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aufs lebhafteste. Und in all ihren Träumen zeigte der weiße Vogel sich ihr wieder und wieder, mit ausgebreiteten Schwingen, keck dem Sturme trotzend. Der Eindruck der sicheren Kraft, die in seinem ginge lag, hinterließ Spuren in ihrer Seele, die nie verwischt wurden.
Im übrigen tummelte sie sich mit Thomas fröhlich in Wald und Feld herum und hatte manch flüsterndes Zwiegespräch mit ihm in einsamen Winkeln.
Es war ein Trauertag, als Helene Ostholmstrup wieder verlassen mußte. Als Thomas ihr Lebewohl sagte, schaute er ihr fest in die Augen: „Vergiß mich, nicht, Helene!" Diese Worte tönten ihr in den Ohren wieder und machten sie so verwirrt, daß sie, als sie zu Hause angelangt war, ihr Zeug hinwarf und in den Keller hinablief, wo sie sich auf eine Heringstonne setzte und weinte.
Noch lange Zeit ging sie schweigend umher und entsandte heimliche Seufzer nach Ostholmstrup. Eine unverstandene Sehnsucht wühlte und kämpfte in ihr, in einzelnen Augenblicken aber war es, aL- trage sie ein lebhaft klingender Tonstrom an fernklingende Orte, wo es geheimnisvoll und verheißend schimmerte.
Unter den nüchternen Ansprüchen des Alltagslebens beruhigte sich jedoch der Gedankenaufruhr nach und nach: nur ein geheimes Sehnen blieb in ihr zurück, das hin und wieder zu heißem Begehren aufslammte, nach jener Zeit, wo sie erwachsen sein und auf entfesselten Schwingen ausfliegen würde, um den Honig aus den Blumen des Lebens zu-chaugen.
Nach ihrer Konfirmation hatte sie noch, einige Zeit Unterricht in fremden Sprachen und in Handarbeit, und hielt sich daun ein Jahr lang auf einem Gute in der Nähe der Heimat auf, um die Wirtschaft zu erlernen.
Mit zlvanzig Jahren erhielt sie dann durch Vermittlung ihres Onkels, des Mühlenbesitzers Rabe, einen Platz als Erzieherin in dem Pfarrdorf zu Kirchholmstrup. Die Bekanntschaft mit Vetter Thomas wurde erneuert, und eines schönen Tages stand er dunkelrot und stotternd vor ihr und teilte ihr mit, daß er jetzt nicht länger schweigen könne, — sie möge ihm antworten, was sie wolle, falls sie ihn aber zurückwiese, so ginge er, weih Gott, vor die Hunde.
(Fortsetzung folgt.)
Ihr Schicksal.
Novelle von H. W a l d e m a r.
(Nachdruck verboten.)
„Darf ich die Herrschaften! um Ihre Fahrkarten bitten?" Eine junge Dame, die den einen der beiden Fensterplätze inne hatte, sah wie geistesabwesend zu dem uniformierten Manne auf.
„Es ist der Kontrolleur", beeilte sich ihr Gegenüber zu sagen, ein dunkelbärtiger Herr in eleganter Reisekleidung.
„Ach so!" Damit entnahm sie ihrem Reisetäschchen ein Rundreiseheft und gab es dem Beamten. Kanin hatte dieser einen Blick darauf geworfen, als er ausrief:
„Mer Sie siud ja in den falschen Wagen geraten und fahren nach ganz anderer Richtung. Die Frankfurter Wagen sind längst dorthin unterwegs."
Einen Augenblick war die Daine verblüfft, dann zuckte sie gleichmütig die Achseln.
„Ich komme noch zeitig genug an mein Ziel."
„Wenn Sie in Aschaffenburg umsteigen, haben Sie sehr bald wieder Anschluß nach Frankfurt."
„Ich danke") erwiderte die Fremde nachlässig und legte sich in das Polster zurück.
Ihr Reisegefährte hatte keinen Blick von ihr gewandt. Seit Stunden war er in dem engen Koupee des D-Zuges mit ihr allein, und trotzdem er öfter den Versuch gemacht hatte, sie ins Gespräch zu ziehen, hatte er über sie selbst nichts zu erfahren vermocht.
Ihr kapriziöses, südländisches Gesichtchen reizte ihn, vielleicht noch mehr die Art, wie sie ihn anfangs übersehen hatte, daun aber ihren Blick so forschend auf ihm ruhen ließ, als wolle sie ihm bis auf den Grund seiner Seele schauen, und dabei ihm die größte Gnade zu erweisen schien, auf seine sondierenden Bemerkungen einzugehen. Daß sie aus wohlhabendem, ja feinem .Hause stammte, hatte ihm sein erfahrener Blick verraten, auch glaubte er heriaus- geftluden zu habe», daß irgend ein Kummer oder doch eine unangenehme Erinnerung sie bedrückte.
