Ausgabe 
7.6.1902
 
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Krach und mitten im besten Redefluß des Inspektors ver­schwanden Armin und Traute unter dem Tisch. Ter wacklige Schemel, aus dem sie saßen, hatte nicht länger die Last ihrer beiden jugendkrästigen Gestalten ertragen.

Tos war zu viel sür den aufgeregten Hund. Gr riß sich los und fuhr mit wütendem Gekläff ebenfalls unter den Tisch, wo sich die beiden Verunglückten vor unterdrücktem Lachen nicht erheben konnten. Es gab ein wildes Durch- einander, der Schäfer versuchte fluchend seinen Hund am Schwanz hervorzuziehen, und säst wäre der ganze Koffee- tisch umgerissen, wenn Herr Velten und der Inspektor ihn nicht krampfhaft gehalten hätten.

Ter Effekt der schönen Rede war hin und es wirkte Unwiderstehlich komische als Armin und Traute endlich wieder zum Vorschein kamen, Armin in seinem dunklen Anzug von oben bis unten mit Milch begossen und Traute in ihrem Hellen Kleide mit schwarzem Kaffee.

An Fortsetzung und Schluß der Rede war nicht zu denken, Herr Velten dankte mit herzlichen Worten und die Geschenke wurden gerührt entgegengenommen, bis auf den vielverheißenden Köter, der mit einem großen Auf­wand von Zartgefühl als unmöglich in einer Stadtwohnung abgelehnt werden müßte.

(Fortsetzung folgt.) LjZ ;

Persisches Frauen- und Familienleben.

Aus Anlaß der Europa-Reise des Schahs, e'./ Von Hermann Grelling.

(Nachdruck verboten.)

Die Frau ist in Persien, wie in allen Ländern, wo Poly­gamie herrscht, ein noli me tangere. Es ist streng verpönt, ihrer zu erwähnen, selbst der Arzt darf sich bei dem Manne nicht nach ihrem Befinden erkundigen. Sie lebt mit ihren Kindern und Dienern im Harem oder Gnderun, der Frauen­abteilung des Hauses, während der Mann sich tagsüber im Birun, dem Männergemach, aushält. Nur vor ihrem Gatten und einigen nahen Verwandten erscheint sie ohne Schleier, trotzdem führt sie imLande der Sonne" kein so abgeschlossenes und trostloses Leben, wie in der Türkei, sie hat viel Bewegungsfreiheit, geht und reitet viel aus, besucht die Bazare und Bäder, giebt Gastmähler, und besucht ihre Verwandten, begleitet ihren Mann auf Vergnügungs­reisen re., ja sie sucht sogar selber den Arzt aus, wenn sie leidend ist. Allerdings verwandelt sie sich, sobald sie das Enderun verläßt, in ein Geschöpf, das man weder Fleisch noch Fisch nennen möchte, und das einem aufrecht stehenden Strauß mit kurzen Beinen ähnlicher sieht, als jedem an­deren Ting, wenigstens auf dem Bilde. Sie bekleidet sich mit einem blauen Mantel, den sie über den Kopf zieht und bedeckt das Gesicht mit einer dichten Gesichtsmaske aus weißem Baumwollstoff, sodaß man nur die schwarzen, glänzenden Augen durch die Augenluken wahrnimmt.Tie faltigen kurzen Röcke und Kleider", erzählt ein Oester­reicher, der 40 Monate in Persien gelebt hat,stecken sie beim Ausgehen in Pumphosen, welche bis zu den Zehen­spitzen geschlossen sind, und daher auch die Strümpfe bilden, darüber tragen sie Schlappschuhe, ihre Bewegung und ihr Gang sind deshalb immer wackelnd und ungraziös." Natür­lich gleicht in dieser Tracht eine Frau der andern wie ein Ei dem andern, sodaß man höchstens an der Stimme er­kennt, ob man eine junge oder alte vor sich hat. Auch den­jenigen Frauen, welche galante Abenteuer suchen, oder Jn- triguen ausführen, kommt die Sitte sehr zu statten. Be­gegnet man auf der Straße einer Frau, fo ist es nicht an­ständig, sie anzusehen, löst sich zufällig ihr Schleier oder lüftet sie ihn, um besser atmen zu können, so wendet man sich ab, bis er wieder befestigt ist. Nur die Weiber der Nomadenstämme zeigen sich ohne die häßliche Hülle, ver­meiden aber die Blicke der Fremden.

In sozialer Hinsicht ist die persische Frau nicht viel besser als die Sllavin des Mannes, und die Heirat ist im Grunde nur eine Art Kauf, trotzdem darf man sich das Ehe- und Familienleben nicht allzu abschreckend vorstellen. Der Perser darf allerdings gesetzlich vier Frauen nehmen und außerdem noch solche auf Zeit in unbegrenzter Anzahl, doch ist bei dem gewöhnlichen Perser Monogamie die Regel, nud nur Prinzen und sehr reiche Leute gestatten sich den Luxus mehrerer grauen. Tenn das Heiraten kostet in Persien, wie überall, Geld, vielleicht noch mehr als anders­

wo, denn die Frau muß bezahlt werden; außerdem ist ihr Aufwand nicht billig, und der Mann muß ihr außerdem noch ein Heiratsgut verschreiben und sie für den Fall einer Scheidung entschädigen. Der weibliche Einfluß aus den Mann macht sich gerade so geltend, tote bei uns, und es giebt in Persien ebenso gut Pantoffelhelden, tote anderswo. Auf alle Geschäfte übt das Weib Einfluß, die Frau eines Gouverneurs oder Veziers mischt sich sogar in politische Angelegenheiten. Ja, in mancher Hinsicht erscheint das Land der Sonne als Eldorado: es giebt dort weder Hagestolze, noch alte Jungfern, wenigstens gehören letztere zu den ganz seltenen Ausnahmen.

