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„Ach was, das Ganze ist ja! schließlich doch nur eine Formsache."
„Die Taufe ist eine Formsache?" ,
„Ja, das mit den Gevattern und Gevatterinnen. Es ist wirklich ganz gleichgiltig, wer Gevatter steht, oder ob ein Kind überhaupt Gevattern hat. Außerdem ist Rudolf ein treuer g,uter Mensch."
„Davon ist hier nicht die Rede. Hier handelt es sich darum, wie weit er sich um die christliche Erziehung unseres Kindes kümmern würde, falls wir sterben sollten."
„Du steckst noch in all dem alten orthodoxen Kram mit seiner ganzen Steifheit und seinem toten Formwesen. Ja, Du brauchst Dich nicht so zu ereifern, denn im Grunde ist es mir ganz gleichgültig, wer Gevatter steht; so viel will ich Dir aber doch sagen, Rudolf soll mit dabei fein."' (Fortsetzung folgt.)
Himmelfahrt.
Eine Kleinstadt-Episode von Barbara von Blomberg.
1 (Nachdruck verboten.)
Ein unverheirateter Postdirektor, das war einfach eine unhaltbare Situation, der schleunigst abgeholfen werden mußte. Entweder mußte der Mann heiraten, oder mit enormer Junggesellensteuer belegt werden; — ba Letzteres aber noch immer nicht staatlich bewilligt, blieb nur das Eine: er mußte heiraten.
Darüber war sich ganz Herlberg nut fernen 5000 Einwohnern klar, sobald der Postdirektor Schmidt dorthin versetzt war. Nachdem er Visite gemacht, war das Urteil über ihn ein allgemeines: nicht mehr ganz jung, schon etwas bedenklich hohe Stirn, was ihm aber gut stand; eine gewisse schüchterne Reserve der holden Weiblichkeit gegenüber, aber sehr liebenswürdig, ganz außerordentlich
schlanke Blondine mit zarten Farben, war heute ganz besonders aufgeräumter Stimmung. „Spielen Sie sich nur nicht als eingefleischter Hagestolz auf, Herr Schmidt", rief sie munter. „Sie find es ja doch die längste Zeit gewesen."
Der Landrat machte seiner Frau vergebens warnende Zeichen; er hatte ihr dies Thema auf das eindringlichste untersagt. Er selbst hatte es nie berührt, aus dem einfachen Grunde, weil er einen Reinfall fürchtete. Er würde nie versucht haben, seinen Freund von Fräulein Litkowsky abzubringeik, die er bei sich respektlos eine alte Schachtel nannte. Theo Schmidt war alt genug, seinen Weg allein zu finden. Aber die Frauen konnten doch nie das Einmischen lassen. Man sah der jungen Landrätin die übermütigste Kampfeslust an. ,c
„Heucheln Sie nur nicht, Herr Schmidt, das Ende der Geselligkeit war Ihnen sicher ein Stich ins Herz; aber lassen Sie nur, Himmelfahrt wird ja Fräulein Lit- kowskys Geburtstag gefeiert, es sind nur noch wenige Tage bis dahin."
„Aber Gretchen", mahnte der Landrat.
Theo Schmidt war ganz perplex über den unerwarteten Angriff. „Was wollen Sie eigentlich, gnädige Frau", sagte er mit einem unsicheren Lächeln, „Sie denken doch nicht ettoa„23etoaljre! Daran denkt kein Mensch", warf der Landrat hastig ein. „Prosit, alter Junge, wie schmeckt Dir die Bowle?"
Er kam sich sehr gewandt Bei dem schnellen Themawechsel vor, aber sein Freund hörte es kaum; er sah unruhig auf seine Gastgeber und stammelte: „Die glauben doch nicht etwa, daß ich mich mit der Dame verloben ^^Aber natürlich glauben wir das", lachte Gretchen Sacken gemütlich, „ganz Heilberg wartet mit uns, daß Himmelfahrt die Sache zum Klappen kommt.
Der arme Theo Schmidt fiel aus den Wolken; er gehörte zu den harmlosen Seelen, die selten das merken, was ihre eigene Person betrifft.
„Ich hatte nie die Absicht", versicherte er immer von Neuem und wurde ganz warm bei dem Thema. Der Landrat strahlte, daß sich sein lieber Theo noch bei Zeiten aus der Afsaire ziehen konnte. Das mußte begossen werden. Der Diener brachte Sekt, und es wurde ein höchst gemütlicher Abend. ,, ,,,
„Ist Ihr Herz denn wirklich ganz unverwundbar?" ftagte die junge Frau, das interessante Thema festhaltend.
