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alle die Gewichtigkeit einer Verurteilung. Sie haben ja selbst die Verhandlungen mit angehört, und ich habe das Ergebnis soeben in der Zeitung gelesen. Sämtliche erschwerende Umstände waren aus dem Wege geräumt und aus der Anklage gestrichen. Ich habe in dieser Sache genügend Schritte gethau. Selbst der Justizminister, mit 5em ich deshalb in letzter Zeit öfters Wsammengekornmeu bin, ist heute geneigt, mit meinen Augen zu sehen. Man muß eben verstehen, jede Sache in das rechte Licht zu setzen. Man hat die ganze Geschichte einfach auf einen Streit ziwischen Mann und Frau zurückgeführt, dessen Folge ein unbedachter, unbewußter Gewaltakt war. Sempach, selbst wenn er verurteilt worden wäre, wäre in seiner Ehre nie befleckt gewesen."
„Gut. — Also sprechen wir nicht mehr darüber. — Und die Gefangenschaft?"
„Zwei — im höchsten Falle drei Jahre. Tie hinzu- tretenSen Umstände kommen nicht in Betracht. Selbst die Staatsanwaltschaft hatte sie vorausgesetzt und miteiugerech- net. Und glauben Sie denn nicht, daß es all unseren vereinigten Bemühungen und Einflüssen, den Ihrigen, den meinigen und den feinigen nicht gelungen wäre, die Strafe aus die Hälfte zu vermindern? — Wo hätte er sie ab gesessen? Entschieden in einer Heilanstalt. Zweifeln Sie etwa, daß man uns diese Begünstigung gewährt hätte?"
„Nein, nein, Sie hätten dies gewiß durchgesetzt — aber —"
„Nun denn!" unterbrach sie ihn mit fieberhaft aufgeregter, fliegender Stimme. „Nun, konnte er denn nicht mit einem oder zwei Jahren Langeweile und Entbehrungen, die — sagen wir: die Opfer bezahlen, die ich ihm gebracht habe? Jawohl: die Opfer! Er liebte mich, — aber ich liebte nicht ihn; oder wenigstens — ich bin immer offen und ehrlich — liebte ich ihn nicht genug, um den Fehler zu begehen, den ich begangen hatte, wenn ich nicht mit seiner Liebe Mitleid gehabt hätte — ja, ja, ja, Mitleid. Er hat mich beschworen und angefleht, in jenes Haus zu kommen; ich habe ihm nachgegeben. Ich wollte ihn nicht meinetwegen leiden lassen. Nun, so konnte er denn jetzt auch seinerseits um miti) leiben. Glauben Sie nicht, daß es mehr als einen Mann gäbe, der bereit wäre, meine Liebe mit feiner Freiheit, mit einer Halb-Gefangenschaft zu erkaufen? — Tenn er hielt sich für geliebt. Er hoffte immer noch, und ich ließ ihn hoffen. Er glaubt sich heute noch geliebt. Und er wird es morgen nur noch um so fester glauben."
„Weshalb morgen ?" fragte er erstaunt.
„Weil ich morgen", — dabei richtete sie sich vor ihm auf, legte ihre Hände auf feine Schultern und blickte ihm voll in die Augen, „weil ich morgen zu den Richtern sprechen werde: Ties junge Mädchen täuscht Sie — sie lügt — sie lügt. Sie ist ihm niemals mehr als eine Jugendfreundin, eine Schwester gewesen. Sie hat sich um feiner Rettung willen geopfert, weil ich mich nicht opfern wollte; benu ber Angeklagte hat sich mit mir und bei mir allein am Abend des Verbrechens befunden."
„Wie? Tas wollten Sie sagen?" rief er verblüfft aus.
„Gewiß werde ich das sagen!" antwortete sie. „Tiefen Entschluß hatte ich sofort gefaßt, als ich von dem Vorfall Kenntnis genommen hatte. — Ich habe kein Recht mehr zu schweigen. Jetzt handelt es sich um Dich — um Dich, den ich liebe und für den ich mich zu Grunde richten will."
„Oh!"
„Tie Ehre Deiner Schwester ist die Deinige, die unfrige. Ich muß darüber wachen. Vor biefer Pflicht tritt alles andere in den Hintergrund: sowohl die Sorge um meine Ehre als auch Befürchtungen jeder anderen Art. Für mich giebt es weder eine gesellschaftliche Stellung, noch hohe Verbindungen in ber Welt, noch Familie, noch Gatten — für mich giebt es nur mehr Tich allein, Tich, Tich allein!"
