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Es nmß noch etwas sein, was ich nicht weißt ■— und das ist es, woran er sterben wird."-
Bell schrie auf.
„Tu weißt, wo er ist?"
„Ich komme von ihm."
Ter Kutscher brauchte nicht erst anszuspannen. Zehn Minuten später rollte der Wagen wieder nach Newyork zurück, nur daß diesmal statt einer Dame darin zwei saßen — und gab es auf der Welt auch kaum noch zwei Wesen, die sich so hassen mußten wie diese Beiden, so goß es doch einen sterbenden Mann, um den sie es in dieser Stunde zu vergessen hatten.
Ter Wagen hielt vor dem Presbyterian-Hospital. Der Pförtner führte die Tamen in das Wartezimmer. Bald darauf erschien ein alter weißbärtiger Herr — der Chefarzt.
Was er ihnen mitzuteileu hatte, war, daß der Zustand des Kranken jede neuerliche Aufregung, selbst die geringste, strengstens verböte.
„Wenn ich ihn nur einmal sehen dürfte", sagte tonlos Bell.
Der alte Herr fragte sie nach ihrem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Mister Schöneck.
„Ich bin seine Frau", erwiderte sie.
Aber es ließ sich nicht machen. Der Kranke konnte gerade in einem solcher! Augenblick erwachsen — jede Gefahr mußte vermieden werden. Das Einzige, was ihr der offenbar sehr eilige und sehr in Anspruch genommene Arzt versprechen konnte, war, das Bureau anzuweisen, Mrs. Schöneck täglich von dem Befinden ihres Gatten Nachricht zu geben.
Bell fuhr nicht nach Lougbranch zurück. Sie fuhr nach! ihrer Stadtwohnung, um fortan dem Hospital in der Nähe zu bleiben. Ottilie begleitete sie.
Und abermals vergingen Wochen. Zum dritten Male hätte Hcrwarths kraftvoller Körper über den Tod gesiegt — der Körper und auch der von Fiebergluten verzehrte Geist. Der erste Besuch den der Genesende empfing und empfangen durfte, war ein dem Chefarzt wohlbekannter Freund — es war Mister Hitchock.
Eines Tages nämlich hatte sich bei Mister Hitchock eine Dame melden lassen. Tie Dame war Bell und sie bat ihn, ihr zu helfen. Sie erzählte ihm alles, was Ottilie ihr erzählt — daß er, d er aus ihrem Leben ausgestrichen sein sollte, nun wieder gefunden war, daß er für sie hatte in den Tod gehen wollen und daß er auch beinahe gestorben wäre — nicht von seinem Unglück, nicht von seinen Wunden bezwungen, wohl aber von dem Glauben, daß sie ihre Liebe einem Anderen geschenkt. Und eben deshalb kam sie. Damit ihr alter Freund ihr beistehen, damit er, sobald es der Doktor erlaubte, zu ihm, dem nun wieder Genesenden, gehen sollte, ihn von der Last seines Wahns befreien, die ganze Wahrheit ihm enthüllen sollte.
„Ich will es thun", sagte Mister Hitchock und Bell brachte nur drei Worte hervor: „Ich danke Ihnen." —
Es war ein herrlicher Oktobermorgen.
Unter den schon gelb sich färbenden Wipfeln in dem! Garten des Presbyterian-Hospitals wandelten zwei Männer — der eine ein alter Herr mit einem glattrasierten, länglichen Gesicht, in dessen geschäftsmäßigen Mienen jetzt aber ein Ausdruck schmunzelnder seelischer Zufriedenheit stand, der andere noch! jung und von hoher stattlicher Gestalt, in seinem blassen Antlitz, über das sich doch schon der erste rote Schimmer der wiederkehrenden Gesundheit lagerte, noch die Spur überstandener Leiden, körperlicher und anderer, aber auch, ähnlich dem frohen roten Schimmer, der verklärte Widerschein irgend eines großen unaussprechlichen Glücks.