Theo Schmidt wurde nachdenklich. „Doch! wohl nicht, gnädige Frau. Sehen Sie, als ganz junger Mensch habe ich auch die Hochflut des Verliebtseins durchgemacht; alle halbe Jahre war es eine andere. Dann kam eine Ebbe durch viele Jahre, und dann — ।—" er stockte einen Moment; er war eigentlich eine verschlossene Natur, aber heute war ihm das Aussprechen eine Wohlthat; er war ja auch in so intimen Freundeskreise, alles war traut und stimmungsvoll — mochte das auch gesagt sein, das wie ein köstlicher Traum durch seine Seele gezogen. — »Das war eine merkwürdige Geschichte. Ich war seit einem Jahrzehnt nicht in dem Hause meiner einzigen noch, lebenden Verwandten gewesen, und als ich nun vor zwei Zähren wieder hinkam, da hatte es mir die einzige Tochter Eva gleich angethan. Ihre blühende Schonheu, ihr sonniges Wesen, alles das riß mich zu hellauflodernder Liebe hm. Wochenlang blieb ich in dem Hause, wo ich mich nur für drei Tage angemeldet hatte, dann brach ich ganz unvermittelt auf, ich entfloh. Es war nach dem Himmel- fahrtsfest, wo viele Gäste gekommen und Eva wie immer so umschmeichelt und umdrängt war, daß ich ihr nicht nahe« kam. Da fühlte ich, meine Wünsche griffen zu hoch, sie ließen sich nie erfüllen, darum fort aus diesem Zauberbann. Ich wollte mich bei dem reichen, von allen bevorzugten Mädchen nicht lächerlich machen nut meiner ! Werbung. Verwunden habe ich es aber noch immer
Frau von Sacken hatte ihm mit großem Interesse zugehört; heiß wallte das Mitleid in ihr auf und zugleich der echte Frauenwunsch, hier helfen zu können. „Ist lte """ „MunderbarÄeise nein; fie ist jetzt ö^iundzwanzig ungewöhnlichen Namen „Schmidt.
sogar.
Fräulein Litkowsky, die älteste Tochter der verwitweten Baurätin, fand Letzteres fraglos auch. Sie hatte eine üppig blühende Phantasie und träumte sich so fest in den Gedanken, ihn bald als liebende Gattin zu empfangen, daß sie sich wirklich in acht nehmen mußte, ihn nicht plötzlich mit „Theo", seinem Vornamen, anzureden. Ihr allem kam dieser Mann zu, das war doch klar; sie war die älteste unverheiratete Dame der Gesellschaft, hart an die Dreißig. Sie konnte nicht mehr auf die Kandidaten und Referendare rechnen, wie die klebrigen; —■ folglich hatte sie das meiste Anrecht auf Theo Schmidt.
Der Mutter, einer bedenklich zur Fülle neigenden alten Dame, die für jeden ein liebenswürdiges Lächeln hatte, fiel die Rolle der künftigen Schwiegermutter nicht schwer. Das gab einen interessanten Winter, wie seit einem Jahrzehnt nicht; da wurden Toiletten Beraten und sehr häufig gesellige Abende arrangiert; da wurde geflüstert und gelächelt, daß der etwas verBifsene Zug um Fräulem Lit- kowskys Mund ganz verschwand und die Wangen noch einmal im sanften Rosenrot erstrahlten. Der Gesprächsstoff ging den Beiden Damen nie mehr aus, was sich früher oft fatal Bem er 16 ar machte. Da wurde schon die Aussteuer Besprochen und viel bestritten; denn die Frau Baurat war zu sehr für das Praktische, fand sie doch sogar Einsätze in den Kopffissen Luxus — was doch jeher anständige Mensch hat — wie die Tochter meinte.
In der Naivität, die solchen Situationen eigen, kamen sich die Damen sehr geheimnisvoll vor. Nun, die guten Heilberger waren auch nicht auf den Kopf gefallen. Es war schon längst Bei den Kaffeegesellschaften zu erregten Debatten gekommen, ob es „was würde" oder nicht. Der junge Postdirettor war ja zweifellos sehr liebenswürdig zu Fräulein Litkowsky, aber er war doch eigentlich viel zu schade für sie. ..
So waren die Monate mit den bescheidenen Kasino- festen tije dansauts dahin gegangen; am zweiten Osterfeier- tag war die letzte gesellige Vereinigung gewesen.
Der junge Postdirettor nahm mit Entzücken die Stille des Frühlings war. Die Saison war ihm zu lebhaft gewesen; er war kein leidenschaftlicher Tänzer ober Skatspieler, und das ununterbrochene Unterhalten hat in so kleinem Kreise seine Schwierigkeiten, man sprach sich zuletzt aus. Das alles sagte Theo Schmidt auch seinem Freunde und einstigen Schulkameraden, dem Landrat von Sacken. Fast ade * ■ " So hatten sie sich auch heute
macht; der Landrat hatte sogar
Sonntage war er bei ihm. < einen gemütlichen Abend gemacht; der eine kleine Maibowle gebraut, ©eine junge Frau, eine