Sie entfernte sich von ihm, warf sich in einen Fauteuil und fuhr bann nach einer Pause, mehr Herrin über sich selbst, etwas ruhiger, aber Entschlossenheit in ihrem Tone, fort:
„Sie werden morgen oder später, wenn sie wieder gesund ist, Ihrer Schwester flar machen, daß es unnötig ist, vor den Behörden, die sie ja unbedingt befragen und von ihr Erklärungen und Tetails verlangen werden, — auf ihrer Lage zu bestehen. Ich werde jedenfalls noch vor ihrem Verhör mit den Gerichten gesprochen haben
und ihnen alles sagen, was notwendig ist, um ihre CTr« unangetastet zu lassen, und um die Erinnerung an ihr Opfer auszulöschen."
Er lauschte ihr, ohne etwas zu erwidern. Taufend Gefühle durchwogten ihn; er war erschreckt von der Gefahr, der sie in die Arme lief — entzückt über die Tiefe, mit der sie ihn liebte, von Tankbarkeit und Bewunderung durchdrungen, bis ins Innerste gerührt.
Was sollte er auch sagen, wenn er wirklich reden wollte? Sollte er sie etwa anflehen, den Schritt zu unterlassen, sich nicht anzuzeigen, und nicht selbst zu verderben? Tann war Bertha verloren. Hatte er das Recht, feine Schwester der Geliebten zu opfern, — der Ehre dieser die Ehre jener vorzuziehen? — Nein.
Er antwortete gar nichts. Doch in plötzlicher, heftiger Bewegung stürzte er auf sie zu, warf sich vor sie auf die Kniee, nahm ihre beiden Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen.
„Tu liebst mich wohl sehr?" fragte sie, ohne sich zu ihm herabzubeugen.
„Oh! Wie ich nie gedacht hätte, daß man lieben kann."
„So werde ich denn niemals, was immer auch kommen möge, den Entschluß bereuen, den ich gefaßt habe."
Tann zog sie ihn empor, erhob sie sich selbst und preßte lange Zeit ihre Lippen in fein dichtgewelltes, üppiges Haar .. .
(Fortsetzung folgt.)
Vom Klapperstorch.
Eine aktuelle und wahre Geschichte.
Ich kam aus der Komitee-Sitzung. Ein Damen-- Komitee, dem ich als Arzt angehöre. Lauter finge, unterrichtete, besonnene Frauen. Das Thema war dasselbe gewesen, von dem die ganze Stadt jetzt spricht, alle Frauen, auch manche Männer. Sollen unsere Kinder auf geklärt werden? Unbedingt, da war fein Zweifel, fein Widerspruch gewesen. Aber wann? wieweit? Wie? Bon wem? Hierin waren die Ansichten wohl weit auseinandergegangen. Mer darüber herrschte nur eine Stimme: So wie jetzt darf es nicht weitergehen. Tie Majorität soll entscheiden. Durch Beratung und Beschluß muß hier endlich und endgültig Wandel geschaffen werden. Tas alberne Gerede vom Klapperstorch muß ans ber Kinder- erziehung verschwinden.
Ich gehe nachdenklich meiner Wege. Gut, daß ich nicht Farbe zu bekennen brauchte. Am Ende wäre mir doch etwas beklommen zu Mute gewesen, Webar dem alten Freunde den Kragen herumdrehen zu Helsen. Wer aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wie werde ich's im eigenen Hause damit halten? Gut, daß ich's mir noch eine Weils überlegen kann.
Noch ein paar Abendbesuche. Hier ein kleiner Rekonvaleszent. Tas Berufliche ist rasch erledigt. Bleiben noch einige Minuten zum Plaudern. Tie Mutter ist eine echte Amerikanerin. Frei, gescheit, offen- Ta plaudert sichs gut und gern. Thema natürlich: Sollen unsere Kinoer aufgeklärt werden?
„Wissen Sie, Doktor", sagt die Amerikanerin, „ich kann die Bedenken Eurer deutschen Mütter gar nicht verstehen. Das ist nur Denkfaulheit und Bequemlichkeit. Wir drüben werden ohne Eure Ammenmärchen fertig. Im Gegenteil, die gegenseitige Aufrichtigkeit macht unsere Kinder früh reif und tüchtig. Mein Bub war ein Schlingel von acht Jahren, frisch und aufgeweckt, als mir sein Fragen unbequem zu werden anfing. Tie Geschichte vom Klapperstorch, die er von seinen deutschen Spielkameraden nach Hause mitgebracht, hatte nur zu neuen endlosen Warum und Woher Veranlassung gegeben.
„Weißt Tu", sagte ich ihm da eines Tages, „solche Geschichten brauchst Tu nicht zu glauben. In ber Welt geht alles natürlich zu. So wie braußen im Garten der Apfel ans dem Baum herauswächst und reif herabfällt, damit ein neuer Baum aus ihm entstehen kann, so bist Tu ans Deiner Mutter gewachsen, und zur Welt gekommen. So ists auch nicht anders."
Wie das der Junge ausgenommen hak? Zunächst war er sehr erstaunt. Tann ist er in den Garten gegangen und hat sich die Apfelbäume sehr genau angesehen; dann hat er sehr intensiv nachgedacht. Wer am nächsten Morgen


