Ausgabe 
8.10.1902
 
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Mittwoch den 8. Mtofirr.

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1902. Nr. 149.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. R e v e l- (Fortsetzung.)

Georg fragte sie mit gepreßter Stimme:

Ta Sie ihn nicht mehr Wiedersehen wollten, warum sind Sie den anderen Tag doch wieder hingegangen?"

Ohne sich über diese Frage zu wundern, antwortete sie ohne Zögern:

Er hatte so inständig darum gebeten; er wollte noch einige Tage Frist von mir erlangen. eine Bedenk­zeit wie er sich ausdrückte, um sich allmählich an unsere Trennung zu gewöhnen."

Georg trat auf sie zu und fragte sie plötzlich:

Sie liebten ihn also nicht mehr?"

Nein", antwortete sie, ohne sich zu bedenken; dann fügte sie leiser hinzu, als ob sie zu sich selber spräche: Ich glaube, ich habe ihn nie geliebt."

Da er sie verwundert ansah, fuhr sie fort, sich ereifernd und nervös im Zimmer auf und nieder gehend:

Das erscheint Ihnen sonderbar. Sie fragen sich jeden­falls, wie ich ich! ihm hatte gestatten können, mich zu lieben und wie ich so handeln konnte, als ob ich ihn liebte, ohne dafür eine heftige, unbesiegbare Leiden­schaft als Entschuldigung zu haben. Ah, das kommt daher, weil Sie mich nicht kennen. Man kennt mich nicht- Ich trage eine Maske vor der Welt, die noch niemand ge­lüftet hat, selbst er nicht. Mein Leben ist allen ein verschlossenes Buch. Bei Sempach liebte ich das Geheimnis­volle. Das hat mich gereizt. Sonst nichts. Sempach hoffte wohl, mich eines Tages ganz zu besitzen. Und ich ich spielte mit ihm. Es war mir selbst interessant, diese Rolle zu spielen. Sempach liebte mich leidenschaftlich; ich war ihm nichts mehr als Freundin. Hätte ich solche Gefahr vermutet? Ah! Wenn ich geahnt hätte -----""

Sie unterbrach sich jäh und änderte ihren Ton: Wozu sage ich Ihnen alles dies!"

Dann aber wieder näherte sie sich ihm und sprach:

Und doch, wem anders dürste ich mich anvertrauen, wenn nicht Ihnen! Sind Sie nicht der Einzige, der mein größtes, mein einziges Geheimnis weiß! Es schafft zwischen uns beiden enge Bande. Mer lassen wir dies ganze Thema! Wir haben uns vereinigt, um zu ver­suchen, den armen Sempach $u retten, und den Schuldigen zu entdecken. Wo sollen wir zuerst suchen? Haben Sie schon darüber nachgedacht? Oder noch besser: sagen Sie es mir lieber nicht; suchen wir gemeinschaftlich. Kom­binieren wir alles, was wir wissen. Vielleicht entspringt daraus irgend ein Gedanke irgend ein Fingerzeig. Wollen Sie?"

Ja, ja, wie gerne. Ich will mit Freuden-^ So, dann setzen Sie (sich hierher zu mir."

Ganz hingerissen von ihrem Vertrauen, ihrem ReiH der ihr entströmte, von ihrer königlichen Anmut und herrlichen Schönheit, gehorchte er ihr willenlos.

29. Kapitel.

Indes sich noch Georg und die Gräfin berieten, nach welcher Richtung hin sie ihre Nachforschungen beginnen sollten, hatte Bertha bereits die ihrigen begonnen.

Von ihrer ehemaligen Klavierlehrerin, einer Dame von einigen 50 Jahren, einer Frau Linden, begleitet und gefolgt von Wilhelm, der ihr im Notfälle behilflich sein konnte, begab sie sich nach der Mgsburger Straße in jenes Haus, worin der Mord begangen worden war.

Wohnt noch das frühere Kammermädchen der Frau von Sanden in Ihrem Hause?" fragte sie den Portier, in dessen Loge sie trat.

Fräulein Minna? Gewiß, immer noch, gnädige grau",; antwortete der Portier.

Personen, die Bertha nicht kannten, titulierten sie meist immergnädige Frau"; sie verdankte diese Anrede ihrer hohen Gestalt, ihren markanten Zügen und gewissen Be­wegungen, die meist alle früh zu Waisen gewordenen Mädchen annehmen, die gezwungen waren, gegen di- Schwierigkeiten des Lebens anzukämpfen.

Tie Portiersfrau hatte aus dem Hintergründe ihrer Loge die an ihren Mann gerichtete Frage gehört, Un8 mischte sich höchst eilig in das Gespräch:

Na, das will ich glauben, daß sie noch hier wohnt. Wohin sollte denn auch das arme Mädchen sonst gehen? Ihre Frau mußte auch gerade so plötzlich sterben, und hat ihr nicht mal noch ihr Monatsgehalt und die letzten Rech­nungen gezahlt. Sie hat doch keinen Pfennig nicht, und wenn wir ihr das Zimmer nicht bis zu dem Tage gelassen hätten, an dem die Wohnung im dritten Stock wieder vermietet wird, hätte sie gerade auf dem Pflaster über-, nachten müssen."

Sucht sie denn nicht eine neue Stellung?" fragte;

Frau Linden. _

Wie kann sie denn jetzt, wo sie krank i)t? Der Schreck damals hat ihr mit einmal das Blut in entgegengesetzter Richtung fließen lassen. Wenn man sie schon wenigstens in Ruhe lassen wollte, dann möchte sie sich doch etwas! wenigstens wieder erholen. Wer so alle Tage ein neues Verhör! Das ist nichts!"

So, sie muß sich also nach Moabit begeben?" fragt-

Nein, dazu hat das Kind keine Kraft nicht. Dre Beine können sie noch nicht tragen. Wer der Kommissar ist zweimal hier gewesen und hat ihr eine ganze Brüh« von Fragen gestellt. Sie hat alles .ausgesagt, was sre nur gewußt hat. Was will man noch von ihr?"

Sie ist also wirklich unglücklich?"" .

Ich wiederhole Ihnen, sie hat keinen Pfelmrg mcht. Und das trifft sich gerade jetzt sehr schlecht- gerade in ihrem jetzigen Zustand muß sie etwas Besseres essen. Das