Ausgabe 
7.11.1902
 
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hat er mich mit nie dagewesenem Enthusiasmus begrüßt und endlos umarmt.Sieh, Mutter," meinte er,das war wirtlich schön, daß Tu mir das gesagt hast. Jetzt habe ich Tich noch einmal so gern. Dann ist ja mein Fleisch von Deinem Fleisch, und mein Blut ist Dein Blut. Da kann ich Dich ja gar nicht genug lieben!" Nie habe ich ein so stolzes und frohes Mutterglücksgefühl gehabt."

Wirklich schön, erhebend, Das giebt zu denken

Ein Haus weiter. Meine liebe Frau Professor, wacker, thätig, daS Herz auf dem rechten Fleck für ihre Kinder und "ihre Armen. Sie ist heute wieder ganz wohl- Aber nachdenklich. Es geht ihr so mancherlei durch den Kopf. Besonders neuerdings die Frage über die Aufklärung unserer Kinder. Und ihre Luise ist jetzt auch schon zwölf Jahre alt. Zwar in manchem noch ein Kind, das gelegent­lich verstohlen nach den Puppen schielt, oder im Grimm blättert. Aber groß und klug und beginnt in manchem Wesen sich zu ändern. Was ich dazu meine?

Ich erzähle meine Geschichte. Die macht starken Ein­druck. Allerdings ein Experiment. Aber voll Verstand und Ehrlichkeit. Freilich muß es ein Hochgefühl sein, eine solche Brücke zu seinem Kinde zu schlagen. Ueberlegen wir.

Andern Tags werde ich gerufen. Tie Frau Professor hat etwas Migräne; sie ist noch nachdenklicher als gestern. Wir kommen auf unser gestriges Thema zurück; ich bin nicht wenig neugierig, wie das Experiment aus- gegangen ist.

Merkwürdig genug", erzählt die Frau Professor; denken Sie, zufällig mußte ich gerade gestern Farbe be­kennen. Bei Direktors waren Zwillinge angekommen. Tas gab ein Fragen I Z w e i auf einmal! Wie das der Storch wohl fertig bekommen? Ob es vielleicht zwei Störche ge­wesen? Oder ob am Ende die ganze Geschichte mit dem Storch doch gar nicht wahr sei? Es sind Kinder in der Klasse, die darüber lachen:Weißt Tu", sage ich kurz entschlossen,wir wollen heute einmal vernünftig mit einander reden, mein großes Kind. Es ist wirklich nur eine alte Sage, ein Märchen. In Wirklichkeit geht alles n a t ü r - zu." Und so weiter. Es kam ganz hübsch und gut heraus. Und Luischen macht große Augen, sagt aber nichts als Gute Nacht, und verschwindet.

Wie ich aber vor dem Schlafengehen noch einmal ins Zimmerchen komme, höre ich statt der gewohnten Atem­züge unterdrücktes Schluchzen. Ich mache Licht: angstvoll chränende Kinderaugen starren mich an, und hilfesuchende Aermchen umklammern mich:

Weißt Tu, Mutter, gewiß ist ja alles wahr, was Tu mir erzählt hast, und ich will's Tir ja gewiß glauben . ... aber mich . . . nicht wahr? .... mich hat doch der gute Klapperstorch gebracht!" (Frkf. Ztg.)

Vermischtes.

Die Verdaulichkeit der Speisen. Ganz eingehende Atersuchungen über die Verdaulichkeit der verschieden­artigsten Speisen hat Tr. Friedriche Schilling in Leipzig angestellt. Ueber die Verdaulichkeit von Fleisch haben bis­her sehr abweichende Ansichten auch unter den Gelehrten geherrscht, hinsichtlich sowohl der verschiedenen Fleischarten als auch ihrer Zubereitung. Vor allem beseitigt Schilling einen weitverbreiteten Irrtum, demzufolge der Farben­unterschied zwischen rotem, schwarzem oder weißem Fleisch ein Kennzeichen für die Verdaulichkeit abgeben könnte. Ter Farbrnunterschied rührt lediglich von einem mehr zufälligen Eindringen von Blutfarbstoff her. Tas rote Fleisch eines Lachses ist nicht schwerer verdaulich als das weiße eines Hechts, das braune Fleisch einer Gans etwas schwerer ver­daulich als das weiße eines Huhns. Tas elastische Gewebe im Muskelfleisch aber ist immer unverdaulich. Beim Ge­flügel gilt dies auch für die Haut, namentlich wenn sie knusprig gebraten ist. Wenn jemand seinen Magen schonen soll, so muß er z. B. von einem Rippenstück die Haut und die nächste Umgebung der Knochen sorgfältig von dem Fleisch ablösen .Vom Geflügel sind weichgekochte Hühner und Tauben am besten bekömmliche etwas weniger schon Puten, ziemlich gut Enten, schwerer dagegen Gänse, von diesen namentlich die Brust tn geräuchertem Zustande.

