(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Sie waren alle Genußmenschen, die ohne Mühe und Anstrengung nur die ideale, ästhetische Seite des Lebens genießen wollten, und mit Geringschätzung auf diejenigen yerabbltckten, denen der Staub der Arbeit anhastete. Und sie waren unfähig gewesen, den Geist der Zeit zu verstehen. Sie hatten ihre Kniee gebeugt vor den Götzen einer überlebten Vergangenheit, und mit Schauder erkennt sie, daß so vieles, was ihr heilig und ewig wahr schien, nur Karri- katur der Wahrheit gewesen.
Giebt es noch eine Rettung?
Jener Mann, den sie mißachtet, hatte sie retten wollen, er hatte erkannt, auf welch schwankendem Boden ihre Existenz begründet war. Großmütig hatte er seine Hilfe geboten, und im Vollgefühl der eigenen Kraft sich nicht gefürchtet, sich mit der Unfähigkeit und Schwachheit zu verbinden. Wie schnöde war ihm gelohnt, und als er zum zweiten Male helfen wollte, und ihr warnend die Wahrheit sagte, hatte sie ihn nur halb verstanden, und gar nicht auf ihn geachtet. Mit dem alten, haltlosen Hochmut war sie ihm begegnet. Und nun mußte sie mit ihrer ganzen moralischen und materiellen Niederlage als Bettlerin zu ihm kommen, an der sich seine Worte buchstäblich erfüllt hatten!
Traute stöhnte leise, und ganz in diese qualvollen Gedanken versunken, achtete sie nicht auf ein leises Knicken und Brechen von Zweigen im Gebüsch, auf einen vorsichtig nahenden Schritt. Erst als sie zwei Arme von innig umfingen, und eine zärtliche Männerstimme flüsterte: „Endlich ! — Geliebte!" schrak sie entsetzt empor. Mit einem Sprung war sie auf den Füßen, und starrt« ven Fremden sprachlos an, der ihr ebenso entgeistert und erblassend vor Schreck einen Moment in die Augen sah. Darauf stammelte er einige unzusammenhängende Worte der Entschuldigung, und den Hut lüftend, verschwand er, woher er gekommen, im Gesträuch.
Traute hatte auf den ersten Mick den Kavalier in ihm erkannt, einen noch jungen Mann mit auffallend hübschen Zügen, denen jedoch schwere Schicksale oder Leiden- Ichaften bereits ihren Stempel aufgedrückt hatten. Er
Mittwoch den 9. Juli.
* J
ann man die Segel schießen (affin, Sa ist das Ruder leicht zu fassen;
Doch wenn die Not tritt an den Mann, Da sieht man erst, wer steuern kann.
Heinrich JLde.
trug das einfache, leichte Zivil des Landjunkers. Jeden«! falls hatte er eine andere an diesem Platz zu finden erwartet, Traute blickte sich scheu um, und da sie wenig Lust zu einer zweiten Begegnung empfand, und der Abend indessen weit vorgerückt war, ging sie auf den entlegensten Wegen in das Dorf. Sie stand lange an der hölzernen Gitterthür des Graumann'schen Hofes, und sah ihrem alten Freund, den: früheren Diener ihres Vaters, zu, der vor der Küchenthür Holz spaltete, ehe sie sich entschließen konnte^, ihn zu begrüßen.
Der Keine Hof .mit seinen hölzernen Ställen, dem alten Brunnen, der Hundehütte, und dem großen Wallnutzbaum war das Bild tiefen Friedens unter dem hlaßblauen Karen Abendhimmel mit der schmalen Mondsichel. Zuweilen ein leises, traumhaftes Gacker»» von Hühnern, das Grunzen eines Schweines aus den niedrigen Ställen und von fern, auf der Torfstraße, sangen Burschen und Mädchen zweistimmig ein Volkslied.
Jetzt trat Frau Graumann unter die Küchenthür, und mit ihr erschien Bello, der vor Alter schon blind auf einem Auge war, aber er hatte Traute sofort erkannt^ und sprang mit rasendem Gebell auf sie zu.
Tas gab ein Wundern und Stchfteuen, als man nun des späten Gastes gewahr wurde. Aber als die beiden alten Leute sahen, wie schwer ihrem Liebling das Sprechen wurde, und wie die Thränen Trauten in der Kehle saßen, fragten sie wenig und erzählten viel.
„Also Herrn Lehmigke wollen Fräulein Trautchen sprechen?" nickte Graumann gedankenvoll, „das paßt sich schlecht, der ist auf ein paar Tage verreist."
Traute erschrak heftig. „Auf ein paar Tage? — Aber ich muß ihn sprechen!"
„Nun, dann bleiben Fräuleinchen bei uns bis er wieder- kommt!" fiel Frau Graumann lebhaft ein. „Wenn Fräulein Trautchen nun doch einmal nicht im Schlosse wohnen will, so soll es hier auch an nichts fehlen. Ich weiß jaf wie Fräuleinchen es gewöhnt sind, werde alles zum Besten machen."
Tie alte Frau verschwand eilfertig, um ihre Worte wahrzumachen, und ihre beste Stube für Traute aÄ Schlafgemach herzurichten. Und diese beste Stube konnte sich sehen lassen; denn Frau Graumann war keine gewöhnliche Frau. Sie hatte Jahrzehnte hindurch in vornehmen Häusern als Kammerjungfer gedient und wußte, was sich gehört.
Das Stübchen war nett und geschmackvoll mit Polster^ möbeln, Blumen, Bildern, und tausend zierlichen Kleinigkeiten geschmückt, mit weißen Gardinen und Teppichen, meistens Geschenke aus Frau Graumanns Dienstzeit, und für den lieben Gast wurde ein blütenwetßes Bett mit dem besten und feinsten Leinen aus des Hauses Wäscheschrank hergerichtet, sodaß Traute ein Gefühl von Behagen und' tiefer Rührung Überkam, als sie den traulichen Raum betrag um sich endlich, nachdem sie noch lange mit Qhw


