206 —
sprossiger Junge mit einem sprossenden Flaum über der Oberlippe, kerngesund und lebenslustig, ein richtiger Spaßmacher dabei, aber weich und gutmütig. Sie fand es so amüsant, daß er ihr. Vetter war; er war weit liebenswürdiger als ihr Bruder, der immer so mürrisch war, wenn er sich zu Hause aufhielt. Sie wurde ihm gegenüber immer kühner, zupfte ihn an den gelblichroteu Bartstoppeln, umspannte seine Kehle mit beiden Händen und schüttelte ihn; konnte nicht ohne ihn fertig werden.
Etwas an ihm vermochte sie aber nicht zu fassen: er priemte — nicht Lakritzen, sondern richtigen Tabak, „Augustinus 9h1. 2." Mit gespreizten Beinen vor sich hinsehend, in einer eigenen, versunkenen Ruhe konnte er wie ein alter Seemann dastehen, die Blechdose aus der Tasche holen und ein Cmde von dem fetten, schwarzen Wurm abbeißen, der zusammengerollt darin lag.
„Pfui! Das ist abscheulich!" rief sie dann wohl aus, den Mund verziehend, als habe sie selbst in den Wurm gebissen- Es gelang ihr schließlich, durch Ueberredung und verschiedene Kunstgriffe, ihn zu bewegen, daß er es aufgab. „Dir zuliebe !vill ich es lassen", sagte er und sah sie mit ein Paar Augen an, die sie überzeugen mußten, daß er ihr ein großes Ocher bringe.
„Helene, ich gebe Dir diese Dose, verwahre sie zur Erinnerung an diesen Tag — an den 2. August." Es war übrigens ein sonderbares Ding, der Deckel war mit einem Kopf verziert, der so gemacht war, daß man, ioenn die Dose richtig gehalten wurde, ein lächelndes Antlitz erblickte, von der entgegengesetzten Seite aber hatte man eine abscheuliche Fratze mit herabhängender Unterlippe vor sich. Sie ergötzte sich sehr an diesem Geschenk und bewahrte es seither getreulich.
Im folgenden Sommer durfte Helene ihre Mutter nach Ostholmstruv begleiten, wo sie eine Zeitlang blieben. Dies war eines der großen Ereignisse in ihrer Kindheit, ein Sprung mitten in die Romantik des Lebens hinein.
Wie deutlich erinnerte sie sich der Fahrten, die sie Und Thomas auf eigene .Hand auf der Kjögerbucht unternahmen! Das große offene Meer mit den weißen Schaumkämmen, den Fischerbooten, den Krabbenreusen, den Riesenbergen des Seestrandes mit der feinen Verbrämung von silberweißem Schaum, mit den Sturmvögeln und den schwarzhaubigen Möwen, alles wirkte mit dem frischen Zauber des Ungewohnten und der Poesie auf ihr Gemüt.
Jeden Tag ruderten sie aus die Bucht hinaus. Sie lernte bald die Handhabung des Ruders, und ihre kräftigen Arme, die von Hause her an ein Spannen der Sehnen gewöhnt waren, standen an Ausdauer hinter denen des Vetters bald nicht mehr zurück.
Eines Tages wagten sie sich so weit hinaus, daß sie Stevns Klint auf Möen sehen konnten; die Weiße Felswand, die mächtig über der blauen Meeresfläche emporragtje. und in dem reinen Licht des Sommertages strahlte, erregte ihre Bewunderung in dem Maße, daß sie die Arme sinken ließ und ausrief: „Ach, Thomas, etwas so Schönes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!"
Angespornt durch ihre Bewunderung und erfüllt von dem Gefühl des Stolzes, ihr in feiner Heimat einen so großartigen Anblick bieten zu können, erzählte er in hochfliegenden Worten von der wunderbaren Aussicht, die man von der Felsklippe habe, von den hohen Treppen, den Kalkbrüchen, von der Höhle des Felsenkönigs und der Höje- ruper Kirche. Ihre Phantasie legte ein Zauberglas mit wechselnden Farbentönen über die Bilder und verlieh diesen dadurch eine Hoheit und Schöne, die jedes sehnende Verlangen in ihrem Sinn gefangen nahm.
Dabei beachteten es beide nicht, daß von der Insel her ein Gewitter heranzog und heftige Windstöße über die Bucht sandte; erst als das Wasser in Spritzwelleu gegen die Seiten des Bootes schlug, wurden sie aufmerksam auf das Wetter und griffen zu den Rudern, um heimzukehren. Eine tiefschwarze Wolkenmasse schob sich über das Meer, hin und wieder flammte ein Blitz auf, der die Klippe in einem blendenden, märchenhaften Schimmer hervortreten ließ. Der ganze südliche Teil des Himmels war in wenigen Minuten von schwachblauen Wolken bedeckt, während die Stadt Köge und der dmhinterliegende Wald im Nordwesten in gelblich dämmerndem Sonnenlicht dalagen.
