlin zurück."
Ottilie erschrak.
„Du willst uns verlassen?"
„Ja, in ein paar Tagen bin ich wieder hier."
Derartige Ordres waren in seinem Amte nichts Ungewöhnliches. Auch Ottilie war damit genügend vertraut. Aber unangenehm blieb ihr die Störung deshalb doch.' „Dienst ist Dienst", sagte der Geheimrat, als er die Ncich- rrcht erfuhr. Im Stillen fiel ihm allerdings auf, daß Her- Warth, wie es sonst seine Gewohnheit war, ihm nichts Näheres über dieses Dieustgeschäst sagte, aber eben deshalb fragte er auch nicht darnach. Am späten Abend reiste Herwarty, um in Hamburg noch den Berliner Frühzug zu erreichen, ab.
„Wenn er blos schon wieder hier wäre", sagte am nächsten Tage Ottilie, als sie mit Bell wieder zusammen zuur Baden ging, „findest Du nicht?"
Mit einer plötzlichen Kopfbewegung sah sie Bell an und Bell errötete.
„Du sagst ja nichts", lachte Ottilie, „und rot bist
Du geworden. Am Ende hast Du Dich in ihn verliebt/i
Sie sagte es scherzend, aber Bell fühlte bei ihrew
Worten eine heiße Blutwelle nach ihrem Herzen strömen.
„Laß das!" sagte sie kurz und abweisend, und in so ruhigem Tone, als cs ihr möglich war.
Aber Ottilie klagte von neuem. Sie fand das Leben hier ohne Herwarth langweilig. Nun saß man, wenn man vom Baden kam, den ganzen Tag im Zelt. Herr Westheimi war doch nur ein sehr fragwürdiger Ersatz. Amüsant an I ihm war nur, wie er sich gegen Bell benahm. Er hatte sich ihretwegen, nachdem er ihren Namen in der Kurliste gelesen, direkt an den Geheimrat gewandt.
„Cookson? Cookson aus Newhork? Den Namen, Herr Geheimrat, kenn' ich doch von der Börse her. Cookson hieß der große Salpeterkönig. Ist das amerikanische Fräulein mit dem verwandt?"
Der Geheimrat hatte Herrn Westheim darüber beruhigt^ „Schade", meinte er. Eine Verwandte des Sal- petermillionärs wäre für ihn eine angenehme Partie gewesen. Seitdem war Bell vor seinen Huldigungen gesichert.
Bell ertappte sich dabei, daß sie öfter an den Abwesenden dachte, als zum Beispiel au Fred. Aber warum erinnerte sie auch Ottilie unaufhörlich an ihn. Vier Tage war er nun schon fort, kein Brief und kein Telegramm war vou ihm gekommen, und Ottilie fing bereits an, unruhig zu werden. Endlich am fünften Tage langte eine Depesche an, die seine Ankunft anzeigte, und am späten Nachmittage traf er selber ein. „Bist Du krank? Du siehst leidend aus?" sagte Ottilie gleich nach der Begrüßung zu ihm. Bell fand, daß Ottilie mit ihrer Besorgnis Recht hatte. Aper Herwarth erklärte, nur eine strapaziöse Reise gehabt zu haben. Das Dienstgeschäft war erledigt. EI,


