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„Viktoria! Endlich haben wir unser Ziel erreicht! Professor Bröns hat mir heute versprochen, daß er Montag abend um acht Uhr kommen wolle — Fräulein Strange erscheint auch — und Kapitän Ranch. Du lieber Gott, welch einen Staub der Kampf aufwirbeln wird!"
Er rih die Brille ab und rieb sie mit dem Taschentuche, während er weiter redete und den blinzelnden Blick von dem einen zum andern schweifen ließ.
Böje war in großer Spannung, und Helene mußte versprechen, der Versammlung beizuwohnen, obgleich sie eigentlich keine Neigung dazu verspürte.
Nach längerem Disput war mittlerweile die Dämmerung hereingebrochen, und Rudolf und Böje gingen.
Helene stand lange int Schlafzimmer und dachte an die Unruhe der Gegenwart, die durch alle Risse und Spalten in ihre Zimmer drang und oft häßliche Mißlaute in die gemütliche Stimmung brachte.
Hin und wieder drang das Gerassel eines Wagens von der Straße herauf. Sonst war alles still-
Während sie dastand und ihren kleinen Sohn betrachtete, der in der Wiege lag und schlief, glitten ihre Gedanken in weichen Uebergäugen ans Gebiete, wo die geheimen Erinnerungen des Herzens in buntem Durcheinander hervorquollen.
Der Kleine erwachte. Sie nahm ihn auf und legte ihn an die Brust und sah mit geriihrtem Liebesblick aus sein schweißtriefendes kleines Gesicht herab.
Dann legte sie ihn wieder in die Wiege und deckte ihn sorgfältig zu.
Aufs neue kämen die Gedanken von allen Seiten auf sie hereingestürmt und nahmen ihren Sinn gefangen, wäh- rend sie mit gekreuzten Armen dastand und vor sich niederschaute. Die Eindrücke wogten und glitten ineinander über, wie die wechselnden Farben einer Seifenblase.
Schließlich aber legte sich eine undurchdringliche Finsternis über ihre Sinne und ließ alle Gedanken in eine graue, tote Masse verschwimmen. Mit einem klagenden Seufzer warf sie sich über den Puff: „Ach, — Thomas!"
Der große, hell erleuchtete Bersammlungssaal nahm sich prächtig aus mit seinen goldenen Säulen, die von geschnörkelten Broncearmen mit weißen Lampenkuppeln um- kränzt waren, mit seinen zierlichen Stuckrosetten und Friesen, und seinen bunten Wandmalereien, auf denen wilde Tiere umhersprangen und Palmen zum Himmel aufragten.
Allmählich füllte sich der Raum mit einer sehr gemischten Menge; im ganzen wohl an zweihundert Menschen.
In demselben Augenblick, als die Glocke des Vorsitzenden ihre ersten Töne über die Anwesenden aussandte, wandten sich sämtliche vierhundert Augen der Erhöhung zu, wo die Direktion — darunter Rudolf und einige Damen — Platz genommen hatte. Helene, die den kleinen Herrn im Grunde sehr gern hatte, saß schon lange da und amüsierte sich, ihn hin und herfahren zu sehen, allen Hindernissen ausweichend, wie eine Quecksilberkugel, die in Bewegung geraten ist, bald mit dem einen im Gespräch, bald einen anderen begrüßend, die Damen auf die Zehen tretend, sich verneigend und lächelnd. Jetzt aber richtete auch sie den Blick auf den Vorsitzenden, der mitteilte, daß zwei Fragen zur Erörterung kommen würden: „Die Ehe und die Religion" und „Die Staatskirche und die Fran", daß diese Fragen jedoch gemeinsam behandelt werden sollten. Professor Böns habe das Wort.
Professor Böns erschien auf der Rednertribüne, die Hand voller Papiere, die Augenbrauen in die Höhe gezogen, gleichsam erstaunt darüber, daß er das Wort habe. Mit fließender Beredtsamkeit entrollte er die Geschichte der Ehe, ging dann zu der Behandlung der verschiedenen Formen der Ehe in der zivilisierten Welt über und wies nach, wie die monogamische Ehe ihrer Zeit dem Kirchengesetz untergeordnet worden sei durch eine Machtanmaßung der herrschsüchtigen Kirchenfürsten.
Sodann wurde er durch eine Rednerin, Fräulein Strange, abgelöst, eine nicht mehr ganz junge Dame, groß, von kühner Haltung, schlank wie eine Wespe, „so dünn, daß sie durchbrechen würde, falls der Oberkörper ein wenig Uebergewicht erhielte", meinte ein lustiger Maurer, der in Böjes und Helenes Nähe saß^
Ihre lange Rede „voller Salzsäure", wie sich der Maurer recht hörbar ausdrückte, machte kein Glück, obwohl
ein paar eifrig klatschende und rufende Herren sich alle erdenkliche Mühe gaben, die Stimmung zu beleben.
