Samstag den 8. November.
Nr. 166.
1902.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
Ms Georg nach Hause kam, fand' er seine Schwester !eingeschlummert. Tie Müdigkeit hatte über ihren Kummer den Sieg davongetragen. Tie Materie hatte den Geist unterjocht.
Ten andern Tag hatte das Fieber etwas nachgelassen, und er konnte sich mit ihr etwas unterhalten. Er teilte ihr die Absicht der Gräfin mit, verschwieg ihr aber selbstredend die Motive, die sie zu diesem Entschluß getrieben.
„Sie hat lange gebraucht, sich zu entschließen", war Berthas erste Antwort.
„Sie hatte immer noch geglaubt, Franz würde freigesprochen werden, und daher fand sie es unnötig, sich zu kompromittieren. Heute liegt der Fall anders. Sie läßt es nicht zu, daß Tu ihre Stelle einnimmst und Tich für sie ins Verderben stürzest."
„Gut, gut, — is ist schon gut", antwortete sie kält. „Von dem Augenblick an, da er gerettet ist--"
„Es scheint mir", nahm er in vorwurfsvollem Tone das Gespräch wieder auf, „daß Tu Tich etwas glücklicher zeigen könntest."
„Warum das? Weil er etwa durch sie gerettet wird Und nicht durch mich,? Nun denn: nein. Ich hätte vorgezogen . . ."
Sie brach kurz ab und wägte nicht zu vollenden. Wer seit einiger Zeit begann sich der Verdacht und die Ahnung ihres Bruders, die ihm schon oft in den Sinn gekommen waren, zu bestätigen. Jetzt erst begriff er seine Schwester. Was er bisher nur für Zuneigung, für rein geschwisterliche Liebe gehalten hatte, war eine wahrhafte, echte Liebe. Vielleicht hätte er es früher erraten können. Aber diese Liebe hatte sich so langsam, so stillschweigend entwickelt und war nach und nach erst gewachsen, daß er sie hatte weder entstehen noch sich entwickeln gesehen.
„Tu liebst ihn also sehr?" fragte er sie.
„Ja, sehr."
„Bloß wie einen Jugendfreund, wie einen Bruder?"
„Ich weiß es nicht, — frage mich nicht", erwiderte sie unter zartem Erröten, indem sie sich von ihm entfernte.
Er ging ihr nach, ergriff ihre Hände und sagte sanft Au ihr:
„Bertha, Kind. — Tu bist mehr meine Tochter, als Tu meine Schwester bist. Unsere Mutter hat mich auf ihrem Dotenlager beauftragt, über Tich zu wachen, als wenn sie über Tich gewacht hätte. Ich habe das Recht, Kind, Tich um Deine Geheimnisse zu befragen, und Du hast die Wicht, sie mir zu bekennen."
„Was für Geheimnisse?"
„Tas Geheimnis Deines Herzens. . . Gehört es Dip nicht mehr an?"
Sie legte ihr Köpfchen an die Schulter ihres BruderH und antwortete auf dessen Frage nur ein Wort, — e,in ehn? ziges nur:
„Wei Ti!"
Ties Wort hätte genügt, ihn äufzuklären, wenn eü nicht schon durch ihre That aufgeklärt worden wäre und besonders durch das Bedauern, das Bertha keineswegs zu verbergen suchte, jenem, den sie liebte, nicht selbst alles opfern zu können, — sich ihm nicht vollkommen weihen! zu dürfen.
60! Kapitel. i
Wenn die Gräfin Dorvukoff in den Augen Berthas zu lange gezögert hätte, ihre Geständnisse zu machen, foi zeigte sie doch an dem Tage, da sie ihren Entschluß ge<- saßt hätte, nicht mehr das mindeste Zögern. Gleich au dem der Gerichtsverhandlung folgenden Tage zog sie all« Möglichen Erkundigungen ein, um mit Erfolg und' rasch vorgehen zu können. Tie Auskünfte, die sie von ihren! Freunden erhielt, hätte sie auch im Strafgesetzbuch finden! können. Es sieht zwar nicht jeden möglichen einzelnen! Fall voraus, — denn die Anzahl der verschiedensten MLW lichkeiten wäre eine zu große, — aber doch alle gewöhnlichen Fälle. In einem Paragraph des neuesten Gesetze buches beschäftigt sich dasselbe mit neuen Vorkommnissen, mit Zeugenaussagen solcher Natur, daß sie neue, für die, Entdeckung der Wahrheit wichtige Enthüllungen in sich schließen, — und befiehlt aus diese hin, daß der Gerichts^ Hof, das heißt der Präsident in diesem Kriminalfalle, einen! neuen Richter zu ernennen hat, vor dem sich eine neue Untersuchung zu entwickeln hat. Aber nichts verhindert, daß! diese zweite Untersuchung anch wieder demselben Richter übergeben werde, dem auch die erste anvertraut Mordest war. Wer sie ist ganz, unabhängig von der anderen. Sie, kann in ganz anderer Weise geführt und geleitet werden! und auch oft zu einem gan zianderen Resultate gelangen), z. B- gerade zu dem entgegengesetzten.
Zu dieser zweiten Untersuchung wurde derselbe Unter-i suchuntzsrichter, Landgerichtsrat Klinger, bestimmt. Man dachte, daß er bei seiner Kenntnis des Falles rasche« zu einem Endergebnis käme, — da dasselbe schon sämtzi liche Tagesblätter so laut als möglich forderten
Tie Gräfin erfuhr die Wahl, die der Gerichtshof 6^ troffen hätte, am Samstagabend. Gleich den daruffolgen-t den Morgen begab sie sich zu Landgerichtsrat Klinger in dessen Privatwohnung. Sobald er ihren Namen erfahrest hatte, beeilte er sich, sie zu empfangen.
„Mein Herr", begann sie die Unterhaltung. „JchhäbH Ihnen in der Angelegenheit, die Sie schon so lange beschaff tigt hat, und die Ihnen aufs neue übertragen wurde, Enthüllungen von großer Wichtigkeit zu machen. Wer ich wünsche diese Aufklärungen dem Herrn Kl.inger zu gebens


