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Ich flehe den Gerichtshof, flehe die Geschworenen, flehe alle die hier anwesenden Personen an, ihren Worten kein Gehör, keinen Glanben zu schenken. Ich flehe darum!"
Cie aber wendete sich zu ihm uud sah ihm ruhig in die Augen:
„Sie sind es, der aus Furcht, mir zu schaden, so lange geschwiegen hat und selbst heute noch schweigt. Aber die Richter werden mir glauben müssen. Ich werde ihnen beweisen, was ich behaupte. Ich werde ihnen jenes §ciu8 bezeichnen, in dem wir itn§ zu jener Stunde, da das Verbrechen begangen wurde, befanden. Sie hätten sich, ich weiß, für dies Verbrechen verurteilen lassen, wenn ich weiter die Feigheit gehabt hätte, bis zu Ende zu schweigen."
Er sah jetzt ein, daß sie fest entschlossen war, daß sie nicht weichen würde. Dumpf ließ er sich auf seine Bank fallen. Seine Nerven, die ihm bis dahin unbeugsamen Mut verliehen hatten, ließen nun nach, und er begann bitterlich zu weinen.
Er mußte ja weinen, gerührt, erweicht, besiegt von dein übermenschlichen Opfer dieses jungen Mädchens, — er konnte nicht anders.
Und auch im Saale flössen die Thränen. Eine plötzliche, vollkommene Umwandlung, wie sie bei der Menge so oft vorkommt, hatte sich eben vollzogen. Kein Mensch dachte mehr daran, ihm seine Kälte, die Trockenheit der Antworten, sein verstocktes Stillschweigen zum Vorwurf zu machen. Jetzt hatte man ihn verstanden, man bewunderte ihn. Man wußte ihm Tank für die Rührung, die er jetzt erzielte, für die Thränen, die er zu entlocken wußte, uud für die, die er selbst vergießen mußte. Und eine Stimme ging durch den Saal: „Recht hat er gehabt, zu schweigen Und sich bis zum letzten Moment zu sträuben, etwas zu zu sagen. Und sie, — sie hatte recht, zu sprechen. Tas ist schön, das ist groß, was sie thu-t!" In dieser ersten Bewegung, nur dem ersten Eindruck gehorchend, dachte kein Mensch daran, in ihr eine Geliebte, ein schuldiges Weib zu sehen. Mau sah in ihr nur das Weib, das sich hingegeben hatte und sich heute opferte, um den geliebten Mann zu retten.
Ter Gerichtshof hatte sich erhoben, und ohne den Saal zu verlassen, berieten sich die Räte, neben ihren Sitzen hinter dem Tisch stehend, mit dem Staatsanwalt.
Zwei oder drei Minuten waren verstrichen, als sie sich wieder auf ihre Plätze begaben. Daraus sprach der Präsident:
„Infolge des eben eingetretenen Zwischenfalls, der von der Natur ist, eine neue Untersuchung einzuleiten, erkläre ich kraft meiner Amtsgewalt die Fortsetzung der Verhandlungen auf einen neuen Termin verschoben."
Viele Personen verrieten ihre arge Enttäuschung. Tas war viel zu rasch zu Ende. Sre hätten lieber, ohne auf die Erfordernisse der Gesetze uud die Formalitäten, die sie auferlegen, Rücksicht zu nehmen, eine sofortige Lösung gewünscht.
Mer von anderer Seite wieder billigten die Sachverständigen den Entschluß des Präsidenten, und man konnte einige diskrete Beifallskundgebungen vernehmen.
Ter Gerichtshof hatte sich zurückgezogen. Die Geschworenen verschwanden einer nach dem andern. Das Publikum, das von den Gerlchtsdienern aufgefordert wurde, den Saal zu verlassen, schied, noch immer in großer Bewegung, mit tiefem Bedauern, man plauderte ganz laut und tauschte seine Meinungen aus.
Nachdem Herr von Sempach mit seinem Verteidiger einige Worte gewechselt und seinen Freunden, die auf ihn zugeeilt waren, die Hände geschüttelt hatte, ließ er sich von seinen Wächtern wieder absühren. Er war ja immer nur noch Angeklagter, dessen Prozeß nur einen Aufschub erlitten hatte.
Fräulein Rakenius ließ ihn gehen, ohne den Versuch zu machen, zu ihm hinzugehen oder mit ihm zu sprechen. Rur ihr Blick folgte ihm. Sie war auf ihrem Platz geblieben, gebrochen, beinahe verblüfft über das, was sie zu sagen eben gewagt, was sie gethan hatte. Auf den Lärm folgte tiefes Stillschweigen, nur das Geräusch verworrener und verhallender Stimmen schlug noch an ihr Ohr. Tie Muke waren bereits leer, doch ihr Blick sah noch den Gerichtshof, die Geschworenen, das ganze Publikum und den Angeklagten.
