Freitag -en 7. November.
[902. — Nr. 165.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel.
(Fortsetzung.)
58. Kapitel.
Bei diesem Ruf hatte sich der ganze Saal vom ersten Rang bis auf den letzten Platz erhoben. Tie Geisch!worenen beugten sich über ihre Bänke. Wie vom Blitze getroffen, atemlos und zitternd richtete sich der Angeklagte zwischen seinen Wächtern empor. Nur der Gerichtshof erschien unerschütterlich.
Bon allen Setten erhob sich! ein Flüstern, Zischeln und Rauschen. „Was ist denn vorgefallen? — Wer hat das gerufen? — Was hat man denn gesagt?" lauteten die hastigen Fragen jener, die schlecht verstanden hatten.
Andere wieder zeigten auf ein Frauenzimmer, das neben der Rechtsanwaltsbank, einige Schritte vor dem Verteidiger, hochaufgerichtet stand. Sie hatte dem Saale den Rücken gekehrt und war mit dem Gesicht her Tribüne, auf der der Gerichtshof saß, zugewendet. Man konnte nur eine schlanke Gestalt, ihre schön abfallenden Schultern, die harmonischen Linien eines noch jungen, aber bereits entwickelten Körpers unterscheiden.
Ter Präsident rief:
„Ich bitte das Publikum, sich- zu setzen und Ruhe zu halten. Wenn der Lärm andauert, lasse ich den Saal räumen."
„Setzen! Setzen! Setzen!" schrie es von allen Seiten.
Kaum war die Ruhe wieder hergestellt, ergriff der Präsident abermals das Wort. Man hatte sich beeilt, dem Befehle zu gehorchen. Jetzt wollte alles bleiben, man wollte alles erfahren. Tas bis dahin schlummernde Interesse war soeben erwacht und lebhaft im Wogen.
Ter Präsident wendete sich an den Staatsanwalt und sagte:
„Herr Staatsanwalt, Sie wurden in Ihren Auseinandersetzungen unterbrochen. Wenn es Ihnen gefällig ist, bitte for^ufahren."
Ter Vertreter der Staatsanwaltschaft lüftete sein Barett und erwiderte:
„Ein Zwischenfall von hoher Wichtigkeit hat sich zu- tzetragen. Wenn ihn der hohe Gerichtshof berücksichtigen will, stehe ich zu Tiensten."
Hierauf wechselte der Präsident mit den ihn umgebenden Räten, zu denen er sich herabbeuglte, einige Worte Und befahl dann idem Gerichtsdiener:
„Gerichtsdiener- lassen Sie die Person vortreten, die soeben den Zwischenruf gethan hat."
Ganz von selbst, ,ehe sie noch derselbe zu der ihm Bezeichneten herabbcgeben hatte, > war sie schon einige
Schritte vor und ,an die für die Zeugen bestimmte Ban? getreten.
„Wer sind Sie Und wie heißen Sie?" fragte der Prä-! sident. Mit einer Bewegung verhinderte er den Ange- klagten, der sich erhoben hatte, um zu sprechen, und sagtet ,Marten Sie. Schweigen Sie jetzt. Ich verbiete Jhnen- zu reden."
Tie befragte Zeugin antwortete mit etwas bebender-, aber trotzdem sehr deutlicher Stimmer
„Bertha Rakenius." ,
„Sind Sie nicht die Schwester eines der eben vernonki menen Zeugen?"
„Ja, Herr Präsident. Ich bin die Schwester des Malers Georg Rakenius."
Georg wollte dazwischen fahren. Tvch der Gerichts-! diener, der neben ihm stand, verhinderte ihn daran.
„Sie behaupten also", nahm der Präsident wieder auf, „daß Sie mit dem Angeklagten am Abend des Verbrechens! beisammengewesen sind?"
„Ja, ich! behaupte dies. Won neun Uhr abends bis' Mitternacht hatte er mich nicht verlassen."
„Glauben Sie ihr nicht! Glauben Sie ihr nichts schrie Sempach dazwischen, der such nicht mehr zurückhalten konnte. ,
Im Saale herrschte das tiefste Schweigen. Man lauschte atemlos.
Ohne den Einwurf des Angeklagten zu berücksichtigenfragte der Präsident • weiter, zu Bertha Rakenius gewendet: •
„Warum haben Sie bis heute mit dieser Erklärung gewartet?"
„Ich hatte anfangs die Hoffnung", antwortete sie, „daß die Untersuchung auf irgend einen Befehl würde eingestellt werden. Tann später und auch twd> heute dachte ich, daß die Unschuld Herrn von Sempachs ans Tageslicht kommen müsse — daß ihn hier diese ganze Welt, nachdem sie ihn gesehen und gehört hatte, eines Mordes nicht für fähig halten könnte. Aber alles hat sich gegen ihn gewendet, — selbst seine Diskretion, sein Stillschweigen, das Geheimnis, das er mir bewahrt hatte. — — Ich fühlte Angst, aber trotz seiner Bitten, trotzdem er es nicht zugesteheu wird, muß ich endlich die Wahrheit sagen."
„Angeklagter, erheben Sie sicht"
Bleich, zitternd, voll tiefer Bewegung erhob er sich ES war nicht mehr derselbe Mensch den bis dahin nichts' zu berühren schien.
„Sie haben gehört, was diese Zeugin eben gesagt hat- — was haben Sie darauf zu erwidern?"
„Ich erwidere, daß Fräulein Rakenius wohl meins Jugendfreundin, meine Freundin und Schwester ist, — ein« Schwester, für die ich die größte Ehrfurcht hege, das heiligste aller Gefühle. Sie war an jenem Abend nicht in meiner Gesellschaft, das kann ich beschwören. Sie versucht in dem! Augenblick die Justiz zu täuschen, nur um mich M rette«,;


