Ausgabe 
8.3.1902
 
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nicht mehr LenAxistenten" vom Herrn, wie Sie mich immer genannt haben?"

Erbarmen Sie sich- Herr Doktor, Sie sind's . . . Aber so braun gebrannt, itnb so ... . so anders . . . so männlich . . . mit dem vollen braunen Bart... so bildschön! . . ."

Der Fremde lachte, und drückte der treuen Seele die Hand.

Ich bin lange fort gewesen, Finchen, über zwei Jahre und als das Unglück hier im Hause war, so fern, daß mich die Trauerkunde erst nach Monaten erreichte . . . dies liebe Haus, muß ich es so Wiedersehen."

Und niuß ich Sie so Wiedersehen, teure Frau!" Das waren wenige Minuten später seine Begrüßungs-- ivorte, als er der bleichen, schlanken Frau in den düsteren Trauergewändern gegenüber stand, und ihr verehrungs­voll die Hand küßtemein väterlicher Freund, mein Meister . . . weggerafft, lange vor der Zeit was haben Die durchgemacht!"

Viel Schweres, lieber Gerhart, so darf ich Sie doch noch nennen, ich glaubte, zu erliegen, und habe es doch ertragen ... die Kinder waren ja da. . . ich durfte mich nicht wegstehlen, wenn ich es auch gern gethan .hätte. . . Sie kannten ja unser Leben, Gerhart."

Volle sechs Jahre durfte ich mit ihm sein, an seiner Seite arbeiten, ihm in der Universität lauschen. . . und die schönsten Stunden in seinem Familienkreis verleben . . . o, wie heimelt mich jedes Stück an in diesen Wumen!"

Wir müssen sie bald verlassen, lieber Freund nur ausnahmsweise hat man uns bis Ostern hier gelassen, weil der Nachfolger noch nicht ernannt, wenigstens wissen wir hier nichts davon . .

Er ist ernannt, Frau Professor, und er hat die Berufung angenommen, es ist. . . ein guter Bekannter von mir, und in seinem Auftrag soll ich Sie ersuchen, hier zu bleiben, so lange es Ihnen behagt, und keines­falls noch im Winter an einen Umzug zu denken. Nicht wahr, das Versprechen geben Sie mir. Und nun sagen Sie mir von den Kindern, wie geht es den Knaben, und wie Hilde; in den zwei Jahren werden sie sich wohl sehr verändert haben. .

Tie Frau nickte.

Tie Jungen sind frisch und munter: zur Eisbahn find sie, und tummeln sich dort; sie begreifen ihren Verlust nicht, aber Hilde, ach, sie ist ein ernstes, ziel- bewußtes Mädchen geworden, fast zu ernst für die zwanzig Jahre, die sie heute vollendet. . ."

Heut ist ihr Geburtstag, ich wußte es wohl, ich habe mich absichtlich so mit meinem Kommen eingerichtet ... ist sie nicht hier?"

Nein, Gerhart, sie ist auf den Kirchhof gegangen, sich den 'Glückwunsch des Vaters zu holen . . . Ach, sie weiß, worauf es jetzt ankommt . . . die Pension ist klein Sie kennen ja unsere Verhältnisse; sie hat ihr Examen gemacht, und will nun weiter studieren ,. /'

Er hob erschreckt den Kopf.

Studieren! Das zarte Kind!"

Sie hat mir die Erlaubnis abgerungen; dabei lernt sie schwer, die toten Buchstaben wollen ihr nicht in den Kopf ja draußen im Freien mit bei» Vater jeden Strauch, jede Pflanze kennt sie, den Ursprung, die lateinische Bezeichnung, den Nutzungswert; Botanik ist ihre Welt, es ist ihr wie ein befohlenes Heiligtum, weiter zu wandeln, so viel ioie möglich in des Vaters Fußstapfen ... am liebsten wiirde sie Ilpothekerin werden, sie hofft, daß es freigegeben wird- . . . Hier, lieber Gerhart, sehen Sie auf dem Geburtstagstisch. . . nur Bücher, Bücher in den neuesten Ausgaben, die mein Mann noch nicht be­sessen . . . und ... es brauchte ja gar nicht zu sein, wenn das Kind nur wollte... ach ... . Gerhart, es ist alles so anders, seitdem die zwei Augen sich geschlossen."

Sie weinte, dann aber bezwang sie sich.

Ihnen kann ich ja alles sagen. Es bewirbt sich ein lieber, prächtiger Mann um Hilde. Beim Examen hat er sie kennen gelernt... ein Oberlehrer gleich darauf hat er mir geschrieben, ich mußte doch mit ihr sprechen ... da hätten Sie Hilde sehen sollen, ernst, und fest, und abweisend ... als ob man eine Sünde von ihr forderte doch still, ich glaube, sie ist eben nach Hause gekommen."

