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„Ich Litte Dich, lieber Theophil, erspar es ihr. Wozu diese Demütigung? Das arme Kind ist nicht schuld daran."
„Nein, wissen muß sie es doch. In dieser Beziehung muß jeder für sich selbst entscheiden."
Traute wurde geholt.
Sie las den Brief und lachte laut auf. Ms sie jedoch die Gesichter ihrer Eltern sah, sing sie an zu weinen. Tann stanlpfte sie kräftig mit dem Fuß auf, zerknüllte das Schreiben und sagte stolz:
„Papa, schreibe dem Unverschämten, daß eine Belten sich nicht verschachert!"
Der Papa klopfte seinem Töchterchen aus die Schulter. „Bravo, das ist mein Nachgelaß."
Und so war die Sache erledigt. Man sprach nicht weiter darüber. Nur Hulde neckte Traute noch zuweilen in luftigen Momenten, und Traute wurde immer grausamer und virtnosenhafter in der Mimik des Nachahmens, wenn sie Vater und Sohn Lehmigke kopierte.
„Wer Paulchen, nicht so bange!" wurde ein geflügeltes Wort und bei jeder Gelegenheit mit Hochgenuß von den Schwestern angewandt.
In einem sehr höflichen, aber kühlen Schreiben lehnte Herr Velten den Antrag des jungen Lehmigke im Namen seiner Tochter ab. Wer so höflich der Brief war, er ließ doch in einigen feinen Wendungen deutlich fühlen, daß ein Schnapsfabrikant nicht der passende Schwiegersohn für die Familie Belten sei.
Diese kleine Genugthuung konnte sich der Schreiber nicht versagen für die etwas derben Rücksichtslosigkeiten, mit denen Lehmigke senior die wunden Stellen seiner bürgerlichen Existenz zuweilen bloßgelegt hatte.
Der alte Lehmigke geriet denn auch durch dieses Schreiben in grimmigen Zorn.
„Hochmütiges Bettelpack!" schrie er verächtlich, mit der Faust auf den Tisch schlagend.
Paul Lehmigke sagte kein Wort.
. „'Da hörst Du es. Du bist nicht gut genug für die Prinzessin Tochter! Na, Paulchen, wir werden noch unfern Spaß erleben mit den Leutchen. Das wird eine schöne Ko- mödre werden hier mit dem Haus und den Herren Mietern! Sie werden wohl immer ihren Bedienten 'rumschicken am Quartal, um die Miete einzukassieren, und wenn einer von den Mietern kommt, daß die Wasserleitung geplatzt ist ober daß der Ofen raucht, dann werden sie ihm den Standpunkt klarmachen, daß sie für solche Tinge zu vornehm lind. Na, mich dauern die Töchter, die sind jung und kennen die Welt nicht. Wer 'ne dumme Gans ist das Mädchen doch so eine Partie auszuschlagen, so eine gute Partie!"
Paul verließ schweigend das Zimmer.
„Ich glaube, er nimmt sich's zu Herzen", sagte Papa Lehmigke später zu seiner Frau, „er redet ja nicht viel, aber ich seh's ihm an. Und er bat keine rechte Freude an dem Geschäft. Es ist jammerschade, so ein schönes Gut und so ein schönes Geschäft! Der alte Velten versteht ja von nichts, und ich hätte ihn viel mehr übers Ohr hauen können, wenn ich. nicht ein anständiger Mensch wäre. Urid ich habe ihn wieder herausreißen wollen und die Tochter und die ganze Familie versorgen — alles um das schöne Mädchen, und weil ich sah, daß sie Paul ins Auge stach, wie noch nie eine, — aber sie wollen nicht — sie wollen nicht t—, da kann ihnen kein Gott und kein Mensch helfen!"
Drittes Kapitel. i 1
Ein kühler Septemberwind schüttelte bereits die gelben Blätter von den Bäumen und ein grauer Regenhimmel hing über der Landschaft, als drei große Möbelwagen vor der Hausthür in Brantikow standen, umgeben von einem wüsten Durcheinander von Kisten, Koffern, Möbeln, Packstroh, Papierfetzen und lärmenden Packknechten. Es war ' unglaublich, was sich seit Generationen alles in dem alten Herrenhaus aufgespeichert hatte an wertvollem und wert» losem Besitz, an Familienreliquien und an Plunder.
Wer auch den alten, lieben Plunder ließ man schweren Herzens zurück und es kostete Frau Velten manch heimliche heiße Thräne, sich von ausgedienten Kinderstühlchen und Wiegen, von wurmstichigen hausgroßen Urgroßmütter- schranken, von mächtigen Paradehimmelbetten und allerlei »erbrochenen Nippes zu trennen, von so vielen Dingen, oie mit der Familiengeschichte der VeltenS und mit ihren schönsten Erinnerungen verwoben waren.