„Da ist die Möwe!" rief Thomas plötzlich aus und zeigte in die Höhe.
„Ja! Diese eine hat sich seit mehreren Jähren hier aufgehalten; jetzt will sie heim!" 7
laugen Schwingenschlägen kämpfte sich der iveiße, schone Vogel durch den Wind in der Richtung der Felswand.
, „In dem Sturm kann sie doch nicht hinüberkommen" meinte sie.
-Du kannst Gift darauf nehmen, die kommt hinüber, sie hat eine eiserne Willenskraft, wenn es darauf ankommt, sieg durchzukämpfen."
Schweigend ruderten sie eine Weile. Thomas war ein wenig unruhig geworden, sie aber bemerkte es nicht, ihr Blick folgte der Möwe, die sich hoch in dem Sonnenschein emporschwang und sich so rein und schön von dem schwarz- blauen Himmel abhob. Ihr Flug war wellenförmig, bald war sie hoch oben, bald schwebte sie ganz unten über der Meeresflache. Zuweilen machte sie eine Schwingung nach der Seite, als wolle sie sich schräge durch die Windwelle kämpfen. Von Zeit zu Zeit warf sie sich gleichsam ermattet aufs Wasser und ließ sich von den Wogen schaukeln, im nächsten Augenblick aber erhob sie sich mit neuer Kraft und kreuzte mit Willensstärken Flügelschlägen durch den Sturm. Endlich entschwand sie ihrem Gesichtskreis und kam nur zum Vorschein, wenn ein Blitz aus den dunklen Wolken aufflammte.
Der Wind drehte sich und nahm zu an Stärke, ein Donnerschlag nach dem andern rollte über das Meer hin.
Als sich Helene nach Thomas umwandte, durch-- schauerte sie eine tätliche Augst: er war bleich wie eine Leiche.
„Wenn wir nur das Land erreichen, Thomas!"
„Ach was!" erwiderte er mit ein wenig erkünsteltet Ueberlegenheit. „So leicht werfen wir das Gewehr nicht in den Graben!"
Eine Welle nach der andern spritzte über den Rand des Bootes. Jetzt reichte ihnen das Wasser schon bis an die Knöchel.
Thomas sah sich unschlüssig um.
„Ich bin doch ein wenig--hm."
Sie war starr vor Entsetzen und wußte kein Work hervorzubringen.
Endlich zog er das Ruder ein und klemmte die Ellbogen gegen den Körper. „Gott im Himmel —i Mutter!"
Helene war nahe daran, das Ruder fahren zu lassen und auf der Bank umzusinken, plötzlich aber richtete sie sich energisch auf und sagte: „Wir müssen aushalten, Thomas --so rudre doch!" Sie biß die Zähne aufeinander und holte aus.
„Ach, Mutter! Mutter! Wenn wir jetzt ertrinken und ich Dich nie wiedersehe!"
„So greif doch zu, Junge! Siehst Du denn nicht, daß sich das Boot ganz auf die Seite legt, woher die Wellen kommen?"
Thomas griff wieder zum Ruder.
„Nein, tiefer hinein damit, es streift ja nur die Wellens kämme, und dann mußt Du mehr Kraft einsetzen!"
Neber eine halbe Stunde laug kämpften sie mit dem Unwetter, der Regen peitschte ihnen in den Nacken, und der Schaum der Wellenkämme spritzte ihnen um die Ohren.
Thomas nahm seine ganze Kraft zusammen und that fein Bestes, sie ließ ihn aber die ganze Zeit hindurch nicht aus den Augen.
„Du hältst teilten Takt, Thomas; Du mußt Dich nach mir richten."
Endlich schien es, als wenn der Wind ein wenig nach-- ließe. Mer nun mußte Thomas zur Schöpfkelle greifen, und da sie nicht unthatig dasitzeu konnte, wußte sie nichts Besseres zu thun, als den einen Schuh auszuziehen und damit zu helfen.
Bis auf die Haut durchnäßt, erschöpft, mit blutigen Händen, erreichten sie die Küste. Als sie ans Land ge-i kommen waren, sank sie im Tang um und brach zusammen. Thomas aber schaute stolz über das Element hinaus.
„So leicht lassen wir uns doch nicht uutertriegen."
Die Erlebnisse dieses Tages machten einen tiefen Einq druck auf Helenens Gemüt. Die Felsenklippe, das Ge-, Witter, die Augst, — dies alles beschäftigte ihre Gedanken


