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der, tote man mir von allen Seiten versichert, ein Mann von Welt und von Galanterie sein soll, — und nicht dem Untersuchungsrichter."
„Tann, gnädige Frau", gab er zur Antwort, „muß ich bedauern, Sie nicht anhören zu können, und muß ich Sie bitten, mir nichts zu sagen. Eine Amtsperson ist kein Beichtvater, der Geheimnisse entgegennimmt, um sie hinterher wieder zu vergessen. Wir müssen uns im Gegenteil, trotz aller Bitten und Gewissensbisse, alle die vertraulichen Mitteilungen, die uns gemacht werden, ins Gedächtnis rufen und aus ihnen jedmöglichen Nutzen ziehen. Tie Liebe zur Wahrheit, nach der wir suchen, um den Angeklagten oder die Gesellschaft reinzuwaschen, spricht uns von vornherein von dem Begehen einer Indiskretion frei."
„Sonach also müßte ich das, was ich Ihnen heute hier in Ihrer Wohnung willens bin zu sagen, morgen im Justizpalast, in Ihrer Kanzlei in Gegenwart mehrerer Zeugen sagen Und wiederholen?"
„Leider, Frau Gräfin, sofern ich es für nötig erachte, nachdem ich Sie gehört habe, Sie als Zeugin vorzuschlagen."
„So sei es denn, Herr Landgerichtsrat", rief sie entschlossen.
„Ich nehme alle Folgen dieses Schrittes auf mich. Ich werde mir nur Mühe geben. Ihnen zu beweisen, daß meine Zeugenschaft vor Gericht nicht unerläßlich notwendig ist."
„Ich werde mir Mühe geben, Frau Gräfin, mich überzeugen zu lassen."
„Ich danke. Ich gehe direkt auf das Ziel los, um Ihre kostbare Zeit nicht zu lange in Anspruch zu nehmen und Ihnen wenigstens einen Teil Ihres Sonntags zu lassen", fügte sie mit ihrem verführerischsten Lächeln hinzu. „Ein Sitzungszwischenfall — so nennt man es doch, glaube ich^ — hat an jenem Tage, da über den Fall von Sempach verhandelt wurde, die Sitzung unterbrochen. Ein junges Mädchen, eine gewisse Bertha Rakenius, hatte sich erhoben, um zu versichern, der Angeklagte hätte jenen gewissen, vielbesprochenen Abend in ihrer Gegenwart verlebt, also jenen ganzen Abend, dessen Verwertung man schon so lange bemüht gewesen war, zu entdecken. Nun, mein Herr, ich bin in der Lage, zu beweisen, daß Fräulein Rakenius, bloß um ihren Jugendfreund, um ihren Bruder, tote sie ihn zu nennen pflegt, zu retten, das Gericht getäuscht hat."
„Gestatten Sie, gnädige Frau, daß ich daran zweifle."
„Erlauben Sie mein Herr", nahm sie ihr Gespräch wieder von neuem auf, immer mit ihrem verführerischsten und lieblichsten Lächeln, um das leichter herauszubringen, was sie gestehen wollte, und um dies heikle Thema durch die Form in etwas gut zu machen. „Sie zweifeln ans dem Grunde, weil Ihnen der Gedanke angenehm ist, sich in Ihrem Urteil über Herrn von Sempach nicht getäuscht zu haben, und Sie bei der Ansicht verbleiben, daß er schuldig sei. Er ist es aber nicht. Fräulein Rakenius wird trotz ihres guten Willens, trotz ihres festen Entschlusses, Sie zu belügen, niemals beweisen können, daß sie sich an jedem Abend des Werbrechens in Gesellschaft des Herrn von Sempach befunden habe. Aber eine andere Person kann den Beweis bringen, daß er mit dieser beisammen gewesen war."
„Welche andere Person?"
„Ich, mein Herr", gestand sie oljite Zaudern.
„Sie, Frau Gräfin?"
„Ja, ich selbst. Tas Geständnis ist peinlich, das werden Sie mir zugeben, und wenn ich mich endlich entschließe, es zu 11)1111,, so können Sie mir wohl glauben."
„Nein, gnädige Frau, gestatten Sie mir, daß ich daran keineswegs glaube, ehe Sie mir nicht Beweise für Ihre Aussagen bringen kömtett. Sie selbst geben ja zu, daß Fräulein, Rakenius die Gerichte aus Zuneigung und geschwisterlicher Opferliebe zu täuschen sucht. Warum sollten Sie nicht aus irgend einem ähnlichen denselben Versuch machen wollen, nicht dieselbe Lüge, fromme Lüge ersinnen?"
, „Weil ich Gräfin Toroukoff heiße, weil mir mein Name, mein Rang hohe Pflichten auferlegen, weil ich einen Gatten besitze, der die höchsten Verbindungen unterhält, und den Ruf einer Frau, die niemals vom Wege abgeirrt war. Man pflegt nicht dies alles, die ganze Welt und sich selbst ohne die schwerwiegendsten Gründe zu opfern."
„Ober infolge mächtiger Gefühle, die alles beherrschen, die alles vergessen lassen."
