Ausgabe 
7.5.1902
 
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Eva Schmidt aus Dresden!" rief die Landrätin plötz­lich lebhaft.

Na, dabei ist doch nichts Wundebares" sagte ihr Gatte, der schon darauf gewartet hatte, auch einmal wieder zu Worte zu kommen. Sie schwieg, aber ein herr­licher Plan stand sogleich bei ihr fest.

Sage mal, mein Lieber, ivie denkst Du Dir den weiteren Verkehr bei Litkowskys?" fragte der Laudrat, mit Behagen den Sektkelch gegen das Licht haltend, daß es in dem goldenen Naß wie Perlen emporstieg.

Theo Schmidt wurde ganz nervös.Himmel, was mache ich nur? Ich muß den Verkehr abbrechen, diese peinliche Situation tötet mich sonst. Ein schnelles Ende muß gemacht werden, aber wie?"

Ha, ein Gedanke!" Der Landrat war begeistert von seiner Idee;sehr einfach: Du bekommst Trauer, Dir stirbt ein naher Verwandter."

Ich bitte Dich, Sacken, ich habe gar keine näheren Verwandten als die Dresdener, die auch schon in zweiter Linie stehen."

Aber Freund, wozu führst Du den köstlich un­kontrollierbaren NamenSchmidt"! Dir stirbt ein Vetter Schmidt in Berlin, der Deinem Herzen sehr nahe stand; sagen ivir, die Elektrische hat ihn überfahren na, wer will Dir das Gegenteil beweisen? Meine Frau ist morgen bei der Schulrätin eingeladen, da sorgt sie gern für gütige Verbreitung dieser Hiobspost. Du erscheinst mit einem Flor und Trauergesicht, schreibst bei Litkowskys zu Himmelfahrt ab und kommst den Tag zu uns wir ver­leben ihn in aller Stille, der Trauer angemessen.: Nun sei kein Frosch, Theo, komme mir nicht mit mo­ralischen Bedenken, gieb dem Spießbürger in Dir einen Stoß. Gleich hier schreibst Du die Absage, und meine Frau heftet Dir einen Flor um."--

Als Theo Schmidt trotz seiner lügnerischen Vorbereit- ungen längst zu Hause den Schlaf des Gerechten schlief, saß die junge Landrätin noch lange auf und schrieb mit ?glühenden Wangen einen langen Brief an ihre Pensions- reundin Eva Schmidt, mit der die Beziehungen lange eingeschlafen waren.

Himmelfahrt! Goldiger Sonnenschein lachte über der Erde, die im holdesten Frühlingsschmuck glänzte. Ueberall frisches Grün, duftender Flieder und jubilierende Vögel. Ueberall frohe, geputzte Menschen, die sich zum Nach- inittagsspaziergang rüsteten. Mit schnellen Schritten und düsterem Gesicht eilte der junge Postdirektor durch die wenigen Straßen zu Landrats. Er war auf das tiefste verstimmt über seine heuchlerische Trauer, die nicht mehr rückgängig zu machen war und die ihm verzweifelt tvenig nützte. Denn eben erhielt er ein verbindliches Kärtchen von Frau Litkowsky, die sein heutiges Fernbleiben be­dauerte und ihn herzlich bat, in den nächsten Tagen ganz gemütlich zu ihnen zu kommen, was seinem trauernden Herzen gewiß Wohlthun würde! Auch das uoch!

Jetzt begegnete ihm der Regierungsveferendar, der eine Bestellung beim Landrat hatte und sich ihm anschloß. Er kondolierte dem Leidtragenden auf das wärmste. Theo Schmidt war wütend! Es war unerhört von Sacken neulich Abend, seine Stimmung so auszunutzen und ihn so zu bestimmen. Er würde es ihm sagen! Er würde ihm den Festtag verderben, wie er ihm selbst längst verdorben war.

In schlechtester Laune riß er an der Klingel und stand gleich darauf in dem sonnendurchfluteten Wohnzimmer. In einer plötzlichen Anwandlung von Schwäche lehnte er sich an den Thürpfosten. Was war das? Aeffte ihn ein Spuk? An dem zierlich gedeckten Kaffeetisch saß zwischen dem Ehepaar ein jugendfrisches Mädchen in tiefer Trauer Eva Schmidt. Glühendes Rot lag verräterisch auf ihren Wangen.

Er faßte nicht, was Sackens von Pensionsfreundschaft und dergleichen redeten. Seine Stimme klang ihm wie aus weiter Ferne, als er laut sagte:So in Trauer, Eva?"

Der Landrat sah hastig auf den Regierungsreferendar und sagte ernsthaft:Du weißt doch, lieber Theo, wie nahe Deine Cousine Deinem verstorbenen Vetter stand."

Theo Schmidt konnte keinen vernünftigen Gedanken fafsen; er hatte nur den unklaren Begriff, daß sie alles wußte, daß sie nun da war, und daß für ihn erst jetzt der Festtag/ angebrochen war.

