Mittwoch den 8. Januar.
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1902. — Nr. 4.
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idjt biel sind tanfenb Frcund', Ein einiger Feind ist viel; Denn diesem ist es Ernst, Und jenen nur ein Spiel.
Rückert.
Nachdruck verboten.
. Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolf s.
(Fortsetzung.)
Clarita selbst drängte zu der Reise. Seit der Kränklichkeit ihres Kindes war eine eigene Wandlung in ihrem Wesen eingetreten; sie lernte Geduld. Sie wünschte daher jetzt nur ein schönes, einsames Fleckchen Erde zu finden, wo sie in stärkender Luft und stiller Zurückgezogenheit ihr Kind pflegen und selber unbeachtet von den Menschen die Rückkehr ihres Gatten erwarten könne. Zu diesem Zweck eignete sich trefflich das reizende Idyll im Ansathale, wo Clarita jetzt in ihrer trauten Häuslichkeit neben ihres Kindes Wiege saß und die ganze Vergangenheit wie im wachen Traume an ihrem Geiste vorüberziehen liefr Allmählich jedoch nahmen jene Traumgebilde eine düstere Färbung an. Seit langen Monden schon war Clarita ohne jegliche Nachricht von Alexis, seine Briefe waren, kaum daß er die Heimat erreicht hatte, ausgeblieben, und selbst der weite Raum, der die Gatten nunmehr trennte, bot längst keine ausreichende Erklärung mehr dafür. Die einsame Frau ver- zebrtc sich innerlich in Sorge und Sehnsucht, zu der sich mit der vorschreitenden Zeit immer mächtiger unaussprechliche Angstzund vollständige Ratlosigkeit gesellte. Sie war ja ganz verlassen in fremdem Lande; denn obwohl Alexis die Wsicht gehabt, sofort Dimitri zu ihr zu senden, blieb auch dieser aus, die ihrigen aber, Donna Frasquitta und Don Jose, wie waren sie fern! Vor einem Jahre, kurz vor Alexis Abreise hatten sie die letzten Nachrichten von Teneriffa erhalten. Don Jose war von seiner Seefahrt heim- gekehrt; er schrieb selbst, nur wenige Worte. Dazu eine ausführliche Auseinandersetzung über Maritas Vermögensverhältnisse. Als treuer Verwalter hatte er ihr hübsches Vermögen ansehnlich vermehrt und nun die ganze Summe der einem Marseiller Bankhaus deponiert. Dort stand es täglich seiner Besitzerin zur Verfügung. Von Marseille aus fanden auch pünktlich Briefe und Geldsendungen ihren Weg nach Pallanza. Erst vor wenigen Tagen war solch ein Geldorief eingetroffen, doch hatte er die arme Clarita wenig erfreut. Geld war ihr gleichgiltig; sie besaß dessen genug nebst dem Bewußtsein, durch ihr eigenes Vermögen vor
aller materiellen Not gesichert zu sein. Ganz andere Sorge nagte an ihr. Sie zweifelte nicht an Alexis Liebe und Treue/ aber — oh! es war ein trostloses Aber! Gespensterhaft zogest durch ihre Gedanken alle Möglichkeiten, die ihren Gemahl! zu fesseln vermochten. Hatte die Vermählung mit ihr feilt Geschick entschieden? Wie oft schon hatte diese Frage in letzter Zeit ihre Seele gequält! Wie quälte dieselbe sie wieder in dieser stillen Abendstunde! Verbot auch der Stolz ihr, vor der Umgebung irgend welche Unruhe und' Unsicherheit blicken zu lassen, in der Einsamkeit verlangte ihr fast verzagendes Herz fein Recht. Die schönen Hände in einander gerungen, kniete sie neben dem Bette ihres Kindes. Sie wollte beten nnd — konnte es nicht. Sie konnte es nicht mehr schon seit langer Zeit, seit jenem Tage, da sie mit einer Lüge vor dem Altar gestanden, weil sie Don Jose, den treuen Vormund verleugnend, sich ausgegeben als völlig alleinstehend in der Welt.
Eine schreckliche Erfüllung hatte das Wort gefunden: sie stand jetzt allein auf Gottes weiter Erde, vielleicht für immer von dem Gatten verlassen! Er konnte in der weiten Ferne gestorben sein, ohne daß eine Kunde davon zu ihr drang. Er konnte — um der Liebe Gottes willen. Was konnte nicht alles geschehen fein? Wie wenig, wie unvollständig waren die heimatlichen Verhältnisse ihres Mannes ihr bekannt. Stets hatte er ihbe bedenklichen Fragen hinweggelacht, statt sie klar zu beantworten, und dann war die Trennung so rasch, so unvermittelt gekommen und das Herzeleid habet solch ein ungestümes gewesen, daß kaum Zeit geblieben, das Nächstliegende zu besprechen.
Hastig sprang Clarita auf. Aus dem Geheimfach ihres Juwelenkästchens zog sie den Trauschein hervor, sie las und las immer wieder die inhaltreiche Schrift, welche ihrs und ihres Kindes Ansprüche auf alle Fälle unantastbar machte.
Für alle Fälle! Wieder stellte sich der Gedanke an Alexis Tod ein, und heiße Thronen stürzten unaufhaltsam! aus ihren Augen. Allmählich jedoch wurde sie ruhiger/ die tiefe Stille der Nacht wirkte besänftigend auf ihr erregtes Gemüt. Sie schalt sich selbst — eine Thörin! Selbst wenn Unheil ihren Gatten betroffen, so blieb immer noch Dimitri, der treue Diener, der den Weg zu ihr kannte.' Nachrichten mußten daher unbedingt bald kommen!
Es ist ein eigen Ding um die Hoffnung! Clarita untersuchte nicht, wie sehr die ihrige dem Strohhalme gleichen mochte, nach dem der Ertrinkende greift; sie klammerte sich daran, und während geistige und körperliche Erschöpfung sie zwangen, ihre Nachtruhe zu suchen, tröstete sie sich wie schon gar oft mit dem kommenden Tage, der alles wenden könne!


