Ausgabe 
7.6.1902
 
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1902.

Samstag den 7. Juni.

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stHbsc sich' dir'S selbst, wenn tut gefehlt; Füg' nicht, wenn Einsicht kam, Zum falschen Weg, den du gewählt, Auch noch die falsche Scham.

Grillparzer.

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Spät am Nachmittag kehrte Herr Velten aus der Stad,t zurück. Der Kontrakt war gerichtlich abgeschlossen und rechts­kräftig gemacht.

Tas alte Familiengut Brantikow, das Veltens Groß-- Vater bereits besessen, war nun in fremde Hände über- gegangen, er war nicht mehr Herr auf der heimischen Scholle, statt dessen aber Besitzer eines vierstöckigen Miets­hauses in Leipzig, das im Parterre ein Bierrestaurant und außerdem achtzehn kleinere Wohnungskompartiments hatte. Als Belten seinen Angehörigen die entscheidende Nachricht brachte, empfanden diese zum ersten Mal voll und ganz den Schmerz ihres Verlustes.

Aber hier zeigte sich Veltens liebenswürdiges Naturell. Er verstand es, die ©einen auf das herzlichste zu trösten und ihnen guten Mut einzusprecheu. Er selbst gab das beste Beispiel männlicher Würde im Ertragen des Unvermeid­lichen, er unterdrückte jede schwächliche Gefühlsseligkeit und suchte allem die beste Seite abzugewinnen.

Tas gute Bewnßtsein, das Geschäft wie ein Gentleman abgeschlossen zu habeir, tröstete ihn selbst über kleine Vor­teile, die Lchmigke ihm abgerungen hatte. Er wußte es ja, daß er es mit diesem gewiegten Geschäftsmann nicht aufnehm m konnte, nnd mit einem gewissen Stolz erzählte er-l-feiner Familie, wie er als Kavalier diesem Geldmenschen gegenüber den kürzeren gezogen habe.

Geschäftliche Routine und materielle Erwerbstüchtig­keit vertrugen sich durchaus nicht mit feinen Begriffen von Kavaliersehre. Selbstverständlich hatten feine Kinder, in diesen Grundsätzen erzogen, dieselbe Auffassung.

,So war man in Brantikow anfs tiefste empört und be­leidigt, _ als am folgenden Tage ein Brief des alten Leh- migke eintraf, der Vorschläge enthielt in betreff einer Ver­bindung seines Sohnes Paul mit Traute.

Trotzdem die Vorschläge äußerst großmütiger Natur waren, und für die Veltens fast, eine gänzliche Abnahme aller Sorgenlasten bedeuteten, und der Brief außerdem das herzlichste und wärmste Entgegenkommen ausdrückte, las man nur eine Demütigung heraus. Herr Velten kam ganz aufgeregt mit dem Brief zu feiner Frau.

Da, lies mal. Ah das ist wirklich stark!"

Fran Velten las. Sie las, daß ihre Tochter von einem reichen Mann zur Gattin begehrt wurde, der soeben Be­sitzer ihres alten, heißgeliebten Familiengutes geworden war. Und daß man sie in der Familie dieses Mannes mit freudigem Stolz aufnehmen wollte, trotzdem sie keine irdischen Güter besaß. Sie las, daß zu gleicher Zeit ihrem Gatten die Last der Verwaltung seines neuen Besitzes abge­nommen werden sollte Unter sehr annehmbaren Vorschlägen denselben wieder zu veräußern, die ihr und ihrer Familie zu einer standesgemäßen Existenz verhalfen haben würden.

Ganz blaß vor innerer Erregung legte sie das Brief­blatt nieder. Aber es war nicht die Erregung einer Freude ober Unschlüssigkeit. Nein, Frau Belten schwankte keinen Augenblick, daß es eine Sünde und Schande sei, ihr Kind für Geld zu verkaufen. Thränen der Demütigung traten in ihre Augen.

Ihr Kind, ihr liebes, schönes Kind war im ihren Augen beleidigt. Welch eine Zumutung. Traute, dem unge­liebten, tief unter ihr stehenden Manne zu geben!

Sie selbst hatte sich einst dem Gatten aus tiefer, schwärmerischer Herzensneigung vermählt, und eine Ehe, die nicht im Himmel geschlossen und direkt vom lieben Gott gewollt war, schien ihr eine Blasphemie.

Sie war allerdings die Erbin eines nicht nnbedenten- bett Vermögens gewesen unb ihr Erwählter der Besitzer eines schölten Gutes die Verhältnisse lagen etwas anders für ihre Töchter unb bte Zeiten hatten sich seitbem be- beutcnb verändert aber Frau Velten hielt fest an ihren Idealen.

Sie empfand in diesem Augenblick zum ersten Male bitter, daß das schützende Bollwerk ihrer bisherigen ex­klusiven Lebensstellung gefallen war.

Man kann den Leuten diese Taktlosigkeit nicht so übel nehmen", sagte sie mit vornehmer Milde,sie besitzen eben nicht das Unterscheidungsvermögen für die verschiedenen Grade der Erziehung unb Lebensstellung. Her Lehmigke hält si.ch' natürlich jetzt als Besitzer von Brantikow für unseresgleichen."

Natürlich. Ich glaube, 'er hält sich sogar für überlegen mit seiner Million.

Unbegreiflich. Es ist erschreckend, welch ein Geist jetzt int Volke herrscht. Sie wollen alle Klassenunterschiede anf- heben. Tas kommt von der zunehmenden Religionslosig­keit. Wie anders war es früher. Wenn der reiche Kauf­mann Metzner gu meinem seligen Vater kam, dessen Ver­mögen in seinem Geschäft angelegt war, so mußte er anti- chambriereti, unb eher wäre der Himmel eingestürzt, ehe mein Vater ihn zur Tafel gezogen hätte! Die Welt wird jetzt recht ungemütlich, aber es kann nicht so fortgehen. Ter liäbe Gott wird die Ordnung wieder Herstellen."

Ruf doch mal Traute, wir wollen hören, was das Kind dazu sagt.