Ausgabe 
8.10.1902
 
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S9S

vtteZ kostet Mch' Geld, und ich kann leidet nicht mehr thun, als ich ohnehin schon thue."

So wenig Sie auch thun", begann Bertha von neuem, so ist es immerhin viel für Ihre Verhältnisse, und das darf nicht sein, daß Sie all diese Auslagen allein bestreiten. Wollen Sie mir erlauben, Sie darin etwas zu unterstützen, liebe Frau?"

Ein so freundliches Anerbieten kann mau nicht so leicht abwinken, gnädige Frau! Sie kennen also unser Fräulein Minna, weil Sie sich für sie so interessieren?"

Ich habe Frau von Sanden gekannt."

Wohl noch von der Zeit her, als sie beim Theater war?"

Jawohl, ganz recht, von damals noch her."

Sie sind gewiß auch Schauspielerin wie die beiden Damen, die neulich hier gewesen sind? Aber die waren nur aus Neugierde da, um von ihrer früheren Kollegin sprechen zu können und noch was Interessantes zu erfahren."

Ich bedarf dessen nicht, die Zeitungen haben mir genug darüber berichtet. Diese mahnten mich auch an das arme Mädchen, das krank sein sollte, und da hatte ich den Einfall, aus Anhänglichkeit an ihre selige Gebieterin, eine kleine Unterstützung zu bringen."

O, bitte, genieren Sie sich nur nicht, meine gute Dame! Ihre Güte ist hier gewiß nicht am unrechten Platze."

Bertha zog ihre Börse aus der Tasche, entnahm ihr fünf Zwanzigmarkstücke und übergab sie der Portierfrau mit den Worten:

Da sind einstweilen hundert Mark. Verfügen Sie darüber, wie es Ihnen gut scheint. Aber sagen Sie, kann man das arme Ding nicht einmal sehen? Ich möchte mich gern über ihre Bedürfnisse unterrichten und ihr aus der Verlegenheit helfen."

Nichts Einfacheres als das", antwortete die dicke Alte, die durch die fünf Goldstücke ganz geblendet war.Na, Sie können Sie ja oben finden. Seit dem Tag damals rührt sie sich nicht mehr weg vom Haus. Ich kann Ihnen nicht den Vorschlag machen, daß die Minna herunter kommen soll, denn das kann sie nicht, gnädige Frau!"

Nein, nein, meine Freundin und ich wollen hinauf- tzehen", sagte Bertha rasch.Wollen Sie nur so gut sein, uns ihr Zimmer zu zeigen."

Das ist so leicht nicht zu finden. Ich will Ihnen aber gern den Weg zeigen."

Sie geleitete die Damen die Haupttreppe Linaus, zeigte ihnen die Wohnung der Frau von Sanden im dritten Stock­werk, im fünften den Eingang zu den Zimmern des Herrn Keßler, jenes Zeugen im Prozesse, der behauptet hatte, abends um zehn Uhr Herrn von Sempach gesehen zu haben, wie er sich in das Haus einschmuggelte stieg endlich die Gesindetreppe hinauf und pochte am Ende des Ganges «an eine Thür.

Wer ist da?" rief eine schwache Stimme von innen.

,^Jch bin's, die Portierfrau, mit zwei Damen, die Sie gern sprechen möchten."

Bitte, warten Sie einen Mgenblick; ich stehe schon auf."

Sie sehen, sie ist alleweil noch im Bett", wandte sich die Portierfrau an Bertha Md an Frau Linden.

Zwei Minuten mochten verstreichen. Man hörte schleifende Schritte im Zimmer, das Knirschen des Schlosses, und die Thür that sich auf.

In ihr erschien Minna, ganz bleich, sich an die Mauer stützend, da sie kaum die Kraft zu haben schien, sich aufrecht zu halten. ,

Was will man denn schon wieder von mir?" fragte sie mit schwacher Stimme.

Regen Sie sich man nicht wieder auf, liebes Kind", sagte die Portiersfrau.Diesmal soll es kein Verhör sein. Diese beiden Damen sind Schauspielerinnen und gewesene Freundinnen von der Frau von Sanden. Sie haben es mit dem Mitleid für Sie gekriegt, und kommen nur, um mit Ihnen zu reden, wie man Ihnen wohl etwas untev die Arme greifen könnte."

,^JH danke Ihnen unendlich, meine Damen", sagte Minna, die rasch einen langen, forschenden Blick auf ihre Besucherinnen geworfen hatte.Ich schäme mich aber wirk­lich, Sie hier in diesem einfachen Zimmer empfangen zu müssen." !