Dies Zniermezzo mit dem verwechselten Durchgangs, wagen wollte er benutzen, um sie wieder zum Sprechen anzuregen. Doch ehe er einen richtigen Anknüpfungspunkt gefunden, begann die Reisende von selbst:
„Können Sie mir sagen, wann wir ungefähr in Aschaffenburg sein werden?"
„Ich will sofort nachsehen —"
„O bitte, ich möchte Ihnen keine Mühe verursachen, aber —"
„Es verursacht mir keine Mühe, Gnädigste. Ich kann mir denken, daß der Verlust von Stunden Sie unangenehm berührt."
„Meinen Sie?" fragte sie spöttisch. „Am Zeitverlust liegt mir nichts, wie ich vorhin schon sagte, ich möchte nur orientiert sein. Ich begreife auch nicht, tote es möglich war — als wäre dies meine erste Reise!" Sie lachte, uno es klang wie ein silbernes Glöckchen, dabei sah sie ihn fast neckisch au. Dann aber mochte ein trüber Gedanke durch ihr schwarzes Köpfchen fliegen, denn sie wurde plötzlich ernst. „So unfreiwillig bm ich allerditrgs noch nie aus dem hohen Norden nach dem Süden gereist."
„Hat man Sie dazu veranlaßt?" Ihre vertrauliche Mitteilung entzückte ihn so sehr, daß er es sich nicht überlegte, indiskret zu sein.
„'Man' tväre zu viel gesagt. Die Verhältnisse waren stärker als ich Wer trotzdem ich allen Zwang hasse" — ihre Augen sprühten und erschienen fast schwarz — „fügte ich mich, weil — ach, das kajun Sie ja nicht interessieren, mein Herr —" dann lachte sie leise auf und snhr fort: „Dort oben bauen sie Ehrenpforten und planen Festlichkeiten aller Art für ein junges Paar, während eine der Hauptpersonen am entgegengesetzten Ende des Landes weilt und sich königlich freut, der ganzen Geschichte entronnen zu sein. Drollig, nicht wahr, und kaum glaublich, aber dennoch Wahrheit."
Sie lachte wieder, doch etwas hart, und um ihren ausdrucksvollen Mund grub sich eine bittere Linie ein, die das pikante Gesichtchen entstellte.
„Wenn Sie von sich selbst sprechen, dann ist's allerdings Wahrheit, und zwar eine mich beglückende", erwiderte, er, während sein Blick über sie hinflammte.
Sie fing diesen Blick auf. Eine leise Röte verbreitete sich über ihr Antlitz, als sie halb abweisend, halb schmollend sagte:
„Komplimente passen gar nicht gut zu Ihnen. Thun Sie mir den Gefallen und stören Sre den Eindruck nicht, den ich von Ihnen während unserer gemeinsamen Reise empfangen, tote soll ich sonst den Mut finden, Sie um Rat und Hilfe zu bitten?"
„Wie Sie wünschen, meine Gnädigste, ich stehe gern zur Verfügung. Doch — haben Sie auch geprüft, ob ich,, den Sie ntcht kennen, Ihres Vertrauens wert bin?" fragte er ernsten Tones.
„Ich besitze mehr Menschenkeitntnis, als Sie annehmeu, und — verzeihen Sie — die Adresse der Briefschaften, die Sie vorhin lasen, wies einen Namen auf, der für Ihre Gesinnung bürgt."
Er verbeugte sich mit einem feinen Lächeln. Sollte er ihr sagen, daß seine Briefe unter der Adresse eines Freundes aitgekommen waren, und ihr damit ihr rührendes, fast kindliches Zutrauen täuschen? Er vermochte es nicht.
„Kurz und gut", sagte sie nach kurzem Zögern, „ich muß einen Rat haben, ehe ich weitere Schritte unternehme, und habe niemand, den ich darum augehen könnte, denn — so tote Sie mich hier sehen, bin ich dnrchgebramtt."
„Nicht möglich!" rief der Herr und unterdrückte mit Mühe ein Lächeln über ihre wichtige Miene.
„Ja, ja, es ist schon so, und Sie sollen auch wissen, warum: weil man mir goldeite Fesseln anlegen will."
„Die Sie verschmähen? Recht so. Auch das Weib soll seine Selbstbestintmung für sich in Anspruch nehmen. Was aber kann ich thun, wenn Sie bereits alle Brücken hinter sich abgebrochen haben?"
„Sie sollen mir raten, mir sagen, ob ich recht gehandelt, woran ich jetzt manchmal zweifle. Ich hätte „ihn" mir doch erst ansehen müssen, meinen Sie nicht?"
„Wenn Ihr Herz frei ist, ja, denn das Ansehen verpflichtete zu nichts." ,
„O, Sie kennen die Menschen dort tticht —" fiel ste lebhaft ein. „Ich bin Waise und arm, wenigstens im Vergleich zu ihm — Vormund und Schwestern stürmten aus


