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nachdem Hella geendet hatte, dann hob er an: „Es war unrecht, mein Kind, mir das verschwiegen zu haben, doch will ich Dir weiter keinen Vorwurf darüber machen, sondern es Deiner erklärlichen Erregung zu gut halten, will Dir auch ferner zugeben, daß ein Tragen des gestohlenen Ringes zu einer Zeit, wo er eingestandenerweise mit Dir zusammenzukommen hoffte, eine kaum zu erklärende Dummheit von seiner Seite gewesen wäre. Doch was können uns jetzt diese Erwägungen noch nutzen, jetzt, nachdem bereits ein Jahr seit jenem Vorfall verflossen ist?"
„Aber, Väterchen, wir haben ihn doch beleidigt auf eine geradezu unerhörte Weise. Wollen wir das so ohne weiteres auf uns sitzen lassen?"
„Du vergissest, Kind, daß bis jetzt noch nichts erwiesen ist, ich will nicht leugnen, die Wahrscheinlichkeit scheint ja zu Gunsten Lohbergs zu sprechen, doch erwiesen ist damit noch nichts."
„Wer Du wirst dem nachforschen, lieber Vater; das läßt sich ja jetzt leicht, da wir den Verkäufer kennen, ermitteln."
Nun ja. Ich hätte zwar am liebsten die ganze Angelegenheit vergessen sein lassen. Die Sache war für mich abgethan. Und was willst Du denn, wenn sich nun in Wirklichkeit unser Verdacht als unbegründet erweisen sollte, was wir thun sollen? Willst Du ihn etwa wegen jenes Verdachtes um Verzeihung bitten?"
„Wäre das nicht Schuldigkeit? Wir haben ihn so sehr beleidigt, daß diese Sühne nur gerecht wäre."
„Wer, Kind, bedenkst Du denn nicht, daß eine solche Art der Entschuldigung nur eine neue Beleidigung wäre, schlimmer als die erste?"
„Vielleicht", sagte Hella, „dennoch darf uns das nicht abhalten, unser oder wenigstens mein damaliges Verhalten zu erklären."
„Wer, Kind, was würdest Du damit gewinnen?"
„Wenigstens könnte er mich alsdann nicht mehr für launenhaft halten, wie er jetzt jedenfalls thun wird."
Holthaus beugte sich zu Hella nieder, faßte sie um die Schulter und fragte in zärtlich besorgtem Ton: „Liegt Dir denn so viel an seiner Meinung, mein Kind?"
„Ich möchte mich ihm gegenüber entlasten, mich erdrückt die Schuld, die ich mir durch mein unüberlegtes Thun aufgebürdet habe."
„Ich verspreche Dir wenigstens, die Sache klarzulegen, Hella."
„Dank, lieber Vater!"
„Nun gieb einstweilen Fräulein Käthe den Ring zurück, das weitere wird sich dann finden.
Einige Wochen später, um die Mittagsstunde, klopfte Loßberg bei Holthaus an und wurde in den Empfangssalon geführt, wo nach wenigen Minuten der Herr des Hauses erschien.
„Sie sehen", begann Loßberg, „ich bin sofort aus Ihr Schreiben hierhergeeilt."
Holthaus verbeugte sich leicht.
„Ich würde, wenn Ihnen das nicht gepaßt hätte, auch die Reise zu Ihnen unternommen haben."
„Bitte, ich that das gern, und Sie können nach der Schnelligkeit, womit ich Ihrem Rufe gefolgt bin, ersehen, wie sehr mir darum zu thun ist, Aufklärung über mir Unbegreifliches zu erhalten, den Grund im Wechsel Ihrer Gesinnung mir gegenüber zu erfahren."
„Sie sind zu dieser Frage wohlberechtigt, Herr von Loß^- berg, dennoch wird es mir schwer, Ihnen diesen mitzuteilen. Derselbe ist nicht nur beschämend für uns, sondern er läßt mich auch befürchten, daß? Sie in der Wiedergabe desselben eine neue und schwerer wiegende Beleidigung erblicken könnten. Wenn ich" dennoch mich zu dieser Erklärung entschlossen habe, so geschieht dies auf dringenden Wunsch meiner Tochter, welche sich Ihnen gegenüber schwer belastet fühlt und behauptet, nicht eher wieder Ruhe finden zu können, bis Ihnen eine Erklärung Ihres sonderbaren — ich muß gestehen, in Ihren Augen wohl mehr als unhöflichen Verhaltens — geworden sei.