Ihr Bruder trat auf sie zu.
„Komm!" jagte -er zu ihr, indem er sie mitziog.
Sie gehorchte ihm willenlos.
So gingen sie durch eine Hinterthür hinaus, stiegen die Treppe hinunter, durchschritten die große Vorhalle und stiegen unten in eine Droschke.
Während der ganzen Fahrt wechselten sie keine Silbe miteinander.
Doch kaum in ihrer Wohnung angelangt, trat Bertha in den Salon des Erdgeschosses und ließ sich dort in den ersten Fauteuill fallen.
Nach einem Augenblick näherte sich ihr Georg, berührte leise ihre Schulter und fragte sie sanft, aber mit tiefer Traner im Ausdruck:
„Bertha, was hast Du gethan?"
Diese Worte weckten sie wie ein elektrischer Schlang. Sie sprang auf und antwortete:
„Ich habe gethan, was--sie hätte thun sollen."
„Aber Tu bist jetzt verloren, unglückliches Kind."
„Was liegt daran, wenn ich nur ihn gerettet habe." „Ja, aber ist er wenigstens dadurch auch wirklich gerettet?"
„Ja. Ich werde auf meiner Lüge bestehen, und man wird mir glauben müssen."
„Aber man wird mich fragen, mich, Deinen Bruder, und es ist meine Pflicht, gegen Deine Erklärung Einwand zu erheben, es ist meine Pflicht, zu sagen, daß Tu mich während des ganzen Abends, an dem das Verbrechen verübt worden war, nicht verlassen hast, und daß Tu somit nicht bei ihm gewesen sein konntest."
„Tas wirst Du nicht sagen", rief sie. „Ich wäre dadurch in keinerlei Weise weniger kompromittiert, und Tu würdest dadurch nur Deinen Freund und zweiten Bruder verlieren. Tu wirst nicht noch zu all Deinen anderen Fehlern auch diesen hier begehen."
„Zu all meinen anderen? Zu was für Fehlern?" murmelte er.
„Ah, Tu kennst sie wohl. . . Zwing mich nicht, sie Dir vorzuhalten. Ich wollte sie wieder gutmachen. Nicht an Dir ist es, mich zu tadeln, mir Vorwürfe zu machen. Ach, laß mich, laß mich! Ich leide--ich leide furchtbar. Geh,
geh zu ihr und erzähle ihr, was ich--gethan habe-->
an ihrer Stelle."
Ihre Kräfte verließen fte, und sie brach schluchzens zusammen.
59. Kapitel.
Georg blieb bis neun Uhr abends am Bette seiner Schwester, die infolge der Aufregungen der letzten Zeit, insbesondere des heutigen Tages, ein heftiges Nervenfieber gepackt hatte. Er verließ sie dann nur, um zur Gräfin Do- roukoff zu eilen, die ihn schon längst erwartete, und der er versprochen hatte, ihr als erster die Ereignisse des Tages zu überbringen. Sie empfing ihn in ihrem kleinen Salon des Erdgeschosses und sagte lebhaft, sobald sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte:
„Ich weiß alles. Ein Mitglied des Künstlerklubs hatte der Verhandlung beigewohnt. Er war Zeuge des durch Ihre Schwester hervorgerufenen Zwischenfalles und hatte nichts Eiligeres zu thun, als es im Klub zu erzählen. Ter Graf, der heute aus Zufall mit mir gespeist hat, über- brachte mir diese Nachricht. Ah! Ich hatte bei Gott Mühe, mich zu beherrschen und mich nicht in seiner Gegenwart zu
„Ja", ries er mit gleich erregter Stimme, ebenso aufgeregt wie sie, „ich begreife, was Sie -empfinden mußten, und ich bvdaure. Sie nicht vor dem Grafen gesprochen zu haben. Verzeihen Sie mir, aber ich konnte meine Schwester nicht verlassen. Sie war in einer zu furchtbaren Aufregung."
„Ich glaube es gern. Sie mußte den Kopf verloren haben, um diese That zu begehen. Ah! Und sie setzt uns alle in die fürchterlichste Lage."
„Sie haben recht", murmelte er.
„Und dabei zu denken", begann sie wieder, „daß ihre --edle That ganz umsonst gewesen ist. Herr von Sempach wäre ja gar nicht verurteilt worden."
„Ich glaube, daß Sie sich in diesem Punkte täuschen", sagte er, den Kopf, den er bisher gesenkt gehalten hatte, erhebend.
Da trat sie ganz dicht an ihn heran, und sagte ihm mit harter Stimme, funkelnden Augen, während ihr das Blut in die Wangen schoß:
„Nun denn, so wäre er es gewesen! Ihr übertreibt


