Ausgabe 
9.4.1902
 
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Mittwoch dm 9. April.

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1902. Nr. 52.

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fJÄ6 nicht zu schnell dein Wort, so brauchst du's nicht zu brechen; KN Viel besser ist es, mehr zu halten, als versprechen.

Rückert.

(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Roman in zwei Bänden von ZiachariaS Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.

(Fortsetzung.)

Jeden Sonntag ging sie mit der Tante in die Kirche. Eie pflegten sehr früh dahin zu gehen, da die Tante gern vor dem Gottesdienst eine Weile mit gebeugtem .Haupt und «eialleten Händen dafitzen mochte. Es war so feierlich iN dem großen, stillen, kühlen Raum, wo Gottes Geist un­sichtbar unter der Wölbung schwebte und hin und wieder einmal an die Spinnengewebe stieß, und wo die Fußtritte der schweigsamen Männer und Frauen und das dumpfe Mappen der Thüren in weiter Ferne widerhallten, gleich­sam aus einer anderen Welt. Und dann kam der alte, weißhaarige Pfarrer, Doktor Rudelbach, langsam, gebeugten Hauptes, in Gedanken versunken, den Mittelgang herauf. Es kribbelte ihr in allen Gliedern, sie fühlte Gott in den Luftschwingungen, die sein langer, schwarzer Talar her­vorrief. Wenn dann die Orgeltöne durch den Raum brausten, gedämpft und ernst, gleichsam lockend mit süßem, himmlischem Flüstern, da hatte sie stets em Gefühl, ab, ob setzt die Engel unsichtbar flatternd hermederschwebten. Jeden Gehörs- und Gesichtsnerv angespannt, saß sie da und starrte verwundert durch den Raum, voll von un­klaren Erinnerungen au Gehörtes und Gelesenes, tote die Herrlichkeit des Herrn Salomos Tempel erfüllt hatte, und von dem sanften Brausen des Windes an der Hvrebshohle. Und toemt dann endlich der alte, weißhaarige Kopf über dem Samtrand der Kanzel sichtbar wurde, faltete sie ihre Hande und gelobte Gott heilig uno teuer, die Welt zu vergeben und nur zu lauschen. Aber es war schwer, dem alten gelehrten Pfarrer zu lauschen, wie es schwer für sie war, dre Propheten zu verstehen. Sie bildete sich stets ein, daß er vorher eine Zusammenkunft mit dem lieben Gott tn der Sakristei gehabt habe und setzt dastehe und der Ge­meinde die Offenbarungen des Herrn in einer ihren Fassungskräften angemessenen Form mitteile. Boll der riefsten Ehrfurcht saß sie da und schaute ihn an. Sie wußte, daß er Gott ein auserwähltes Werkzeug war, durch das dieser die reine Lehre verbreitete. Ste hatte mehrere von seinen Schriften auf dem Bücherbort des Oheims ge­sehen, sowohl deutsche als auch, dänische:Das Wesen des Rationalismus",Hieronymus Aavonau-la und seine Zeit"/.

Kirchenpostille über die Evangelien" und verschiedene andere. Sie wußte, daß die ganze Welt diese Werke laS, alle mußten seinen Worten lauschen. Er Hütte sich lange Jahre in Deutschland aufgehalten, um die Leute dort die wahre Religion zu lehren. Der Oheim sagte auch, daß ec einer der gelehrtesten Männer der Welt fet. Wie konnte ein Mensch nur so viel in seinem Kopf haben? Aber das konnte ja auch nur möglich sein, weil Gott es ihm erngab. Ach, wenn sie ihn doch nur verstehen könnte! Dann spannte sie aufS neue ihre ganze Aufmerksamkeit an und versuchte, rgend eine Wendung aufzufangen, an die sich eine Vor­stellung knüpfen ließ.

Aber wenn sie auch keine weitere Ausbeute von srtnett Predigten hatte, so war doch der Eindruck seiner Persön­lichkeit, besonders des wunderbaren Glorienscheines alt- testamentarischer Hoheit, der seine Stirne umstrahlte, um so stärker. , , _ ...

Niemals vergaß sie den Eindruck, den es aus sie machte, wenn sie ihn mit seiner alten Schwester über bte Straße wandern sah. Jeden Tag konnte man drese beiden alten Leute Hand in Hand aus der Thür des PfarrhofeS kommen sehen. Langsam, mit vom Alter gebeugten Häup­tern bewegten sie sich mit geisterhaften Schritten. Un­willkürlich kam ihr der Gedanke, daß dies alte Gefchwtster- paar wunderbar sicher nur Gottes Wegen wandeln müsse. Sie war fest überzeugt, falls Gott ihnen eines Tages be­gegnet wäre und zu ihnen gesagt hatte:Jetzt rst daS Grab geschaufelt, geht nun da hinaus" daß sie dann ruhig hingegangen wären, sich Hand in Hand gelegt und die Äugen geschlossen hätten. So konnten Menzchen leben und sterben wenn ihr Mandel auf Gottes fester Weltord­nung begründet war. , ~ .

Ms sie zwölf Jahre zählte, starb die Tante, und nun kehrte sie in die Heimat zurück, wo bald wieder alles tu dem alten Geleise ging. Ihr Leben war so genau geregelt und glitt so ruhig und sicher dahin, tote ent Strom der in einem schnurgeraden Bett durch ente Ebene fließt.

Ter Vater sprach oft über das Gewissen als den Führer des Menschen auf der Wanderung des Lebens Ste begriff, daß es ein von Gott selber eingesetztes Hochgericht des! Herzens sei. Gegen das Gewissen zu handeln, war,o gut, als sich "der Selbstverbrennung hiuzugeben. Und wenn ihr Baier anfing, von demGewissen des Volkes" zu reden und von dem Puls des allgemeinen RechtlichkeitsgefuhlS [brach, von derLeitung der Naturtriebe der Menschen re., da begriff sie mit dem ihr eigenen seinen Naturtriebe, daß die Weltordnung nur durch eine tn den Volkern ttefbegrun- dete Ehrfurcht vor der kirchlichen und weltlichen Obrigte.r festgehalten werden könne. . w

Eine förmliche Umwälzung fand tn ihrem Ueinen Herzen statt, als Vetter Thomas ans dem Ostholmstruper Mühlhof noch einmal seine Sommerferien in ihrem Heim verbttichte.^^ toar ein langer, rothaariger, kommerk