Nachdem noch ein Kapitän Ranch das Wort erhalten und zum Entsetzen seiner Frau auch Böje die Rednertribüne betreten hatte, wurde mit der Annahme einer gemeinsamen Petition, die als wünschenswert hervorhob, die Versammlung geschlossen, und mit einem Hoch auf die Direktion brachen die Teilnehmer auf und ergossen sich in einem wogenden warmen Strom in die Kälte der Frühlingsnacht.
Helene, die mit Wohlbehagen fühlte, wie der kühle Hauch des Windes über ihre glühenden Wangen fuhr, atmete tief auf und stellte sich an einen Baum, um Böje zu erwarten.
Wie wohl Frau Eck und der kleine Svend daheim miteinander fertig würden? Sie bereute, daß sie von denk Kleinen gegangen war.
„Ihr Mann ist Ihnen wohl abhanden gekommen?"« Es war ein kleiner, blasser Student der Medizin, der entfernt mit Böje verwandt war und der zuweilen zu ihnen kam. —
„Ja, ich weiß nicht, wo er geblieben sein kann", erwiderte sie, sich umsehend.
„Er wird fürs erste wohl kaum kommen, er sitzt mit Herrn Rudolf bei einem Glase Bier."
Der Student erbot sich, sie nach Hause zu begleiten^ aber sie wollte doch noch ein wenig warten.
Endlich kam Böje.
„Na", sagte er mit einer etwas unsicheren Freude, „nun bin ich doch auch einmal auf den Brettern gewesen."
Sie schwieg, und als im selben Augenblick ein Schwarm von Freunden herangestürzt kam, wurde er von ihr fort- gerissen.
So trat sie denn mit dem Studenten den Heimweg an.
Als Böje spät in der Nacht heimkehrte, füllte er das kleine Schlafzimmer mit einem warmen Rumduft und versetzte den Stühlen und dem Waschtisch einige ganz unverdiente Züchtigungen mit seinen Knöcheln und Stiefelspitzen, war aber doch noch klar genug, um zu Bette zu finden, ohne Licht anzuzünden. Helene sagte kein Wort-
Erst am nächsten Mittag, als die Suppe auf dem Tische dampfte und die beiden Eheleute neben einander Platz genommen hatten, Helene mit dem Kleinen auf dem Schoß, hatte man Gelegenheit, über die Ereignisse des gestrigen Tages zu sprechen.
„Nun, was sagst Du denn zu der Versamnilung?" fragte Böje, aus seinen Teller herabblickend.
Am liebsten hätte er die Versammlung Versammlung sein lassen, da er sehr wohl wußte, daß sie ein unangenehmes Nachspiel haben würde; aber es wäre feige gewesen, hätte er den: aus dem Wege gehen wollen.
„Ich fragte, wie Dir die Versammlung gefallen habe", wiederholte er, als sie ihm das erstemal nicht antwortete.
„Mir hat das Ganze durchaus nicht gefallen!"
„Nicht?"
Sie schwieg einen Augenblick und verabfolgte den Händen des Kleinen, die nach Gabel und Teller griffen, eine kleine Züchtigung.
„Ich weiß gar nicht, wie es zugeht", sagte sie, „aber ich finde, wir entfernen uns mehr und mehr von alle dem, worin wir erzogen sind."
„Möchtest Du denn, daß wir in den Kleidern unserer Großeltern umherzögen?"
„Nein, das nicht, aber ich möchte wohl, daß unsere Zeit ein wenig von der Ehrfurcht unserer Großeltern für den guten Ton besäße. Es ist ein häßlicher Geist, der bei unseren Versammlungen das Wort führt, es waren auch häßliche Worte, die Du über die Geistlichen sagtest."
„War es etwa eine Lüge?"
„Ja, bleib nur ruhig, Hans; sonst kann ich überhaupt nicht mit Dir sprechen." (Abermals ein leichter Schlag aus die kleinen Finger." „Du sollst die Gabel liegen lassen, hörst Du?"
„Ich fragte, ob es eine Lüge sei oder — eine Unwahrheit, wenn Dir das besser paßt."
„Du weißt sehr wohl, daß ich auch nicht für diese prahlenden Orden in der Kirche bin; aber man soll seinem Unwillen über dergleichen Dinge nicht Ausdruck in bitteren Worten verleihen, die an eine Schar von Menschen gerichtet sind, die sie gegen das Christentum selbst auslegen.^
„Mögen sie sie auslegen, wie sie wollen. Man darf