Es ist ein Herr drin bei Mama", hatte die alte Köchin draußen geheimnisvoll gesagt

Ein Herr? Fine, kenn' ich ihn?"

Ich sollte meinen!"

Ter Oberlehrer?"

Kann's nicht sagen, geh'» Sie man rein?

Gewiß Er. . . schrecklich; da möchte ich lieber nicht"

Aber die Frau Professor hat schon nach Ihnen ge­fragt, Fräuleinchen . . ."

Tie Alte öffnete weit die Thür und schob sie förm­lich hinein.

Hilde, wo bleibst Du denn so lange?" trat ihr die Mutter entgegen;wir haben einen lieben Gast."

Tas junge Mädchen verneigte sich, ohne aufzublicken. Tas zarte Gesicht war wie mit Blut übergossen, als ob sie die verlangenden Blicke des ungeliebten Mannes auf sich ruhen fühlte.

Hilde, ist das Deine ganze Begrüßung?" die Mutter fragte es, ärgerlich über das sonderbare Benehmen der Tochter.Deine ganze Freude?"

Tie kalte, helle Wintersonne schien nun wirklich in den Erker, in dem der Fremde stand.

Hilde sah auf ... es blendete sie anfangs; dann wurden die Augen groß und größer, wie erstarrt blieb sie stehen.

Gerhart!" schrie sie auf, -Gerhart . . . großer Gott, ist es möglich ... ein Traum. . ."

Und sie streckte die Arme ihm entgegen, und sie duldete es, daß er sie umfing, und einen Kuß auf die Stirne! drückte leise . . . und doch zärtlich.

Tann aber wie aus dem Traum erwacht, entriß sie sich ihm, flüchtete zur Mutter und einer Entschuldig­ung gleich flüsterte sie ihr zu:

Ich glaubte... es wäre der. . . der Oberlehrer!"

Närrchen Du", schalt die Frau,da kennest; Du den stolzen Mann schlecht, der kommt nicht wieder, wenn Du ihn nicht rufst."

Ein seltsamer Schimmer breitete sich über des Mädchens Züge wie verklärt sah sie aus.

Sie schüttelte den Kopf.

Nie, niemals!" sagte sie leise.

Und neue Wiedersehensfreude gab es, als die Knaben Freddy und Rolf von der Eisbahn nach Hause kamen; sie brachten der Schwester Schneeglöckchen mit.

Erste, italienische. . ." wie sie versicherten.

Josesine erschien mit Wein und Kuchen. Die alte Person hatte das Recht, auch ungefragt zu sprechen, ge­hörte sie doch schon seit langen Jahren zur Familie. . .

Wenn Sie ihr das blos ausreden könnten, Herr Doktor" vom Studium war die Rededie Frau Pro­fessor ist zu schwach, und giebt allem nach. Unser Herr der hätt's nie erlaubt, der war zu vernünftig dafür ich weiß, wie schwer es der Hilde wird, ja . . . winken Sie mir nicht zu, ich sage es doch Hildechen, wenn Sie auch böse werden. Die halben Nächte hat sie gelernt, und wie oft habe ich sie überhören mässen... bie Farbenlehre wollt ihr nicht in den Kopf. Du meine Güte, nun frag' ich Sie, Herr Doktor, was braucht so'n junges Ting, das nicht mal Maler werden will von Farben­lehre zu wissen? Grüne Hechte und blaue Karpfen, vielleicht noch rote Grütze, das ist die beste Farbenlehre, davon kann sie später mal Nutzen haben. Na, und jetzt das Ochsen mit all' den Kräutern, für'» Tod ist doch kein's gewachsen. Wenn uns're Hilde Petersilie kennt, und Till und Schnittlauch bann weiß sie genug, denke ich."

Ganz aufgeregt nahm bie Alte bas Brett mit dem Geschirr, und verließ das Zimmer.

Tie Stimmung der kleinen Gesellschaft war dabei recht heiter geworden.

Na, die hat's Ihnen aber gilt gegeben, Hilde", lachte Tr. Gerhart,Hilde, oder muß ich Fräulein Hilde sagen Sie nennen mig; ja auch so steif und förmlich Herr Doktor. Waren wir nicht früher wie Bruder und Schwester? . . . kommen Sie hier in den Erker, lassen Sie uns plaudern . . . sagen Sie mir, seit wann ist denn der Gedanke des Studiums so ernst in Ihnen geworden?"

Sie standen beide aut Fenster, und blickten in den verschneiten Garten hinaus. ,

Seitdem das Unglück über uns gekommen, fettbent mein Vater tot ist. . . icy muß versuchen, so vtel tote möglich selbständig zu werden, ich habe kerne Talente, die mir den Weg bahnen konnten.. . so hoch geht ja-