Ter Perser ist sehr familiär, er kann nicht begreifen, wie jemand ohne seine Familie leben kann. Unter Brüdern und Verwandten besteht große Anhänglichkeit, ja der eins Bruder ist verpflichtet, im Falle des Todes des andern für dessen Hinterbliebenen, Witwen und Kinder zu sorgen. Wenn auch von eigentlicher Liebe, wie bei uns, zwischen dem Manne und seiner Auserkorenen nicht die Rede sein kann er bekommt sie nämlich vor der Hochzeit gar nicht zu sehen, so behandelt der Perser seine Frau doch gut, es kommt saft nie vor, daß ein Mann sein Weib mißhandelt. Wenn mehrere Frauen im Hause sind, bewohnt jede eins besondere Tlbteilung des Frauenhauses und hat ihre eigene Dienerschaft und Köche, denn keine traut der anderen und keine würde die Kost ihrer Nebenbuhlerin berühren. Tis Frau der ärmeren Klassen arbeitet und kocht dagegen für ihren Mann, tote bei uns auch, sie ist genötigt, Geld zu verdienen, und ernährt ihn in vielen Fällen sogar. Eins Frau höheren Ranges führt den Titel Chanum, der Titel einer Frau niederen Ranges ist Begum oder Badschi, eines niedrigsten Grades Saite. Doch herrschen im allgemeinen nicht so schroffe Standesunterschiede, wie in Europa;, ein schönes Mädchen niederen Ranges kann das Weib eines Großen oder selbst des Schah werden, und dann erlangen die Mitglieder ihrer Familie ost die höchsten Aemter. S» war die Lieblingssrau des Schah Nasser-edin eine arme Tischlerstochter, sie verdrängte, nicht einmal schön, alle anderen Frauen aus seiner Gunst, ihr Vater wurde Gou- verneur einer Provinz., und ihr Bruder und Schwager sahen sich, obwohl beide nicht einmal schreiben konnten, zN Kämmerlingen des Königs erhoben.

Im Harem nimmt in der Regel eine aus der Ver­wandtschaft stammende Frau die erste Stelle ein, sie ist die eigentliche Leiterin des Hauswesens, und die anderen Frauen müssen sich ihr unterordnen, ja dürfen sich vielsaöh ohne ihre Erlaubnis in ihrer Gegenwart nicht setzen. Tie persische Frau ist, tote Tr. Polak erzählt, der lange Jahre Leibarzt des Schah und Lehrer der medizinischen Schule zu Teheran war und "daher tiefere Blicke in das Familien- und Frauenleben des Reiches gethan hat, als alle anderen Reisenden, von Gestalt und Antlitz nicht unschön. Sie ist von mittlerer Statur, weder mager noch fett. Sie Hatz große, offene, mandelförmig geschlitzte Augen und sein ge­wölbte, über der Nase zusammengewachsene Brauen; ein rundes Gesicht wird hochgepriesen und von den Dichtern als Mondgesicht besungen. Tie Hautfarbe ist etwas brünett, eine weiße Haut wird deshalb sehr geschätzt. Tie Haars sind dunkelkastanienbraun." Tie Perserin wendet mancherlei kosmetische Mittel an, um ihre Schönheit zu erhöhen, sie schminkt ihr Antlitz tot' und weiß, färbt Haare und Augen­brauen schwarz, die Handteller, Nägel und Fußsohlen orangegelb. Ihre Haltung und ihr Gang sind graziös, sie ist sehr neugierig, kokett und putzsüchtig, und ihre Ausgaben für Toilettezwecke führen oft den Ruin des Mannes herbei, Tie Kleidung der vermögenden Frau besteht aus Shawl. ,Seide, Goldtressen und schwerem Broeat. Im Harem trägt sie sich natürlich anders als auf der Straße; da bedeckt den Kopf ein leichtes Shawlkäppchen, aus welchem nach hinten die Zöpfe hervorwallen; ein blaues oder rosa Hemd von dünnem Flor bedeckt die Brust; ein kurzes, enganliegen­des, vorn weit ausgeschnittenes Leibchen aus Seide, Shaivl oder Broeat reicht bis zu den Weichen, dazu kommen noch ein Wams und über mehreren Unterhosen eine saltenreichs

Pluderhose. , ... .

Tie gesetzliche Ehefrau heißt Akdi, die auf bestimmte Zeit geheiratete Sighe. Der Vertrag mit einer solchen kann auf beliebige Zeit, von einer Stunde bis zu 99Jahren, abgeschlossen werden, sie bezieht außer einer bestimmten Entschädigung noch eine Summe für den Fall rhres Muttes werdens. Während der Dauer des Vertrages steht sie nt