Der Regierungsreferendar verabschiedete sich schnell, und Landrats führten ihre jungen Gäste auf die kleine Veranda, die einen entzückenden Ausblick in den früh­lingsduftigen Garten bot. Die Beiden sprachen nicht viel, sie sahen mit leuchtenden Augen in all die junge Schönheit da draußen, und durch ihre Herzen zog der alte Traum mit berauscheuder Wonne.

Die Stunden flogen. Die Landrätin fühlte plötzlich den dringenden Wunsch, nach dem Abendessen zu sehen, trotzdem sie keinen Schimmer vom Kochen hatte; sie ent­eilte und rief nach wenigen Minuten ihren Gatten heraus.

Als das Ehepaar nach geraumer Zeit zurückkehrte, war ihre Erwartung nicht getäuscht: Zwei Ueberglückliche hielten sich fest umschlungen.

Die Dunkelheit brach herein, und die Sterne blitzten eilig am klaren Himmel auf. Die Windlichter, die die Veranda erhellten, warfen ihren unruhig flackeruden Schein auf die vier fröhlichen Menschenkinder. Der Land­rat, der sich kein frohes Ereignis ohne Sekt vorstellen!, konnte, füllte immer aufs Neue die schlanken Kelche. Toast auf Toast wurde ausgebracht. Zuletzt erhob die in ihrem neuen Glücksgefühl und ihrer jugendlichen Schön­heit erstrahlende Braut das Glas, ließ es an die der anderen klingen und sagte mit glücklichem Lächeln:Auf ein frohes Wiedersehen zu nuferer Hochzeit: über's Jahr auf Himmelfahrt!"

Lrtterarisches.

Als vierter Baud des elften Jahrgangs der Veröffentlichungen desVereins der Bücherfreunde". (Geschäftsleitung: Verlagsbuchhand­lung Alfred Schall, Königl. Hofbuchhändler, Berlin W. 30) erschien:

Wildvogel. Roman von C. Drossel. Preis ge­heftet 3.75 Mk., gebunden 4.75 Mk. Für Mitglieder des, Vereins der Bücherfreunde" kostet der Band nur 1.85 Mk. geheftet, 2.25 Mk. gebunden.

In dem Roman werden die Kämpfe und Prüfungen einer genialen, feinfühligen Künstlerin, einer Geigerin, ge­schildert, die auf dem hohen Flug, in Sonnennähe vom Jkaridengeschick betroffen wird.

Im Augenblick höchster Seelen- und Lebensnot bietet sich ihr die rettende Hand eines ehrenhaften Mannes, der in ihr das Weib seiner Wahl sah.

Um diesen Kern des Romans, teils in Berlin, teils in ländlicher Stille spielend, gruppiert sich eine Reihe wirk- ungs- und lebensvoller Nebenfiguren, die die Spannung der Handlung wirksam unterstützen.

C. Tressel hat mit demWildvogel" einen sehr guten Familien-Roman geschaffen und derVerein der Bücher­freunde" hat mit diesem Buch wiederum eine gute Wahl getroffen.

Ausführliche Prospekte über denVerein der Bücher­freunde" liefert jede Buchhandlung und die Geschäftsleitung desVereins der Bücherfreunde" in Berlin W. 30.

Logogriph-Scherze.

(Es sind Wörter zu ergänzen, die sich nur in den angegebenen Buchstaben unterscheiden.)

1. Ihr a, dast ich cs für ei hatte, hier i zu schaffen.

2. Der f sank vor m ins b.

8. Mit bedauernder e sprach er zum a: Unsere u hat den Braten anbrennen lassen.

4. Auf dem n führte eine stattliche d einen Kahn voll s.

5, Ich schonte nach dem r und sah nicht den großen i auf dem Wege. (Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.:

W. Ka2, Dh3, Sb6, 15, Bb5, h4.

Schw. Ke4, Lai, a8, Sb7, Be5, 16, 7, hG.

1. SbGd7, Kd5. 2. Df3 +. 1. . . ., Kf4. 2. Dfl -f-.

1.....beliebig. 2. 816: +.

Auflösung des Preisrätsels in Nr. 58

Hahn Apfel Hand Arie Had Insekt

der Familrenblätterr Nabel

Ente

Hirt Igel Rettig Taffe

Netz Essen Tafel Zange

Es gingen insgesamt 36 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 11; Einsender: Erhard Attig, Gießen, Slefanstr. 11. *

Der Preis Hauffs Werke, 2 Bde., geb. ist von dem (Se­lo inner gegen Vorzeigung der Abonnementsquitlung in der Geschäftsstelle derFamilienblätter" in" Empfang zu nehmen.

Redaktion: I, V.: R. Dittmann. Rvtatioitsdrnck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei (Pietfch Erben) in Gießen.