ES war ein leidvoller, herzbrechender Abschied, den die
Familie da feierte, und allen war sterbensweh zu Mut. Aber sie beherrschten sich tapfer. Tie Dressur der guten Erziehung legte ihnen den nötigen moralischen Zwang ans. Keiner von ihnen verlor die Haltung. Selbst bei den er-, greifendsten Szenen nicht.
Am Tage vor der Abreise gang das Ehepaar mit seinen« Kindern — der einzige Sohn Arnim, der Oberprimaner^ war dazn gekommen, von Haus zu Haus im Torf. Sie sagten jeder alten Frau, jedem Tagelöhner Lebewohl.
Es war ein Trauerzug wie ein Leichenbegängnis, so viel Schluchzen und Wehklagen gab es da von feiten der! Dorfbewohner. Hier offenbarte sich, welch eine köstliche- edle Seite die Familiengeschichte der Veltens besaß. Da war keins von den stattlichen Bauernhäusern und ärmlichen Arbeiterhütten, das nicht mit Herzeleid die geliebte! Herrschaft scheiden sah. Hatte diese doch einig mit der ganzen Genreinde zusammengelebt in wahrhaft patriarchalischem Verhältnis. Da war keine Hochzeit, keine Taufe im Torf gewesen, bei dem sie nicht Gäste waren, da war kein Krankenbett, an den: Frau Belten nicht tröstend und hilfreich gesessen, kein Sarg war ans den Friedhof getragen, dem die Familie nicht mit den Leidtragenden gefolgt wäre.
„Tat iiberlebe ick nich", sagte manch ein alter Graukopf im Dorf, und immer und immer wurde schluchzend wiederholt: „Solche Herrschaft kriegen wir unser Lebtag nich wieder!"
Tie Familie saß nach diesem Schmerzensgang zu einem stummen, bedrückten Mahl beisammen, das nur unter Schwierigkeiten eingenommen werden konnte. Alle Möbel waren ausgeräumt, alles Porzellan verpackt, man saß auf Küchenschemeln und trank den Nachmittagskaffee ans! großen, geborgten Bauerntassen und einem seltsam zusammengestellten Kaffeeservice.
Während dieses Mahles ließ sich eine Deputation des Hofgesindes melden, die der scheidenden Herrschaft als Liebesbeweis kleine Andenken bringen wollte und die der erste Inspektor zu führen übernommen hatte. Tie Ge-j schenke waren von den Leuten herzlich gut gemeint, aber es konnte nicht anders als komisch wirken, wie die alte Schäferfrau mit einem Riesenblnrnentopf einem blühenden Goldlack, der Schäfer mit einem selbstgezogenei: jungen Hund an der Leine, der seinen Dimensionen nach ein stattlicher Fleischerhund zu werden versprach, der Gärtner mit einem selbstgeflochtenen Korb mit auserlesenen Früchten seines eigenen Gartens, und die alte, taube Kuhmagd mit mehreren Gebinden selbstgesponnenen Garns angezogen kamen. Der Inspektor in seinem besten Sonntagsstaat ließ seine Deputation aufmarschieren und nahm eine feierlich« Haltung an. Er räusperte sich stark, rückte an seiner Hals-i binde und begann mit vielem Pathos:
„Die gnädigste Herrschaft, die mit nnserm tiefsten Beileid hinfürd nicht mehr unsere gnädigste Herrschaft ist — wolle — solle >— möchte —"
Hier heulte der Hund leise auf und wurde energisch zur Ruhe verwiesen.
„Tre gnädige Herrschaft wolle allergnädigst ein paar Kleinigkeiten entgegennehmen, die das Werk unserer Lieb« und unserer eigenen Hände sind —"
Ter Hund protestierte mit lauteni, zornigem Behlen und bekam einen Fußtritt.
Traute kniff Arnim, mit dem sie auf einem Schemel saß, in den Arm und dieser schnäuzte sich, um sein Gesicht tm Taschentuch verbergen zu können.
Herr und Frau Velten tote Hulde hörten mit unerschütterlichem Ernst zu, und die ganze Deputation stand! tief ergriffen. Besonders malerisch waren die «Schäferfrau- die ihren Goldlack im Arm hatte, wie ein trauernder Genius seinen Palmenzweig, und die alte, taube Magd mit andächtig gefalteten Händen daneben.
„Mit Liebe und Freude", fuhr der Inspektor fort- „haben wir daran gearbeitet, als wir hörten, daß unsere gnädige Herrschaft uns verlassen wollen, und mit tiefbewußtem Schmerz — verdammter Köter, hau ihm doch mal eine runter —Der Hund hatte ein langgezogenes Geheul an gestimmt. — „Mit tiefbewußtem Schmerz stehen wir hier — in Liebe und Treue vereint zu einem Abschied, der es uns zur schönsten Pflicht und Notwendigkeit macht uns unseres Tankes zu entäußern. Wer weil der Mensch sich nicht so entäußern kann, wie's ihm ums Herz ist — weil —
In diesem Augenblick gab es einen unheilverkündende«