Sie sann einen Augenblick nach und fragte dann mit einem Male:
„Also diese moralischen Belege genügen Ihnen nicht?" „Sie hätten mir vielleicht etwas früher genügt, Frau Gräfin, können es aber heute nicht mehr, insbesondere nach den Erklärungen von Fräulein Rakenius."
„Wenn diese junge Tame nächstens, vermutlich schon morgen, vor Ihnen erscheinen muß, daun werden Sie gewiß an sie zuerst die Frage richten: „Wo, an welchem Ort haben Sie sich mit Herrn von Sempach befunden?"
„Gewiß. Tiefe Frage ist wesentlich."
„Sie wird Ihnen ohne jede Schwierigkeit antworten. Tenti sie weiß bereits sehr viele Einzelheiten. Sie wird Ihnen sagen, daß sie sich in einem Hause, einer kleinen Billa in Friedenau, in der Peter Vischerstraße befunden hätten. Haben Sie aber dann die Freundlichkeit, mein Herr, ihr zu befehlen, das Innere, die Einrichtung des! Hauses $u beschreiben. Sie wird dazu nicht im ftanbe sein, — tch aber kann es thun. Sie werben den Auftrag erhalten, sich an Ort und Stelle zu begeben, unb Sie werben bas Interieur so finben, wie ich Ihnen basselbe mit seinen kleinsten Details beschrieben haben werde. Außerdem ist es unmöglich, daß Ihnen gewisse Details entgehen könnten. Fräulein Rakenius zum Beispiel ist brünett. Ich bin blond, stark blond sogar, und Sie werden mit Leichtigkeit auf den ersten Blick merken, daß die Villa nicht möbliert, tapeziert und ausgestattet worden war, um eine brünette, sondern um eine blonde zur Geltung zu bringen und deren Schönheit zu heben. Es ist dies zwar eine ganz weibliche Nebensächlichkeit, aber einem Lebemann, einem so feinen Beobachter wie Sie wird die Wichtigkeit derselben sofort ins Auge fallen. Tann werden Sie sich auch weiter gestehen, daß dieses Haus, so klein es auch ist, im Innern mit der raffiniertesten Koketterie ausgestattet ist, die nur eine an Luxus gewöhnte Frau von gewisser hoher, gesellschaftlicher Stellung richtig zu würdigen versteht, und ein so junges Mädchen mit so einfacher Erziehung wie Fräulein Rakenius nur befangen gemacht und geängstigt hätte. Und endlich noch, mein Herr, wenn ich auch mehrere Monate hindurch jener Person, die das Haus und die Bedienung zu besorget» hatte, niemals begegnete, so können wir doch überzeugt sein, daß sie wiederholt versucht haben wird, mich zu sehen und mich auch wirklich gesehen hat, — mich sogar vielleicht erkennen würde, wenn man sie mir gegenüber» stellte."
„Tas, Frau Gräfin, würde mir allerdings genügen, mich zu überzeugen, daß uns Fräulein Rakenius täuschen und Ihre Stelle einnehmen will. Mer trotzdem würde immer noch nichts beweisen, daß Sie mit Herrn von Sempach daselbst den ganzen Abend des Verbrechens zugebracht haben. Und das ist der einzige Punkt — ich erlaube es mir Ihnen zu bemerken — auf den es in diesem Falle ankommt. Hat man Sie beide etwa zu der Zeit, während welcher es notwendig gelvesen wäre, gesehen?"
„Ich habe allen Grund, es zu hoffen. Ich erinnere mich noch sehr gut, daß an jenem Abend — — denn alles^ was sich auf jenen letzten Abend bezieht, den ich mit Herrn von Sempach verlebt, ist mir noch sehr deutlich im Gedächtnis, — — ich erinnere mich also, daß ich im Erdgeschoß ein Geräusch vernommen habe, als wir uns gerade tn den oberen Zimmern befunden haben. Es war ganz entschieden jene Aufwartefrau, die sich an jenem Abend später als gewöhnlich zurückgezogen haben mußte."
Sie unterbrach sich und blickte dem Landgerichtsrat in die Augen.
„Glauben Sie nun, mein Herr, daß sich alle vorhin entwickelten moralischen Belege, deren Wichtigkeit Sie an- gehen, auch auf genügend materielle Beweise stützen?"
„Ich glaube es jetzt, gnädige Frau, ich bin aber verpflichtet, Ihnen gleichzeitig zu gestehen, daß ich Ihre Zeugenaussage nicht umgehen kann und ich genötigt sein werde, Sie offiziell bei mir vorzuladen."
„Ich glaube nicht, daß Sie dazu gezwungen sein werden, Herr Rat. Ich will versuchen, wie ich Sie schon gleich anfangs darauf borbereitet habe. Ihnen letzteres zu beweisen."
„Gnädigste, ich bin ganz Ohr."
„Wenn Ihnen nach jeder Richtung hin bewiesen ist, daß sich Herr von Sempach damals in Friedenau befand, stürzen alle gegen ihn gesammelten Beweise, die seine Anwesenheit in der Augsburgerstraße darthun sollten, in sich zusammen. Er ist nicht mehr schuldig; und doch, ein Schuldiger muß existieren. Sind Sie im stände, diesen zu entdecken, dann ist