Wildes Geflügel ist ebenfalls schwer verdaulich. Daß Kalb­fleisch in dieser Hinsicht dem Rindfleisch vorzuziehen sei, hat Schilling nicht bestätigt gesunden, wahrscheinlich, weil jenes schwerer zu kauen ist. Nicht sehr leicht zu verdauen ist ein Lungenhache, bei geeigneter Zubereitung aber boä Hirn, nämlich wenn es gekocht und durch ein Sieb getrieben ist. Entgegen früheren Behauptungen schreibt Schilling dem gekochten Fleisch eine bessere Verdaulichkeit zu, als dem roher:. Beim rohen Schinken ist von empfindlichen Leuten der scharf geräucherte Rand zu meiden, überhaupt ist ge­kochter Schinken mehr zu empfehlen. Hammelfleisch ist im ganzen bekömmlicher als Schweinefleisch. Im allgemeinen darf der warme Hammelbraten dem Kalb- oder Rinder­braten nicht nachgestellt werden. Wildfleisch ist bei vor­sichtiger Zubereitung leicht verdaulich, sei es Hirsch, Reh oder Hase. Sehr günstig stellen sich die Verhältnisse beim Fisch, gleichviel ob fetter Aal oder magerer Hecht. Aus­genommen ist natürlich die Fischhaut. Nach Schillings Be- ftmden äst Fischfleisch leichter verdaulich als Rindfleisch. Ueberraschend wird es vielen sein, daß Sardinen in Oel keine schwere Speise sein sollen. Ebensowenig ist gegen Krebs, Hummer und Auster, letztere ohne Bart genossen, etwas einzuwenden. Kaviar oder andere Fischeier werden vollständig verdaut, nicht so die Hühnereier, bei denen übrigens die Zubereitung in dieser Hinsicht keine Rolle spielt. Käse ist unbekömmlich nur in trockenem Zustand, Milch nur beim Genuß größerer Mengen. Im Mehl finden sich, immer einige Reste von Frucht- und Samenschalen, die der Magen nicht verarbeitet. Schwarzbrot, noch mehr Gra­hambrot und Pumpernickel enthalten solche Ueberreste in noch größerer Menge. Ebenso sind bei anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln stets kleinere unverdauliche Bestandteile vorhanden.

Blumen aus Fischschuppen. Die Indianer Venezuelas und des nördlichen Brasiliens verstehen es seit undenk­lichen Zeiten, geschickt Blumen nebst Blättern aus Fisch­schuppen herzustellen. Die Fische des tropischen Welt-t meeres zeichnen sich durch die Farbe und den Glanz ihrer Schuppen und Flossen aus, deren Farbenskala sowohl Blaßrot, Rosa, Scharlach, als Himmelblau, Ultramarin, Apfelgrün, Smaragdgrün, Olivegold, Orange, Grau, Lila und Purpurfarbe umfaßt. Die Schuppen lassen sich mit starkem Fischleim, welcher sehr dauerhaft und haltbar ist, leicht aneinander oder an Drähten befestigen.

Diese Kunst wurde nach den westindischen JUseln ver­pflanzt, wo sie von den Spaniern ausgeübt wurde, und während des kubanischen Krieges gelangte sie auch nach dem amerikanischen Festlande und fand eine Heimat in Florida. In diesem Jahre hat sie sich aber noch weiter nach Norden ausgebreitet und hat endlich in Newyork eine Stätte gefunden.

Eine der Werkstätten in Newyork wird' von einer in­telligenten, geschickten Frau geleitet. Ihre Werkzeuge bilden Schere, Nadel umd Faden, mit Stoff oder Garn bekleideter Draht, eine Drahtzange, ein Leimtopf und Pinsel, sowie einige Pressen, um den Schuppen die gewünschte Biegung und Form zu verleihen. Die Schruppen sind gewöhnlich glatt, wenn sie zur Verarbeitung Eintreffen und müssen gewölbt und gekräuselt werden, um Blumenblätter, Kelche und die verschiedensten Blattformen darzustellen. Eine fertige Blume besitzt eine phantastische Schönheit, welche einzig in ihrer Art ist. Die Form und Farbe der Pflanzen sind vorhanden, außerdem aber besitzen diese Blumen eine Durchsichtigkeit und eine Festigkeit der Linien, welche wir im Reiche Floras eigentlich nicht finden. Das Farbenspiel ist oft überraschend nnd bisweilen so prächtig und dennoch so gedämpft, daß die Blumen aus einer neuen Art der besten und schönsten Perlmutter gefertigt zu sein scheinen.

Gleichung.

(Nachdruck verboten.)

(ab) + o (de) + f = x.

a Stadt in Anhalt, b Stadt in der Schweiz, c Haustier, d Gemüts­bewegung. e Körperteil, f Fürwort, x Wein.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Anagramms in vor. Nr.: a. Siam, Nagel, Emil, Schnee, Serie, Rede, Seil, b. illaiS, Angel, Leint, Aschen, Liese, Erbe, Ilse.

Malerei.

Redaktion: Turt Plato. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UniversitätS°Buch- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.,