Tas Letzte, was Mister Hitchock feinem jungen Freunde von dem ihm gewordenen Auftrage beizubringen hatte — immer in sorglicher Bedachlsamkeit auf seinen Gesundheitszustand, denn auch frohe und gute Nachrichten können in solchen Fallen, wenn sie unerwartet kommen, schädlich wirken — das hatte er ihm nun gesagt. Morgen würde er das Hospital verlassen und dann würde ihn Bell erwarten. Sie wünschte eine Unterredung mit ihm. Worüber? Auch das hatte ihm Mister Hitchpck verraten, obwohl er eigentlich nicht dazu bevollmächtigt war. Sie wollte die Freiwerberin spielen für ihren Wetter, für den Mann,, von denk sie ihn hatte glauben lassen, daß sie ihn liebte. Uni die Fred Bennet warb, war Carla — aber Carla, obwohl sie Fred
Bennet liebte, wollte vom Heiraten nichts wissen. Ihr Leben, sagte Carla, gehörte ihrem Bruder, denn sie war ja nun die Einzige, die ihm geblieben war. Das wär der Grund, weswegen Bell mit ihm zu sprechen wünschte. Er sollte Carla von ihrem Eigensinn kraft seiner Autorität abzubringen suchen. Und weil dem Rekonvaleszenten nur ganz allniählich alle diese Tinge beigebracht werden durften und ein Wiedersehen mit den Damen, unvorbereitet wie es war, noch immer seine Gefahren für ihn gehabt hätte, so war dieses also vorläufig noch immer verschoben worden — bis es nunmehr für morgen festgesetzt war.
„Mir wird sie gehorchen", sagte Herwarth, indem sie beide sich auf einer Bank niederließen, denn er fühlte sich von dem Gehen doch müde, „sie muß glücklich werden!" ’
Er sprach von Carla.
„Und Sie?"
Mister Hitchock zeichnete bei dieser Frage mit seinem Spazierftock gewisse Figuren in den Sand. Er dachte in diesem Augenblick daran, wie gut die Idee von ihm gewesen war, im Einverständnis mit seinem deutschen Kollegen die Scheidung dieser Ehe ein bischen in die Länge zu dehnen, sodaß sie bis heute noch nicht vollzogen war.
Herwarty schüttelte den Kopf.
„Ich weiß, was Sie meinen, Mister Hitchock", sagte er, „aber das ruht im Grabe. Jede Schuld rächt sich so hat sich auch! die meine gerächt. Und doch pflück' ich! mir von dem Grabe, in dem mein Glück ruht, noch ein Pflänzchen Zufriedenheit, denn Bell verachtet mich nicht mehr und ihr Bild steht wieder unentweiht und rein vor mir wie einst. Das ganz große Glück ist wohl nur Wenigen beschieden. Vielleicht können es auch nur die Wenigsten ertragen. Deshalb — das habe ich aus meinem Schicksal gelernt — soll der Mensch schon für ein ganz kleines dankbar sein. Bells Verzeihung, ihre Achtung, das Andenken an sie, Carlas Geborgenheit in den Armen eines rechtschaffenen Mannes, der sie liebt — das wird mein Glück sein und es wird mir die Kraft gehen, weiter zu leben und zu arbeiten."
Ein kühler Wind wehte vom Kanal her. Es war Abend geworden.
Sie standen beide auf und Mister Hitchock begleitete seinen Freund in das Haus zurück.
Tann, als er das Haus verließ, schlug er den Weg nach der fünften Avenue ein.
Schluß.
Fred und' Carla standen, Hand in Hand, am! Fenster und sahen die Straße hinab.
Tie fünfte Avenue ist dort, wo die Häuser der Millionäre stehen — weil sich darin keine Läden befinden —i ziemlich menschenleer. Auch waren an den meisten Häusern die Rolljalousieen herabgezogen, denn man befand sich noch in der schönen Jahreszeit und in den Sommerfrischen.
Uni eine Ecke bogen zwei Herren, ein alter und 'ein junger. Sie kamen zu Fuß, denn Mietswagen sind in New- Wrk nur schwer zu erhalten. ' ।
„Er ist's", sagte Carla, die ihn zuerst erkannte.
Sie sprach! es leise, und nur Fred soflte es hörest, aber auch noch andere Ohren hatten es vernommen.
Bell preßte beide Hände auf ihr schlagendes Herz, „Soll ich gehen?" fragte Ottilie.
„Nein — bleib!"
Sie hörten alle vier, wie sich unten mit dumpfem Geräusch die Hausthür öffnete.
Daun trat der Diener ein Und" meldete, die Herren befänden sich im Nebenzimmer.
Carla stürzte stach der Thür, aber vor Befl blieb sie stehen.
„Nein, Tu müßt erst allein zu ihm", sagte sie. '
Won den beiden Männern, die drinnen warteten, sprach keiner ein Wort.
Ein Vorhang schob sichzurück. Eine Frauengestalt wurde sichtbar. Bleich und schön und stumm stand sie da.
Sie hob die Arme auf, sie breitete sie, als könne sie nicht anders und gehorche einem Zwange, auseinander.
So sah sie ihst an.
" „Bell!" schrie er auf, und er stürzte auf sie zU und riß sie an sich und ihre Lippen fanden sich ich Kstß der alles verzeihenden Liebe. ■'