Ach waH", meinte der Hausdrache-es sind zwei

Stühle Da trüb' ein Bett, Und bäs genügt für drei Personen., Ich will aber lieber wieder runtergehen. Seit jener ver­dammten Geschichte darf ich von unten eigentlich gar nicht mehr weg. Das fehlte noch, daß noch so eine Kanaille ins Haus rein kommt! Ach, du liebe Zeit! Also ich mache wieder nach unten. Da finden Sie mich denn auch 'wieder., Na, adjes!"

Sie entfernte sich, und Bertha trat mit ihrer Begleiterin in das Zimmer. Minna schloß hinter ihnen die Thür ab! und ging wankenden Schrittes auf ihr Bett zu, auf dessen unteres Ende sie sich setzte. Sie hatte ihren wollenen Unter» rock kaum festgebunden. Ein kleines, in aller Eile nm- geworsenes Tuch bekleidete sie nur unvollkommen. Ein Foulardtuch, das sie über den Kvpf geworfen und unter dem Kinn geknüpft hatte, verbarg ihre Haare und auch einen Teil ihres Gesichtes. Mer ihre lebhaften Augen glänzten darunter hervor, ihre weißen Zähne schimmerten zwischen ihren schmalen Lippen in seltenem Weiß, und trotz ihrer mehr als einfachen Bekleidung und trotz ihres großen Schwächezustandes erschien sie immer noch hübsch.

Bertha begann das Gespräch:

Mein liebes Fräulein, nachdem ich den Tod der Frau von Sanden und gleichzeitig erfahren haben, daß Sie die­selbe in großer materieller Notlage zurückgelassen hatte, übergab ich heute der Portiersfrau eine kleine Summe, die Ihnen hoffentlich helfen wird, sich recht bald wieder zu erholen. Ich will es aber absolut nicht dabei bewenden lassen, sondern Ihre Zukunft beschäftigt mich. Ich kam daher selbst. Sie zu bitten, mir zu sagen, was Sie nach Ihrer Wiederherstellung zu thun gedenken."

Ich beabsichtige, so rasch als möglich wieder in meine Heimat zurückzukehren, gnädige Frau. Ich habe genug von Berlin. Ich habe seit letzter Zeit zu viel durchgemacht."

Woher sind Sie denn?"

Aus Königsberg."

Ich will gerne die Reisekosten tragen. Hoffen Sie, bald so weit zu sein, daß Sie reisen können?"

Ich hoffe es, gnädige Frau. Dank Ihrer großen Freundlichkeit werde ich mich pflegen können. Aber wird es mir denn auch erlaubt werden, von Berlin fortzumachen?"

Wer kann Sie denn daran hindern?"

Die Gerichte ich muß doch bei den Verhandlungen erscheinen."

Ach ja! Der Prozeß über den Mörder der unglücklichen Frau. Wann soll er denn anfangen?"

Ich weiß es nicht. Wer das kann nicht mehr so lange dauern, soviel ich aus meinem letzten Verhör gemerkt habe. Der Untersuchungsrichter konnte ja sehr rasch vorgestern Man hat ja doch schon den Schuldigen."

Ah, man hat ihn?"

Haben Sie denn nicht in den Zeitungen gelesen, daß er verhört worden ist?"

Sie wollen von Herrn von Sempach sprechen?"

^Jst er denn der Schuldige? Er gesteht doch nicht!" Ein Geständnis seinerseits ist ganz überflüssig ge­worden. Es sind ja zu viel Beweise gegen ihn."

Ich kenne sie nur aus den Zeitungen, und die täuschen sich ja oft. Es würde mich und meine Freundin äußerst Interessieren, wenn Sie uns darüber einige Wfklärungen geben und uns über einige Punkte unterrichten wollten. Diese ganze Sache ist entschieden eine der merkwürdigsten und der spannendsten, die man sich nur denken kann."

Sie erweisen sich so gut zu mir", antwortete Minna, daß ich gern versuchen will, Ihrem Wunsche zu genügen, soweit es meine Kräfte erlauben."

30. Kapitel.

Bertha und Frau Linden hatten auf den beiden Stroh­sesseln Platz genommen, die nebst einem weißen Holztisch und einem eisernen Bettgestell die ganze Einrichtung aus­machten. Minna saß noch immer am unteren Bettende, den Damen infolge der Enge des Zimmers ganz dicht gegenüber.

Nach den Zeitungen", begann Bertha,wäre einer der Herrn von Sempach überführendsten Beweise, baß eine Hemdperle, die sein Eigentum war, im Zimmer der Frau von Sanden gesunden wurde. Sind Sie denn vollkommen sicher, daß sich diese Perle nicht etwa schon vor dem Tage des Mordes aus seinem Hemde gelöst hatte?"

Vollkommen sicher, gnädige Frau; denn sonst hätte ich sie bei dem Aufräumen und Fegen des Salons finden müssen."