„Im voraus aber bitte ich Sie: Urteilen Sie milde, rechnen Sie mit den menschlichen Schwächen. Wir sind alle unvollkommene, allen möglichen Irrtümern unter- worfene Menschen, die wohl das Beste wollen, aber in ihrer Blindheit gerade das Gegenteil herbeiführen."
Loßberg hatte in kerzengerader Haltung dieser langen
Einleitung gelauscht. Die Einladung zum Sitzen hatte er abgelehnt, so standen sich die beiden Männer gegenüber Auge in Auge. Und mit steigender Verwunderung nahm Loßberg wahr, wie die Blicke des älteren Mannes sich vor den seinen senkten, oder zur Seite wichen. Es niußte Schweres sein, was man bis dahin vor ihm verborgen hatte.
Eine peinliche Pause war zwifcheu beiden Männern ein- getreten. Holthaus schien die Ausführung der übernommenen Aufgabe unendlich peinvoll. Aber ebenso sehr drängte es Loßberg, nun endlich Klarheit zu erlangen und dieser überaus unangenehmen Situation ein Ende zu wünschen.
So entschloß er sich zu der Mahnung: „Darf ich nun um jene Erklärung bitten, Herr Holthaus."
„Sie haben recht", entgegnete dieser, „zögern wir nicht länger mit dem, was sein muß."
„Sie erinnern sich wohl der letzten Geburtstagsfeier! meiner Tochter?"
„Sehr lebhaft, Herr Holthaus."
„Also an jenem Wend kam auf unerklärliche Weise ein wertvoller Ring, den ich an diesem Tage meiner Tochter, als altes Familienstück ihrer verstorbenen Mutter, übergeben hatte, abhanden."
„Die begleitenden Umstände ließen den Diebstahl nur auf einen der Gäste zurückführen. Es stand von vornherein fest bei mir, nichts von diesem peinlichen Vorfall verlauten zu lassen, aber nachforschen wollte ich doch im stillen, wem ich solche That zutrauen durfte. Da brachte mich dieser Vorsatz eines Tages, oder vielmehr Wends, zu einen: bekannten Pfandleiher, den Namen brauche ich Ihnen nicht zu nennen. Als ich den Flur betrat, hörte ich Stimmen in dem Geschäftszimmer. Ich beschloß deshalb, hier draußen zu warten, bis der Besucher sich entfernt habe; denn meiner Wsicht lag es ja fern, hier gesehen zu werden."
„Die dunkle Ecke neben einem Schrank verbarg mich denn auch den Blicken des bald darauf sich Entfernenden. Nicht so glücklich war jener- denn das Licht der Straßenlaterne, das beim Verlassen des Hauses voll auf sein Gesicht fiel, verriet mir die wohlbekannten Züge eines jungen Offiziers, und dieser Offizier waren Sie, Herr von Loßberg."
Loßberg sah den Sprecher scharf an; er! wollte eine Frage stellen, doch der andere kam ihm zuvor, indem er! fortfuhr: „Unmittelbar darauf betrat ich das Geschäftszimmer."
(Fortsetzung folgt.)
Nur eht Buch.
Novellette von B. Herwi.
(Nachdruck verboten.)
Ter Schnee fiel in' dichten Flocken. Das schwarze, eiserne Gitter, das Garten und Haus umgab, war schon ganz weiß geworden . . . der Gang von der Pforte bis zur Eingangsthür des Häuschens zeigte durch die Fußspuren regen Verkehr.
Tie Sonne, die Sonntagssonne wollte gar nicht zum Durchbruch kommen, nur hier und da zeigte der graue Himmel lichteren Glanz. den kahlen Zweigen der hohen Bäume wie der niedrigen Sträucher hockten die Vögelchen und zogen die kleinen Köpfe ein, als wollten sie ""sich vor den schweren Schneeflocken schützen.
Still war's umher.
Abseits vom Getriebe der Stadt lag Haus' und Garten, die zum Besitz der Universität gehörten, und von dein! jeweiligen Professor der Botanik bewohnt wurden.
„Professor Born", so stand auf dem kleinen Messingschild an der Mauer.
Eine altmodische Klingel hing daneben, die eben leisä gezogen wurde.
„Frau Professor, Besuch kommt", hatte die alte Tienerin gemeldet, „ein Herr steht draußen... im Pelz, ich kenn' ihn nicht, er kuckt sich alles so sonderbar an . ."
„Gehen Sie ihm entgegen, Josefine, fragen Sie nach seinem Begehr, er will vielleicht in's Laboratorium."
Eine tiefe Stimme ertönte:
„Frau Professor zu sprechen?"
Eine dabei überreichte Visitenkarte nahm die Alte iU Empfang.
„Wer Jinchen, kenn Sie mich, denn, gar nrcht mehr «s


